Bundeskanzlerin im RTL-Interview

Die Corona-Krise hält Kanzlerin Angela Merkel nachts wach

08. Februar 2021 - 8:32 Uhr

Das ganze Interview mit Angela Merkel im Video

Es ist ihr letztes Jahr als Kanzlerin. Und vermutlich ist es auch ihr schwerstes Jahr. Die Corona-Pandemie hat das Land in einem noch nie dagewesenen Ausmaß im Griff. Die Regierung versucht seit Monaten, der Infektionslage Herr zu werden: Mit Lockdowns, Homeschooling, Kontakt-Beschränkungen und auch mit der langersehnten Impfung. Das ist belastend und nicht alles läuft rund, viele Bürger haben Ängste und Sorgen.

Auch die Kanzlerin wacht nachts öfter auf und grübelt, verriet Angela Merkel im Interview mit Moderatorin Frauke Ludowig und RTL-Politik-Chef Nikolaus Blome. Besonders betroffen zeigte sie sich über Schicksale von alten Menschen, die bei ausbleibenden Impfungen in Angst vor einer tödlich verlaufenden Corona-Infektion leben müssen.

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Merkel: "Vorsichtig sein, damit auf den letzten Metern nicht so viele Menschen noch sterben“

Video: Gastronom, Frisör und Mutter – wie reagieren die Bürger auf die Aussagen Merkels?

"Für uns alle wird es sehr lang. Die Pandemie dauert jetzt schon fast ein Jahr und als wir angefangen haben letztes Frühjahr, da dachte man vielleicht nach dem Sommer ist das Schwerste geschafft.", so Merkel. Man habe viel von einer zweiten Welle gelesen, aber es dauere. "Trotzdem können wir sagen, der Scheitelpunkt der zweiten Welle ist überschritten, wir müssen jetzt noch ein bisschen durchhalten und dann kommt auch zunehmend die Impfung, die Krankenhäuser sollen bald entlastet sein, weil die Älteren nicht mehr so krank werden. Also, ich sehe ein leichtes Licht am Ende des Tunnels, aber es ist eine unglaublich schwere Zeit."

Eine schwere Zeit, die auch sie belaste. "Ich wache auch schon mal nachts auf und denke über die Dinge nach. Ich möchte ja bei den Entscheidungen die Sachen gut durchdacht haben, ich überlege das hin und her und rauf und runter, bevor ich eine Entscheidung treffe und das beschäftigt mich schon." Sie könne in diesen Zeiten schlecht abschalten. "Ganz, ganz viele Menschen leben doch in der Pandemie, lernen in der Pandemie, mit der Pandemie, von der Pandemie. Also, es ist schon sehr dominant als Thema", so Merkel.

Besonders betroffen zeigte sie sich über Schicksale von alten Menschen, die bei ausbleibenden Impfungen in Angst vor einer tödlich verlaufenden Corona-Infektion leben müssen. "Da gibt es dramatische Schicksale", sagte Merkel. Umso mehr müsse man die anderen Schutzregeln einhalten, gerade in den Pflegeheimen. Merkel wörtlich: "Wir müssen jetzt ganz, ganz vorsichtig sein, damit auf den letzten Metern nicht so viele Menschen noch sterben."

Zugleich betonte Merkel, wie ungewöhnlich schnell Impfstoffe zustande gekommen seien. Merkel: "Wenn sie mich im Sommer des Jahres 2020 gefragt hätte, ob wir zu Weihnachten einen Impfstoff haben, wäre ich ganz zögerlich gewesen das zuzusagen. Ich finde, das ist schon ziemlich schnell gegangen."

Merkel über finanzielle Sorgen der Bürger: „Ängste können wir nicht ersetzen“

Auf die Frage, ob sie persönlich jemanden kenne, der arbeitslos geworden sei, der seine Existenz verloren habe, sagte Merkel: "Ich kenne viele, viele schwere Schicksale natürlich, wo Menschen echte Existenzängste haben. Wir versuchen, politisch zu helfen, aber diese Ängste, diese Sorgen "wie geht es weiter?", die können wir natürlich nicht ersetzen."

Die Gedanken an diese Menschen nehme sie auch mit nach Hause. "Es heißt nicht umsonst, ich bin immer im Dienst." Sie denke natürlich viel nach. "Abends, morgens, immer wieder frage ich mich, was kann man besser machen, tausche mich aus, frage Experten, frage andere Politiker, wäge natürlich auch die unterschiedlichen Meinungen ab."

Immer wieder müsse sie dann auch harte Entscheidungen treffen und "wie gerne würde ich auch was Gutes verkünden, aber es hat ja keinen Sinn, wir dürfen ja auch keine falschen Hoffnungen wecken", so Merkel.

Nicht dem Irrtum verfallen, wenn Europa geimpft sei, dann sei Corona weg

Angela Merkel im RTL-Interview mit Frauke Ludowig und Nikolaus Blome
Merkel verteidigte ihre Entscheidung, die Impfstoffe über die Europäische Kommission zu erwerben, die wegen geringen Bestellmengen und des späten Bestellzeitpunktes heftig kritisiert wird.
© Bundesregierung

Der Hoffnung auf schnelle Lockerungen erteilte Merkel eine Absage: "Die Zahlen gehen deutlich runter, da haben Sie vollkommen recht. Aber wir haben gesagt, wir müssen erreichen, dass die Gesundheitsämter wieder die Kontrolle über die Kontakte bekommen." Bei maximal 50 Fällen pro 100.000 Einwohner seien wir derzeit leider noch nicht. "Es wäre für uns alle das Beste, wir würden die Fälle soweit runterdrücken, dass wir auch wirklich Spielraum zum Öffnen haben, denn was wäre denn gewonnen, wenn wir jetzt 14 Tage die Schulen wieder aufmachen, das wäre eine gute Botschaft und nach 14 Tagen geht alles wieder zurück, das wäre falsch."

Wie lange werden wir noch mit dem Virus leben müssen? Wann kommt unser "normales Leben" zurück? "Ganz normal wird die Welt erst, wenn alle die Chance zum Impfen hatten" so Merkel. Wir dürften nicht dem Irrtum verfallen, wenn wir hier in Europa einigermaßen geimpft sind, dann ist das weg. "Wir sind ja verbunden mit dem Rest der Welt. Und wenn sich dann in Afrika Mutationen herausstellen würden, oder in anderen Ländern, dann kommen die auch wieder zu uns."

Merkel verteidigte ihre Entscheidung, die Impfstoffe über die Europäische Kommission zu erwerben, die wegen geringen Bestellmengen und des späten Bestellzeitpunktes heftig kritisiert wird. Merkel: "Es ist einfach nicht erwiesen, dass, wenn wir mehr bezahlt hätten oder mehr bestellt hätten, wir am Anfang mehr bekommen hätten." Der Impfrückstand auf Großbritannien erkläre sich durch die dortige "Not-Zulassung", so die Kanzlerin. Die EU habe sich für einen "gründlichen Weg" entschieden. Merkel: "Deshalb ist es ein bisschen langsamer gegangen, das ist richtig, aber ich glaube, wir werden da auch noch ein ganzes Stück aufholen."