8 Laptops für 28 Schüler

Lehrer müssen entscheiden, welche Kinder bedürftig genug sind

Viele Familien haben nicht die finanziellen Möglichkeiten alle Kinder mit einem eigenen Laptop oder Tablet auszustatten.
Viele Familien haben nicht die finanziellen Möglichkeiten alle Kinder mit einem eigenen Laptop oder Tablet auszustatten.
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20. Mai 2021 - 15:50 Uhr

Woran erkennen Lehrer ein bedürftiges Kind?

von Lauren Ramoser

Das Land NRW finanziert digitale Endgeräte für bedürftige Schüler, um deren Bildung und den Unterricht während und nach Corona zu sichern. Doch die gekauften Geräte reichen an vielen Schulen nicht für alle bedürftigen Schüler. Wer bedürftig genug ist, sollen die Lehrer selbst entscheiden – das sorgt für Unmut.

Bedarfsrechnung zeigt die Zahl der bedürftigen Kinder in NRW: 356.000

Im Sommer 2020 hat das Land NRW ein Paket geschnürt, dass Schulen mit digitalen Endgeräten, sprich Laptops oder Tablets, ausstatten will. Treiber dieser Entwicklung war die Corona-Pandemie und das damit verbundene Home Schooling. "Das wäre eigentlich auch davor schon nötig gewesen", erklärt eine Lehrerin an einer Gesamtschule in NRW.

Jetzt, rund ein Jahr nach der Ankündigung, habe der städtische Träger der Gesamtschule angekündigt, dass die versprochenen Endgeräte nun kommen sollen. Doch pro Klasse stehen den Schülern nur acht Geräte zur Verfügung. "Wir als Klassenlehrer sollen jetzt entscheiden, welche Kinder am bedürftigsten sind", erklärt die Lehrerin gegenüber RTL.

Wonach entscheiden Lehrer, wer bedürftig ist?

Noch sind die Geräte nicht eingetroffen, da zerbrechen sich Lehrer schon den Kopf, wie sie die Geräte verteilen sollen. "Wir haben eine E-Mail geschickt, auf die sich Eltern melden sollen, die ein Gerät für ihr Kind benötigen", erklärt die Lehrerin. Die Rückmeldung sei in ihrer Klasse aber gering gewesen – aus Scham sich und das eigene Kind vor den restlichen Eltern als bedürftig zu outen, vermutet sie. "Woran soll ich denn festmachen, welche Kinder am bedürftigsten sind? Ich kann mir nicht einfach die äußere Erscheinung angucken und sagen: Du siehst bedürftig aus, du brauchst das Gerät", erklärt sie ihre Verzweiflung.

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Und auch die Ungerechtigkeit, die sich nach der Verteilung ergeben wird, bereitet ihr schon Kopfzerbrechen. "Wie erkläre ich das den Eltern, deren Kind kein Gerät bekommt und die es vielleicht auch gebraucht hätten?"

Schulträger verlässt sich auf die "Expertise" der Lehrer

Diese Verteilungsidee stammt nicht vom Schulträger selbst, sondern findet sich schon in einer Pressemitteilung des Ministeriums für Schule und Bildung NRW vom 29. Juni 2020. Dort heißt es: "Die Mittel sind insbesondere vorgesehen für die Ausstattung von Schülerinnen und Schülern, die sich aus wirtschaftlichen und/oder sozialen Gründen kein digitales Endgerät leisten können, sowie zur Ausstattung von Schulen zur Erstellung von professionellen Lernangeboten."

"Wir sollen jetzt also entscheiden, welche acht die glücklichen sind, die diese Geräte bekommen sollen", so die Gesamtschul-Lehrerin. "Die werden aber wohl erst nach den Sommerferien tatsächlich da sein." Die Schulleitung verlasse sich laut eines Schreibens an die Lehrer auf deren "Expertise", die bedürftigen Kinder zu finden und die mit einem Gerät auszustatten.

Schulministerium hält dies für die beste Lösung

Laut des Ministeriums wurden die finanziellen Mittel für die digitalen Endgeräte schon im Sommer 2020 beschlossen und standen seitdem für die Schulträger bereit, die dann die Geräte – je nach digitalem Entwicklungsstand der Schule – bestellen konnten. "Die Landesregierung hat diese Förderprogramme so aufgesetzt, dass die bereitstehenden Mittel schnell und zielgerichtet eingesetzt werden können", sagt Schul- und Bildungsministerin Yvonne Gebauer. Mit dem Tempo dieses Prozesses sei man sehr zufrieden, schließlich habe es allgemein Lieferschwierigkeiten für technische Geräte gegeben.

  • Die Höhe der bereitgestellten Summe von 178 Millionen Euro für alle Schulen in NRW ergebe sich aus einer Bedarfsrechnung, die alle Familien mit Mindestsicherung berücksichtigt. Dazu gehören 356.000 Kinder.

Dass jetzt die Lehrer in der Verantwortung sind, die Geräte zu verteilen, liegt laut Ministerium am gewählten Verfahren. Die einzige Alternative sei ein individuelles Prüfverfahren über die Sozialämter gewesen, das allerdings noch länger gedauert hätte. Die Folge ist, dass die Geräte im Besitz der Schule bleiben und nur an die Schüler verliehen werden. Für den Einzelfall könne laut Ministerium auch ein Gerät zwischen mehreren bedürftigen Kindern getauscht werden.

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