Flucht nach Norwegen

Erstmals flieht ein Wagner-Kommandeur in den Westen – was der Mann weiß, lässt Söldner-Chef Prigoschin keine Ruhe

Andrej Medwedew quittierte seinen Dienst bei der Wagner-Truppe und fürchtet nun um sein Leben
Andrej Medwedew quittierte seinen Dienst bei der Wagner-Truppe und fürchtet nun um sein Leben
Screenshot VK/Andrej Medwedew

von Ellen Ivits

Vier Monate lang kämpfte Andrej Medwedew in den Reihen der Wagner-Söldner in der Ukraine. Und sein Wissen macht ihn für die Privatarmee Putins gefährlich. Jetzt ist ihm die Flucht nach Norwegen gelungen, während in Russland Jewgeni Prigoschin Jagd auf ihn macht.

Zuflucht in Migrationszentrum in Oslo

In der Nacht zum vergangenen Donnerstag ist es einem ehemaligen Kommandanten der 1. Abteilung des 4. Zuges der 7. Angriffsabteilung der so genannten Söldnertruppe Wagner gelungen, Russland zu verlassen und nach Norwegen zu fliehen. Über seine abenteuerliche Flucht berichtete Andrej Medwedew in einem Gespräch der Rechtsschutzorganisation Gulagu.net (Nein zum Gulag). In der Nähe der russischen Grenzstadt Nikel überquerte er über den zugefrorenen Fluss Pasvikelva die russisch-norwegische Grenze. Ein weißer Bademantel half ihm nicht nur den Stacheldraht zu überwinden, sondern auch den Verfolgern des russischen Grenzschutzes zu entkommen, erzählte er.

Nun befindet sich Medwedew in Oslo in einem Migrationszentrum und hofft auf politisches Asyl. Es ist sein Insider-Wissen, was ihn sowohl für die europäische Strafverfolgung als auch Geheimdienste interessant macht. Gleichzeitig ist sein Wissen der Grund, warum er aus Russland fliehen musste.

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Andrej Medwedew: "Mir drohte eine Erschießung"

"Ich werde von meinem ehemaligen Arbeitgeber gejagt", sagt er in seinem ersten Interview aus Oslo. Gemeint ist die Söldnertruppe Wagner. "Mir drohte eine Erschießung oder dasselbe Schicksal wie Nuschin, der mit einem Hammer erschlagen worden ist." Der Wagner-Söldner Jewgeni Nuschin wurde im November vor laufender Kamera hingerichtet, weil er sich den ukrainischen Streitkräften ergeben hatte. Vor seiner Flucht gehörte Nuschin jener Abteilung an, über die Medwedew das Kommando führte. "Ich habe Angst, qualvoll zu sterben", sagt Medwedew jetzt.

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Der Ausstieg bei der Wagner-Truppe

Erstmals war Medwedew im vergangenen November in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten. Damals kontaktierte er die Aktivisten von Gulagu.net, die sich vor allem der Bekämpfung von Korruption und Folter in russischen Gefängnissen verschrieben haben. "Im Krieg haben die Söldner keine Vor- und Nachnamen, sie kennen sich nur unter Kampfnamen", berichtete damals der Gründer von Gulagu.net, Wladimir Ossetschkin, aus seinen Gesprächen mit Medwedew. Der 26-Jährige kämpfte im Krieg unter dem Namen Dzhoga. Doch dann beschloss er, das Regime des Schweigens und des Gehorsams zu brechen.

In einem kurzen Video erklärte Medwedew, am 6. Juli 2022 einen viermonatigen Vertrag bei der Wagner-Truppe unterschrieben zu haben. Als der Vertrag auslief, habe er die vermeintlich private Söldner-Gruppe verlassen wollen. Doch da habe er erfahren müssen, dass die Führung seinen Vertrag ohne seine Einwilligung verlängert hatte – zunächst um sechs, dann um acht Monate.

"Der Einstieg kostet einen Rubel, der Ausstieg das Leben"

Zu diesem Zeitpunkt war Medwedew jedoch nicht mehr bereit, für die Wagner-Truppe in den Kampf zu ziehen. Das Video zeigt, wie er demonstrativ auf die frisch errichtete Zentrale der Söldner in Sankt Petersburg zumarschiert und seine Dienstmarke dem überraschten Wachmann in die Hand drückt. "Alles Gute", wünscht ihm Medwedew und geht.

Am nächsten Tag begann die Fahndung nach Medwedew. Dem Chef der Wagner-Truppe, Jewgeni Prigoschin, seien sofort das Innenministerium von St. Petersburg und der Region Leningrad, der föderale Sicherheitsdienst und die Kriminalpolizei zur Seite gesprungen, berichtete Gulagu.net. "Aber wie so oft bei den Mafiosi: Der Einstieg kostet einen Rubel, der Ausstieg das Leben", kommentierte Gulagu.net-Leiter Ossetschkin damals die Situation.

Andrej Medwedew tauchte derweil unter. Mitte Dezember folgte dann der große Knall. Gulagu.net veröffentlichte ein langes Interview mit dem ehemaligen Wagner-Kommandeur – und er bestätigt, was schon längst vermutet wurde: Die Wagner-Truppe verbreitet nicht nur selbst Terror. Der Terror regiert auch in den Reihen der Söldner. Er wisse von mindestens zehn Hinrichtungen, erzählte Medwedew. Einige habe er mit eigenen Augen mitangesehen.

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Hinrichtungen sollen für Disziplin sorgen

Mit der Rekrutierung von Häftlingen aus russischen Gefängnissen im vergangenen Sommer hätten auch die Hinrichtung von Verweigerern und Deserteuren begonnen. Mit dem Versprechen auf Geld und eine Begnadigung in sechs Monaten, seien die Häftlinge in die Wagner-Truppe gelockt worden. Um ihnen zu demonstrieren, was im Fall einer Fahnenflucht geschieht, habe die Führung der Söldner zu dem drastischen Mittel gegriffen.

"Ich war Zeuge mehrerer solcher Momente, Hinrichtungen von Sträflingen. Sie wurden vor die Reihen der anderen Häftlinge geführt und zum Zwecke der Einschüchterung öffentlich hingerichtet", berichtete Medwedew.

Eine Spezialgruppe des Sicherheitsdienstes der Wagner-Truppe sei für die Hinrichtungen zuständig. "Mjod" sei ihr Kampfname gewesen, zu Deutsch Honig. Medwedew glaubt, dass diese Spezialgruppe entweder aus pensionierten oder aktiven FSB-Mitarbeitern bestehen muss. Das schlussfolgert er aus der Beobachtung, dass sie ohne Kontrollen die russische Grenze passieren konnten. Reguläre Wagner-Truppen hätten jeglichen Kontakt mit dieser Spezialgruppe gemieden. Jede Berührung habe als "schlechtes Omen" gegolten.

Hingerichtete und Gefallene verscharrt

Die Leichen der Hingerichteten hätte man an Ort und Stelle verscharrt. Sie würden als Vermisste eingestuft, um den Hinterbliebenen nicht die versprochenen Gelder auszahlen zu müssen, ist sich Medwedew sicher. Dasselbe Schicksal ereile aber auch oft Kämpfer, die an der Front sterben.

Dem russischen investigativen Medium "The Insider" erzählte Medwedew, er sei im Besitz eines Videos, das die Hinrichtung von Wagner-Söldnern in der Stadt Altschewsk im Osten der Ukraine zeigt. Zum Zeitpunkt des Interviews war Medwedew noch auf der Flucht. Sollte ihm etwas zustoßen, werde das Video veröffentlicht werden, versprach er damals.

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Auch ukrainische Gefangene hingerichtet

Mitglieder der Mjod-Einheit hätten jedoch nicht nur Verweigerer aus den Reihen der Häftlinge hingerichtet, sondern auch ukrainische Gefangene, erzählte Medwedew. Der ehemalige Söldner erinnerte sich an das Schicksal von vier ukrainischen Soldaten, die bei dem Angriff auf Bachmut in die Gefangenschaft geraten waren. "Die Jungs haben sich ergeben, sie stellten tatsächlich keine Bedrohung dar. (...) Wir übergaben sie an den Zugführer. Sie wurden befragt, aber hatten keine Informationen. Dann traf die Mjod-Gruppe ein. Die Gefangenen wurden in der Nähe des Dorfes Klinowoe erschossen." Das Dorf befindet sich rund sechs Kilometer von Bachmut entfernt.

Er hoffe, dass seine Aussage eine Schlüsselrolle bei den Ermittlungen gegen die Wagner-Truppe spielen werde, sagte Medwedew in seinem ersten Interview nach der Flucht nach Norwegen. "Ich hoffe wirklich, dass meine Berichte vielen Müttern Schwestern, Brüder, Kindern helfen werden, ihre Angehörigen zu finden", erklärte er im Gespräch mit Gulagu.net. "Vielleicht wird es möglich sein, eine Art Rache an der Wagner-Truppe für den Tod geliebter Menschen zu nehmen."

Jewgeni Prigoschin dichtet Medwedew norwegischen Pass an

Unterdessen bestätigte Jewgeni Prigoschin höchstpersönlich, dass Medwedew in seiner Truppe gedient hat. Der Chef der Söldner ließ über seinen Pressedienst mitteilen: "Ja, tatsächlich, Andrej Medwedew arbeitete im norwegischen Bataillon der privaten Söldnergruppe Wagner, das Nidhogg heißt, da er die norwegische Staatsbürgerschaft hatte. Er muss wegen versuchter Misshandlung von Gefangenen strafrechtlich verfolgt werden", behauptet Prigoschin. "Seid vorsichtig, er ist sehr gefährlich."

Dem entgegnete Medwedews Anwalt Brynjulf Risnes gegenüber dem norwegischen Sender NRK: "Soweit ich weiß, hat er keine norwegische Staatsbürgerschaft oder irgendeine frühere Verbindung zu Norwegen. Das klingt nach einer seltsamen Erklärung."

Waise aus Tomsk

Tatsächlich stammt Medwedew aus der Region Tomsk. Der Mann verbrachte seine Kindheit in einem Waisenhaus. Seine Mutter starb, seinen Vater lernte er nie kennen. Nach seinem Wehrdienst in der russischen Armee habe er einen Vertrag unterzeichnet und habe wahrscheinlich 2014-2015 "an bestimmten Aktionen im Donbass teilgenommen", erzählte Wladimir Ossetschkin, der Leiter von Gulagu.net, am Montag.

Nach seinem Dienst sei Medwedew "im Gefängnis gelandet" und habe sich bis mindestens 2018 in einer der Kolonien in der Region Tomsk befunden. Seine Inhaftierung würden Beschwerden belegen, die der junge Mann gegen den Bundesgefängnisdienst verfasst hat, einem föderalen Exekutivorgan, der Haftanstalten beaufsichtigt und kontrolliert. Nach seiner Freilassung habe er außerdem an Kundgebungen gegen die "Sklavenarbeitsbedingungen in den Kolonien" teilgenommen.

Umso erstaunter zeigt sich Medwedew nun über die Zustände im norwegischen Migrationszentrum: "Ich habe bereits dem Ermittler gesagt: 'Vielleicht könnt ihr wirklich solche Zustände in Russland einführen!' In meinem Zimmer hängt ein Plasma-Fernseher über dem Bett. Ich habe eine Dusche, eine Toilette, einen Kühlschrank", schwärmte das ehemalige Waisenkind ganz ungläubig.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst auf stern.de