Karneval barrierefreier erlebenWie Gebärdensprachdolmetscher im Kölner Karneval arbeiten

von Niklas Bönsch

Im Kölner Karneval sorgen Gebärdensprachdolmetscher dafür, dass auch gehörlose und schwerhörige Jecke Reden, Lieder und Pointen verstehen. Mit viel Vorbereitung, Präzision und Leidenschaft machen sie Sitzungen ein Stück barrierefreier – und schaffen besondere Gänsehautmomente.

Brücke zwischen Bühne und Saal

Für Aline Ackers ist der Karneval ein besonderer Teil ihres Berufs. Die 39-jährige Gebärdensprachdolmetscherin übersetzt Reden, Lieder und Witze live und sieht sich selbst als Brücke zwischen Bühne und Publikum. Sie versteht sich als eine Art lebendiger Untertitel – ohne die gehörlose Menschen eine Sitzung nicht vollständig genießen können. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Michael Zymelka bereitet sie sich unter anderem auf die Miljösitzung der Altstädter Köln vor.

Aufwendige Vorbereitung auf Pointen und Wortspiele

Auch außerhalb der fünften Jahreszeit dolmetschen Ackers und Zymelka bei Terminen mit Behörden, vor Gericht oder in Arztpraxen. Für die Karnevalssession beginnt ihre Vorbereitung früh: Sobald das Programm feststeht, fragen sie bei Rednern und Bands nach Texten und Liedern. Die Songs lernen sie nahezu auswendig, bei Reden überlegen sie, wie Wortspiele und Redewendungen in Gebärdensprache funktionieren können. Besonders anspruchsvoll wird es bei Büttenrednern wie Martin Schopps, dessen Witze über frühere Schulfreunde oder Begriffe wie „Russisch Bulett“ in Gebärden genauso präzise ankommen sollen wie im Original.

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Teamarbeit im Wechsel – damit die Qualität stimmt

Auffällig ist, dass immer nur eine Person dolmetscht, während die andere pausiert. Der Grund ist die hohe Konzentration, die der Job erfordert. Nach etwa fünfzehn Minuten steigt die Fehleranfälligkeit deutlich, erklärt Zymelka. Deshalb wechseln die beiden regelmäßig und haben feste Zuständigkeiten. Ackers übernimmt zum Beispiel häufig die Auftritte der Band Kasalla, während Zymelka andere Programmpunkte dolmetscht.

Kölschrock mit „visueller Stimme“

Wenn Kasalla auftritt, wird Ackers zur visuellen Stimme der Kölschrocker. Für Frontmann Basti Campmann war das anfangs ungewohnt, inzwischen gehört es selbstverständlich dazu. Die Musiker haben sogar einige Gebärden gelernt, etwa für Applaus, und berichten, dass sie dadurch eine neue Perspektive auf ihre Musik bekommen.

Kooperation mit dem Landschaftsverband Rheinland

Möglich werden die Sitzungen mit Simultanübersetzung durch eine Zusammenarbeit des Landschaftsverbands Rheinland mit den Altstädtern Köln, die sich die Kosten teilen, so Vereinspräsident Björn Braun. Er betont, wie wichtig es sei, auch gehörlosen Menschen den Zugang zum kölschen Lebensgefühl zu ermöglichen. Gebärdensprachdolmetscher seien dafür unverzichtbar, die Kooperation laufe inzwischen im zwölften Jahr.

Gänsehaut im Saal – und Wünsche für die Zukunft

Im Publikum kommt das Angebot an. Gehörlose und schwerhörige Jecke berichten von Gänsehaut und davon, dass sie Büttenreden zum ersten Mal wirklich verstehen. E sei eine Stimmung, die sie vollständig mitnimmt. Für Ackers und Zymelka ist das Ansporn, sich für weitere barrierefreie Sitzungen einzusetzen. Ihr Wunsch für die Zukunft: mehr Auftritte von gehörlosen Künstlerinnen und Künstlern, deren Beiträge dann in Lautsprache übertragen werden. Bis dahin bleiben sie das, was sie im Kölner Karneval längst sind – lebendige Untertitel für ein Fest, das alle Menschen ansprechen will.