Einblick in die Welt der Taliban

60 Tage Frauenhass - Eine Reporterin bei den Taliban

Reporterin im Interview: Liv von Boetticher bei den Taliban 60 Tage Frauenhass
07:43 min
60 Tage Frauenhass
Reporterin im Interview: Liv von Boetticher bei den Taliban

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Am 15. August 2021 fällt Afghanistan nahezu kampflos in die Hände der Taliban. Was ist seitdem geschehen? Wie geht es vor allem den Frauen und Mädchen in dieser von Männern dominierten Welt? Zwei Monate lebt RTL-Reporterin Liv von Boetticher zusammen mit ihrem Team im Land der Taliban und erlebt auf dieser emotionalen Reise hautnah mit, wie sich das Leben dort in atemberaubender Geschwindigkeit verändert. Ihre überraschende Erkenntnis: Die Taliban sind für die afghanischen Frauen nicht das einzige Problem. Im Interview schildert Liv von Boetticher, wie sie die Situation in Afghanistan erlebt hat.

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Wie schwierig war es, in Afghanistan drehen zu dürfen? Welche Hürden gab es? Welche Auflagen mussten Sie als Journalistin erfüllen?

Afghanistan gilt als eines der gefährlichsten Länder der Welt – tatsächlich hat sich die Sicherheitslage aber seit der Machtübernahme der Taliban deutlich verbessert. Sofern man eine offizielle Arbeitserlaubnis hat, darf man sich im ganzen Land frei bewegen und als Journalist:in auch frei arbeiten. Ich hatte mit deutlich mehr Einschränkungen gerechnet und war wirklich überrascht, wie unkompliziert es tatsächlich war.

Sie waren mehrere Wochen vor Ort unterwegs, haben mit verschiedenen Männern und Frauen gesprochen. Wie geht es den Menschen unter der Herrschaft der Taliban?

RTL-Reporterin Liv von Boetticher durfte sich bei den Dreharbeiten in Afghanistan frei bewegen
RTL-Reporterin Liv von Boetticher durfte sich bei den Dreharbeiten in Afghanistan frei bewegen
Christoph Klawitter, RTL

Das größte Problem von Afghanistan ist die desaströse Wirtschaftslage. Laut UN-Angaben sind 97 Prozent der Menschen von akuter Armut bedroht. Das kann man sich ja kaum vorstellen. Außerdem sind die Taliban in sich selbst zerstritten und geben keine klare Linie vor, auf die man sich verlassen kann. In manchen Provinzen gehen z.B. Mädchen auch aktuell noch zur Schule, in vielen wurde der Schulbesuch aber komplett verboten. So grotesk und überraschend es sich anhört: In manchen Punkten hat sich das Leben für die Menschen jetzt sogar verbessert. Es gibt viel weniger Anschläge – diejenigen, die sie verübt haben, haben ja nun die Macht – und deshalb sind die Straßen sicherer geworden. Das bedeutet zum Beispiel, dass mehr Menschen in die Krankenhäuser kommen, weil der Weg dorthin sicher ist. Oder Bauern vom Land können ihre Ware in die Stadt bringen. Auch wurde die Korruption deutlich eingeschränkt.

Wir haben eine Vielzahl von Menschen getroffen, die die Herrschaft der Taliban begrüßen. Besonders schwierig in diesem Zusammenhang war die Recherche rund um die Gefährdung der ehemaligen Ortskräfte. Wir können die Bedrohungslage, so wie sie aus der Ferne hier in Deutschland oft berichtet wird, so nicht bestätigen. Natürlich kann man es nicht verallgemeinern, aber bei den Fällen, über die wir berichten wollten, stellte sich am Ende immer heraus, dass keine echte Drohung vorlag und vielmehr wirtschaftliche Gründe die Menschen dazu bewegt haben, das Land nun verlassen zu wollen. Auch das kann man ja absolut verstehen. Die Vorstellung, dass die Taliban mordend von Haus zu Haus ziehen, ist aber falsch. Sie haben absolut kein Interesse daran, für diese Form von Schlagzeilen zu sorgen. Die Taliban brauchen Geld, internationale Anerkennung und für das Land humanitäre Hilfe. Jede negative Schlagzeile würde dieses Ziel torpedieren.

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Was hat Sie auf Ihrer Reise besonders überrascht?

Die Taliban haben mich überrascht. Man kann sie nicht alle über einen Haufen scheren. Neben den radikalen Netzwerken gibt es auch deutlich liberalere Gruppierungen, die es beispielsweise befürworten würden, wenn Frauen eine Bildung erhalten. Auch war mir vor der Reise nicht bewusst, wie viel Unterstützung die radikalen Islamisten innerhalb der Bevölkerung haben. Viele Afghanen rechnen es den neuen Herrschern beispielsweise hoch an, dass sie die Korruption weitestgehend abgeschafft haben.

Was hat das für Auswirkungen auf das Leben der Frauen und Mädchen? Wie haben Sie deren Situation als Reporterin vor Ort wahrgenommen?

RTL Reporterin Liv von Boetticher (r.) in Afghanistan mit der Aktivistin Laila Haidari (Mitte) und ihrer Schülerin Muzhgan. Laila betreibt eine Art „Untergrundschule“ für Mädchen.
RTL Reporterin Liv von Boetticher (rechts) in Afghanistan mit der Aktivistin Laila Haidari (in der Mitte) und ihre rSchülerin Muzhgan. Laila betreibt eine Art „Untergrundschule“ für Mädchen.
Christoph Klawitter, RTL

Die Situation der Frauen und Mädchen in Afghanistan ist eine Katastrophe. Sie werden immer weiter aus dem öffentlichen Leben zurückgedrängt und erhalten derzeit auch kaum Zugang zur Bildung. Man muss allerdings betonen, dass das nicht allein die Schuld der Taliban ist. Wo sind die Väter, Brüder und Ehemänner, die für die Rechte ihrer Frauen, Töchter und Schwestern einstehen? Warum protestieren sie nicht, damit Mädchen zur Schule können und junge Frauen zur Uni? Die bittere Wahrheit ist: Vielen Männern kommen die Regeln der Taliban gerade gelegen.

Hat sich dieses Problem durch die Machtübernahme der Taliban noch verschlimmert?

Wir waren an Orten in entlegenen Provinzen, wo Frauen in der Öffentlichkeit de facto nicht vorkommen. Und das war auch die letzten 20 Jahre schon so. So überraschend das klingen mag: Für den größten Teil der afghanischen Frauen hat sich durch die Machtübernahme nicht besonders viel geändert. Lediglich in den großen Städten gab es für einen sehr kleinen Teil der weiblichen Bevölkerung in den vergangenen 20 Jahren so etwas wie Fortschritt und Freiheit.

Der Mann, der aus dem Flugzeug stürzte 1 Jahr Taliban-Herrschaft in Afghanistan
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Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um die Situation für die weibliche Bevölkerung zu verbessern?

RTL Reporterin Liv von Boetticher in der Provinz Helmand
RTL Reporterin Liv von Boetticher in der Provinz Helmand
Christoph Klawitter, RTL

Wenn man die Frauenrechte in Afghanistan dauerhaft stärken möchte, dann hätte man das Land niemals militärisch verlassen dürfen. Die bittere Wahrheit ist: Nicht nur die Taliban stehen der Gleichberechtigung im Weg, sondern vor allem auch weite Teile der männlichen Bevölkerung. Es ist unmöglich, die radikalen Islamisten vom restlichen Teil der Bevölkerung zu trennen. Die Taliban gehören zu Afghanistan dazu und wir, die westlichen Staaten, müssen uns überlegen, wie wir mit dieser Realität umgehen.

Was war für Sie persönlich die größte Herausforderung?

Die Dreharbeiten haben uns alle an unsere Grenzen gebracht: Die hygienische Situation in Afghanistan ist eine Katastrophe, es gibt beispielsweise im ganzen Land keine Kanalisation. Die umherfliegenden Fäkalkeime haben uns alle früher oder später krank gemacht. Außerdem gab es nur ab und zu Strom und kein stabiles Internet. Die technische Infrastruktur war also eine echte Herausforderung. Und natürlich war es auch nicht immer ganz einfach, als weibliche Reporterin zwei Monate lang ausschließlich mit Männern zu arbeiten – in einem Land, wo nur das Wort des Mannes zählt.