90 Jahre Penicillin: Das Wundermittel droht seine Wirksamkeit zu verlieren

02. September 2018 - 15:47 Uhr

Resistenzen gegen Antiobiotika: WHO schlägt Alarm

Es ist einer der größten Meilensteine in der Medizingeschichte. Ohne Penicillin wäre die Welt heute nicht so, wie sie ist: Am 3. September 1928 wurde das Penicillin entdeckt. Doch jetzt – 90 Jahre später – droht das Wundermittel stumpf zu werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schlägt Alarm.

25.000 Todesfälle in der EU durch Resistenzen gegen Antibiotika

Die Zahl der Resistenzen gegen Antibiotika wächst rasant. Schuld daran ist zum großen Teil der Mensch selbst. "Im schlimmsten Fall sterben Menschen wieder an einfachen Infektionen etwa der Blase oder an Lungenentzündung oder Sepsis, weil die Medikamente nicht wirken", sagt Marc Sprenger, der die WHO-Abteilung für den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen leitet.

In der EU sind nach einer Expertenschätzung schon vor zehn Jahren 25.000 Menschen im Jahr an einer Infektion mit Bakterien gestorben, die gegen die eingesetzten Antibiotika resistent waren.

Ärzte, Bauern - aber auch Patienten verstärken das Problem der Antibiotikum-Resistenzen

Bakterien entwickeln auf natürlichem Weg Überlebensstrategien gegen Substanzen, die ihnen schaden. Sie werden resistent. Aber auch Ärzte, Patienten und Bauern tragen zu dem Problem bei.

Bauern, weil sie Antibiotika lange flächendeckend in der Massentierhaltung eingesetzt haben und teils noch einsetzen, um ihre in der Enge anfälligeren Tiere vor Seuchen zu schützen. Die Antibiotika gelangen über das Fleisch in die Nahrungskette des Menschen und erlauben es Bakterien, sich daran zu gewöhnen.

Bei Ärzten und Patienten liegt die Sache anders. "Es ist ein kulturelles Phänomen", sagt Sprenger. "Auch, wenn viele Infektionen eigentlich nach ein paar Tagen von selbst weggehen, verlangen Patienten oft nach Antibiotika und Ärzte sind zu schnell dabei, ihre Wünsche zu erfüllen." 

Während ein Arzt in Westeuropa Patienten inzwischen oft beruhigen und auch mit Hausmitteln nach Hause schicken könne, verlangten Patienten in ärmeren Ländern, die für einen Arztbesuch aus eigener Tasche bezahlen, häufig nach Medikamenten.

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Schon innerhalb der EU sind die Unterschiede der Antibiotika-Resistenzen drastisch:

  • In Süd- und Mitteleuropa - etwa Spanien, Italien, Griechenland, Ungarn, Rumänien, Polen - sind teils schon weit über 50 Prozent bestimmter Bakteriengruppen gegen einzelne Antibiotika resistent.
  • In Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien sind es meist deutlich unter zehn Prozent.
  • In Griechenland und Zypern liegt der Verbrauch von Antibiotika pro 1.000 Einwohnern etwa doppelt so hoch wie in Deutschland.

In manchen Ländern sind Antibiotika gar an der Straßenecke oder auf den Markt erhältlich. In anderen werden die Wirkstoffe von skrupellosen Geschäftemachern verdünnt. Ein falsches oder unwirksames Mittel oder eine falsche Dosierung sorgen aber dafür, dass Bakterien sich an die Medikamente anpassen, dass sie überleben.

Nötig wären neuartige Wirkstoffe mit neuen Wirkmechanismen, sagt Sprenger. Die Wissenschaft habe aber seit 30 Jahren praktisch keine neuen Angriffsflächen mehr gefunden. "Es sind neue Medikamente in der Forschungspipeline, aber wahrscheinlich haben wir in fünf bis sieben Jahren nur noch ein oder zwei potenzielle neue Präparate", sagt Sprenger.

Hätte nicht 1928, als einfache Wundinfektionen oder Diphtherie, Lungenentzündung und Tuberkulose für Patienten oft ein Todesurteil waren, der schottische Bakterienforscher Alexander Fleming (1881-1955) entdeckt, dass seine Bakterienkultur verschimmelt war, hätten wir heute kein Penicillin. Der Schimmelpilz heißt Penicillium und hatte alle Bakterien vernichtet. Es dauerte 14 Jahre medizinischer Forschung, bis das erste Penicillin auf den Markt kam. Die Grundlagenforschung ist teuer und der Aufwand, ein Präparat zu entwickeln, das später möglichst wenig eingesetzt wird, lohnt sich für Pharmafirmen eher nicht. Da muss staatliche Unterstützung her.