Personenschutz-Experte erklärt

Angela Merkels Zitter-Anfall: Hätten Bodyguards einschreiten müssen?

19. Juni 2019 - 18:39 Uhr

Dramatischer Merkel-Moment: Bodyguard im RTL.de-Interview

Ein Personenschützer erklärt im RTL.de-Interview, wieso niemand der Kanzlerin im dramatischen Zitter-Moment zur Hilfe geeilt ist. Die Aufnahmen der zitternden Angela Merkel - und was sie in der Pressekonferenz dazu sagte -  sehen Sie im Video oben.

Wie sicher war die Kanzlerin?

Es war ein dramatischer Moment am Dienstag im Ehrenhof des Kanzleramts: Bundeskanzlerin Angela Merkel steht links neben dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Als die ersten Töne der deutschen Nationalhymne zu hören sind, beginnt die Kanzlerin zu zittern. Ein paar Sekunden später bebt sie am ganzen Körper. Die Kanzlerin kämpft sichtlich darum, Haltung zu bewahren und das Zittern zu unterdrücken.

Später sagt Merkel: "Ich hab' inzwischen mindestens drei Gläser Wasser getrunken, das hat offensichtlich gefehlt. Und insofern geht es mir sehr gut." Auch wenn das Zittern wohl auf Dehydrierung oder Unterzuckerung zurückzuführen ist, sah die Situation doch brenzlig aus. Die Frage: War sicher war die Kanzlerin in diesem Moment? Und: Warum ist ihr niemand sofort zur Hilfe geeilt?

Sicherheitsstab war in Alarmbereitschaft

Personenschützer Helwig Finger
Personenschutz-Experte Helwig Finger.
© RTL Interactive

Der Personenschutz-Experte und Oberfeldwebel a. D. Helwig Finger sagte im Interview mit RTL.de: "Hier hätte ich noch nichts gemacht, aber den Abstand zur Kanzlerin etwas verringert und die ärztliche Versorgung vor Ort in Alarmbereitschaft versetzt. Ich bin sicher, dass das auch – für die Öffentlichkeit unsichtbar – so vorbereitet worden ist."

Finger war sieben Jahre als Personenschützer für den ehemaligen Wirtschaftsministers Hans Friderichs (FDP) tätig. Seit 1985 betreibt er eine Sicherheitsagentur und Sicherheitsakademie.

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„Balanceakt“

Im Falle der Kanzlerin sagt Finger weiter: "Es wird auch hier der Fall gewesen sein, dass man sich bereits im Vorfeld darauf verständigt hat, dass die Kanzlerin im Notfall ein bestimmtes Zeichen gibt und die Bodyguards dann etwas sehen, was wir nicht sehen." Trotzdem: So einfach ist die Einschätzung einer solchen Situation gar nicht.

"Greifen wir als Bodyguards zu früh ein, dann haben wir vielleicht auch ein Problem." Weiter: "Es ist also ein Balanceakt. Das kann auch schief gehen – wenn dann wirklich jemand zusammenbricht. Aber ich gehe schwer davon aus, dass jemand in den nächsten zehn Sekunden bei der Kanzlerin gewesen wäre."

„Kanzlerin war versorgt“

Ebenfalls eine wichtige Rolle spielen die persönlichen Berater und Vertraute der Kanzlerin. Wenn es allerdings um Sicherheitsfragen geht, dann sei in dem Fall der Kommandoführer federführend. "Das ist ganz genau festgelegt, wer eingreift." Für den Schutz von hochrangigen Politikern sind in Deutschland ausschließlich das Bundeskriminalamt (BKA), das Landeskriminalamt (LKA) oder die Abteilung Sicherungsgruppe zuständig. Personenschützer von Politikern haben eine besondere Ausbildung, müssen sich sicher sein, dass sie der Verantwortung gewachsen sind.

"Die persönliche Chemie mit dem Politiker muss auch stimmen. Das ist ganz wichtig. Wir sehen deswegen bei vielen Politikern, dass da immer wieder die gleichen Teams arbeiten." Und war Merkel in dem Moment gestern wirklich in Sicherheit? Finger: "Ja, die Kanzlerin war in diesem Moment versorgt. Dass es im absoluten Ernstfall dann vielleicht zwei Sekunden länger dauert, weil man auf ein Zeichen wartet, das kann natürlich sein."