Powerwolf über ihre Live-CD, Idole und PerformanceKeyboarder Falk Maria Schlegel: „Wenn ich auf dem Scheiterhaufen verbrenne, haben wir es auf Video”

Feuer, Metal, Action!
Die Liveshows von Powerwolf sind ein riesiges Spektakel. Am 13. Februar 2026 erscheint die Live-CD und -DVD „Wildlive”, die auf dem Konzert in der Olympiahalle in München im Rahmen der Wolfsnächte 2024 aufgenommen wurde. Im Interview mit RTL sprach Organist und Keyboarder Falk Maria Schlegel über seine Bühnenpersönlichkeit, Stage-Acting und was Iron Maiden damit zu tun haben.
Der Titel „Wildlive” ist kurz, aber sehr originell für eine Band namens Powerwolf. Wer ist darauf gekommen?
Das war wieder unser Matthew, der gerne mit Worten spielt und die Gabe hat, sehr prägnante, einfache Dinge zu kreieren. Das Absurde ist ja, dass es eigentlich das Schwierigste ist, das Einfache zu kreieren. Wenn du Songs schreibst, die im Gehör bleiben und einfach sind, bekommst du das Attribut „Das ist leicht gemacht”. Aber eigentlich ist es das Schwierigere. Wir haben da Glück. Wir haben Matthew, der wirft etwas in den Raum und da gibt es keine Fragen mehr. Wir wollen das Ungezügelte und Wilde bei einer Show transportieren.
Wie groß ist der Druck, wenn man weiß, dass eine Show aufgezeichnet wird? Wie sehr neigt man dann zum „Overacting”?
Das Credo der Band war: Nicht übertreiben und nichts tun, was man sonst bei der Tour nicht auch schon gemacht hat. Bei mir hat es schon eine Minute gedauert beim ersten Song, mich an die Situation zu gewöhnen. Dann wurden wir aber so frenetisch in München empfangen, dass ich wieder vergessen habe, dass gefilmt wird. Man sollte auch nicht so viel über das nachdenken, was man macht, weil man sonst die Lockerheit verliert. Und dann habe ich gedacht: Es wäre nicht geil, auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, aber gleichzeitig haben wir es dann auf DVD (lacht).

Also gibt euch ein motiviertes Publikum eine Art Schub auf der Bühne?
Ich sage mal so: Das ist ja alles keine Routine, jede Show und jede Situation ist anders. Für uns ist wichtig, immer alles zu geben. Aber Shows sind keine Selbstläufer. Wenn du mit dem Ansatz „in der Halle in München sind 12.000 Leute, was soll schon schiefgehen” reingehst, ist das kein guter Ansatz. Eine Halle kann auch verstummen – nicht wortwörtlich, aber man merkt es an der Stimmung. In einer Arena musst du es auch schaffen, die Leute ganz hinten mitzunehmen. Das Ziel sollte es sein, dass sie am Ende nicht mehr sitzen, sondern stehen. Ich kenne es ja selbst als Konzertbesucher. Manchmal hat man den Eindruck, dass eine Band lustlos ist, obwohl sie eigentlich gut ist. Das darf dir nicht passieren.
Du bist auf der Bühne sehr „hibbelig”. Bist du auch privat eher unruhig oder bist du der stille Typ, der auf der Bühne ausrastet?
Als meine Mutter vor Jahren zum ersten Mal eines unserer Konzerte live gesehen hat, hat sie mich danach mit den Worten empfangen: „Ich dachte, ich kenne meinen Sohn”. Privat bin ich zwar nicht introvertiert und ruhig, aber ich wirke ruhig auf Menschen und stehe eher nicht im Mittelpunkt. Es gibt Situationen, in denen ich anderen Menschen mehr Raum lasse, wenn ich merke, meine Witze kommen gut an, bin ich etwas präsenter. Aber ich höre oft den Spruch: „Ich kann nicht glauben, dass du dieselbe Person bist”. Auf der Bühne liebe ich aber die Reaktion des Publikums und das stachelt mich auch an. In unseren Anfangstagen der Band kam ich als Keyboarder in einer Metal-Band auch nicht unbedingt immer gut an, da hat es mich auch angestachelt, wenn man mich nicht mochte. Das ist vielleicht ein bisschen so wie bei einem Fußballspieler, der im Stadion ausgepfiffen wird und daraus seine Motivation zieht.
Ich habe Powerwolf 2024 live in Oberhausen gesehen. Da hatte ich das Gefühl, dass das Publikum darauf wartet, dass du etwas Verrücktes machst.
Das ist ein Trademark geworden, das Verrückte als Sidekick von Attila. Als Keyboarder war es ein bisschen so, dass man das Gefühl vermittelt bekommen, dass man nicht gebraucht wird. Man spielt das „unnötige Instrument”. Selbst bei dem Album „Return in Bloodred” hat unser Produzent Fredrik Nordström gesagt: „Warum habt ihr eine Orgel?” Zum Glück hat sich aber alles so entwickelt, wie es sich entwickelt hat. Ich wollte auch nie einfach Keyboarder sein, sondern eine besondere Performance abliefern, weil mir alles andere zu langweilig gewesen wäre. Ich hatte eine Situation in Milwaukee - da bin ich auf der Bühne gestürzt und habe den Rest der Show sitzend auf einem Schemel gespielt. Die Schulter war ausgekugelt und die Rippe gebrochen. Da konnte ich das erste Mal seit Jahren nicht mein Acting machen und ich habe gemerkt, dass das die Dynamik der Show verändert hat. Ich habe da gesessen und Rotz und Wasser geheult.
Wie hältst du dich denn fit für die Bühne? Kannst du mit deinen Verletzungen jetzt überhaupt Sport machen?
Grundsätzlich halte ich mich schon seit Jahren fitter, ich habe mich während Tourneen da schon verändert. Ich stretche mich auch immer vor Shows - auch, wenn das jetzt langweilig klingt. Als ich früher eher der Sportmuffel war, kam ich noch fertiger von der Bühne, als das heute der Fall ist. Heute kann ich mich auf der Bühne viel besser auf das Wesentliche konzentrieren. Seit September mache ich nur so halbgar Sport, weil ich den Bewegungsapparat nicht belasten darf. Ich möchte aber natürlich auf der Bühne wieder so aktiv sein wie vor dem Unfall.
Und da hast du sicher ein großes Ziel: Ihr spielt bald in der Wembley Arena in London...
Es gibt so Namen, die du gespielt hast, wie Wacken oder das Hellfest oder die Wembley Arena, die sich gut anhören - aber auch die Rudolf-Weber-Arena in Oberhausen oder der PSD Bank Dom in Düsseldorf hören sich gut an. Wenn Leute nicht wissen, was du tust und die kennen die Band nicht und die kennen dich nicht und du sagst drei Dinge: Wir machen Heavy Metal, headlinen das Wacken Open Air und wir spielen in der Wembley Arena, dann gibt es keine Fragen mehr. Und wenn du dann noch den Bandnamen Powerwolf sagst, dann kann es nur Metal sein - ich liebe Eindeutigkeiten. Es war nicht auf meiner Bucket-Liste, Wembley zu spielen, aber ich finde den Weg, den die Band eingeschlagen hat, großartig und es ist schön für uns als Band, dass wir die Möglichkeit haben, unsere Vision der Band so zu präsentieren. Wir können aus dem Vollen schöpfen und den Fans die ganze Welt von Powerwolf zeigen. Das empfinde ich als Privileg.
Neben digitalen Elementen habt ihr auch einen richtigen Aufbau auf der Bühne. Wie wichtig ist euch das?
Das ist kein einfacher Part. Solange du diesen klassischen Kulissenbau hast, hast du drei Herausforderungen: Er ist schwer herzustellen, er muss tour-tauglich sein und brandsicher. Aber ich mache die gleiche Beobachtung. Du hast die LED-Wall, dann hast du die Sidewings mit den LEDs und dann hast du dein klassisches Set verblendet mit LED-Walls - das wird für mich immer austauschbarer. Ich sehe Konzerte, da denke ich: Bildschirmschoner X. Ich hätte gerne, dass die Kulisse mit LED-Walls arbeitet. Den Weg wollen wir auch weiter beschreiten, weil das für uns eine Theaterkunst ist. Man kennt ja dieses Phänomen, wenn man aus dem Theater kommt und sagt „Mensch, wir müssten öfter ins Theater gehen”. Nicht nur wegen der schauspielerischen Leistung, sondern auch, weil die Kulisse da ist und angeleuchtet wird. Das ist etwas Bemerkenswertes. Die Band Sabaton macht das auch großartig. Maiden machen das auch großartig.
Ja, und du möchtest auch sehen, wie Bruce Dickinson herumläuft und an der Kulisse herumklettert.
Exakt. Und, so schön das mit den LED-Walls ist - ich möchte die Fans mehr in die Powerwolf-Welt entführen, als dass sie nur Leinwand gucken. Lady Gaga schafft es zum Beispiel auch mit einer tollen Kulisse eine andere Welt zu zaubern, trotz riesiger LED-Walls - und das ist der Anspruch, den wir auch haben.
Ich würde sagen „more is more - mehr ist mehr”. Wenn ich zu einem Konzert gehe, möchte ich ja unterhalten werden. Wenn ich nur Musik hören möchte, schalte ich den Streamingdienst an. Was denkst du?
Genau. Wir wissen alle, wissen alle wie schwer das ist mit digital und physisch. Aber du versuchst, eine analoge Unterhaltung zu erzeugen mit Fleisch und Blut. Und wenn du dir die Festivals und vollen Arenen anschaust, haben die Leute auch Lust darauf, etwas Physisches zu erfahren. Das ist auch der Anspruch unserer Wildlife DVD. Wir haben darauf geachtet, dass du als Zuschauer mittendrin bist und der Schnitt so ist, dass er sich von Snippets in Social Media unterscheidet. Man soll auch länger in der Szene drin bleiben und sehen: Wie brennt denn der jetzt auf dem Scheiterhaufen. Mich digital unterhalten zu lassen, das habe ich jeden Tag zu Hause, aber das Analoge ist die Grundlage und das finde ich enorm wichtig. Ich glaube, dass der Eskapismus den Leuten eine gute Zeit gibt.

Nochmal zurück zu Wembley - dort haben ja viele Superstars gespielt. Hast du mal gegoogelt, mit wem ihr euch dort einreiht?
Ich habe nicht gegoogelt, aber ich gehe davon aus, dass Maiden dort gespielt hat, oder?
ABBA, die Beatles und Kiss stehen jedenfalls auf der Liste. Du bist also Maiden-Fan?
Iron Maiden ist meine Basis. Mit Kiss komme ich auch gut mit klar. Aber vom Show-Ansatz her ist es Maiden - da habe ich keine Fragen mehr. Ich bin ja so naiv, wenn ich auf Tour gehe und an einem Ort spiele, dass alle Menschen, die dort lokal arbeiten, nur für uns da sind - und alle Bock haben, eine Powerwolf-Produktion zu fahren. Und dass die danach denken: Mensch es war richtig geil bei Powerwolf. Auch, wenn ich schon weggefahren bin. Und ich will nichts davon hören, dass am nächsten Tag die nächste Band reinrollt (lacht). Diesen Glauben will ich mir bewahren. Aber vielleicht sollte ich mal googeln, wer in Wembley war. Vielleicht werde ich dann noch nervös.
Also, ich habe parallel mal gegoogelt und gesehen: Iron Maiden haben da schon mehrfach gespielt...
Ja, Sche***, dann muss ich jetzt nervös sein. Dann kommt jetzt noch meine Hommage an Bruce Dickinson. Ich habe lange in meinem damaligen Jugendzimmer alle Musiker nachperformt. Ich habe Nico McBrain (Anm. d. Red.: Schlagzeuger von Iron Maiden) mit Drumsticks nachgespielt, ich habe Bruce sehr häufig nachgeahmt - das sieht man heute noch an meinen Moves. Und Steve Harris ist mein Held am Bass, aber da habe ich mich gefragt: Wie soll ich das machen? Da kann man nicht posieren.
Verwendete Quellen: Eigene RTL-Recherche


