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"Adam sucht Eva"-Frage: Warum schämen wir uns eigentlich nackt?

Nackt schämen sich viele Menschen
Warum schämen wir uns eigentlich nackt? © iStockphoto

Psychotherapeutin erklärt, was beim Nackt-Dating passiert

In der RTL-Show "Adam sucht Eva" lassen die Kandidaten alle Hüllen fallen, um ihren Traumpartner zu finden. Für die meisten Menschen wäre das absolut unvorstellbar – sie würden sich schämen. Aber was ist Scham überhaupt, woher kommt sie - und warum ist es gesellschaftlich so wichtig ist, angezogen zu sein?

Von Rachel Kapuja

Schon Zweijährige entwickeln Bewusstsein für Nacktheit

Irgendwann ist sie da, die Scham. Bereits im Alter von eineinhalb bis zwei Jahren werden wir uns unserer eigenen Persönlichkeit bewusst – und damit auch der Wirkung, die wir auf andere haben. Spätestens in der Pubertät, wenn sich die Sexualität entwickelt, ist dann in den meisten Fällen komplett Schluss mit der Unbedarftheit: Das Nacktsein wird als etwas sehr Privates gesehen, das man mit nur wenigen Personen teilt. Aber warum eigentlich?

Werbung voller nackter Haut

Eine Frau mit Regenschirm läuft an einem Werbeplakat mit einer Frau im Bikini vorbei.
Aus der Werbung ist Nacktheit nicht mehr wegzudenken. © picture alliance

Die westliche Gesellschaft trägt einen Widerspruch in sich: In Bikini oder Badehose ins Büro zu gehen würde wohl einen Skandal auslösen, am FKK-Strand oder in der Sauna wäre das jedoch schon zu viel Stoff. Und: Wir sind ständig von Nacktheit umgeben. Schließlich ist sie für die Werbung längst ein gängiges Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wo wie viel Scham angebracht ist, hängt also von den ungeschriebenen Regeln ab, die wir alle mehr oder weniger bewusst jeden Tag befolgen. Aber sind die Hemmungen, bestimmte Körperteile offen zu zeigen, nur kulturell bedingt? Oder gab es sie schon immer?

Ist unser Schamgefühl angeboren?

Eine Frau im Burkini badet neben Menschen in Bikini und Badehose.
Nacktheit wird in jeder Kultur unterschiedlich bewertet. © picture alliance

Bei dieser Frage sind sich Forscher uneinig. Zwar ist die sogenannte Körperscham je nach Kulturkreis unterschiedlich ausgeprägt, doch viele Wissenschaftler wie der Ethnologe Hans Peter Dürr gehen davon aus, dass sie fest zum Wesen des Menschen gehört und der Homo sapiens seinen Genitalbereich seit mindestens 100.000 Jahren bedeckt.

Selbst Angehörigen von Urvölkern, die nicht mehr am Leib tragen als beispielsweise einen kleinen Lendenschurz, ist es offensichtlich peinlich, wenn sie diesen ablegen sollen. Auch die körperlichen Reaktionen, die dieses unangenehme Gefühl auslösen, sprechen für die Theorie, dass Scham angeboren ist: Das Herz klopft schneller, die Blutgefäße im Gesicht weiten sich - wir werden rot.

Andere Zeiten, andere Sitten

Andere Experten, etwa der Soziologe Norbert Elias, sind der festen Überzeugung: Die Scham, nackt zu sein, ist erst in der modernen Gesellschaft langsam entstanden – schließlich hätten sich noch im Mittelalter Männer und Frauen zusammen nackt in öffentlichen Schwimmbädern vergnügt, und auch die Verrichtung des kleinen und großen Geschäfts fand ohne Toilette und alles andere als privat statt. Tatsächlich: Wenn man daran denkt, dass ein Kleidungsstück wie der Minirock noch vor wenigen Jahrzehnten für riesige Diskussionen sorgte, wird klar: Scham ist ein Gefühl, das sich mit der Zeit verändert.

Sicher ist jedenfalls: Scham zu empfinden, ist für die Mitglieder einer Gesellschaft unverzichtbar. Sie zeigt deutlich, wenn Grenzen überschritten werden. Wer sich schämt, zeigt: Mir ist es wichtig, innerhalb meiner Gemeinschaft keine Fehler zu begehen und niemandem zu nahe zu treten.

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