Die offene Wunde der StadtStadtarchiv in Köln eingestürzt – Gedenkveranstaltung 17 Jahre nach dem Unglück

von Stefan Efferth

Am Waidmarkt hat Köln am Dienstag (03.03.) mit einer Schweigeminute und klaren Worten des neuen Oberbürgermeisters an den Einsturz des Historischen Archivs vor 17 Jahren erinnert. Erstmals nahm Thorsten Burmester (SPD) in seiner neuen Funktion an der Gedenkfeier teil – und machte deutlich, dass die Katastrophe für die Stadt noch immer eine offene Wunde ist.

Die Gedenkfeier am Waidmarkt

Um 13:58 Uhr, dem Zeitpunkt des Einsturzes am 3. März 2009, legte sich Stille über den Waidmarkt, während die Glocken der umliegenden Südstadtkirchen läuteten. Angehörige, Anwohner, Vertreter von Stadtverwaltung, Feuerwehr und KVB sowie zahlreiche Bürger nahmen an der Schweigeminute teil. Burmester sprach von einem „Ort der Wunde und der Verantwortung“ und knüpfte damit an Formulierungen an, die er schon im Vorfeld in den sozialen Medien gewählt hatte: Man müsse hier sein, um hinzuschauen, aufzuklären und aus Fehlern zu lernen. Die Kölner Feuerwehr erinnerte parallel mit einem eigenen Beitrag an ihren „längsten Einsatz“ und an eine der größten Rettungs- und Bergungsaktionen der Stadt, bei der Hunderte Kräfte von Feuerwehr, THW und Hilfsorganisationen wochenlang im Schichtbetrieb im Einsatz waren.

Rückblick auf das Unglück und seine Folgen

Am 3. März 2009 stürzte das sechsstöckige Gebäude des Historischen Archivs innerhalb weniger Minuten in einen Krater, zwei angrenzende Wohnhäuser wurden mitgerissen. Zwei junge Männer – ein 17‑jähriger Bäcker-Azubi und ein 24‑jähriger Designstudent – kamen ums Leben, Dutzende weitere Menschen wurden obdachlos. Ursache waren unsachgemäße Tiefbauarbeiten beim Bau der Nord‑Süd‑Stadtbahn: Eine mangelhaft hergestellte Schlitzwand ließ Wasser und Erdreich in eine Baugrube einsickern, der Untergrund unter dem Archiv wurde unterspült. Im Magazin des Archivs lagerten zum Zeitpunkt des Einsturzes rund 27 Kilometer Kölner Stadtgeschichte – Akten, Urkunden, Karten, Fotos, Ton- und Bilddokumente. In einer mehrjährigen Bergungsaktion konnten etwa 95 Prozent der Bestände wenigstens als Fragmente gesichert werden. Ihre Restaurierung wird die Stadt und das Land noch jahrzehntelang beschäftigen. 2020 wurde am Eifelwall ein Neubau eröffnet, in dem das Historische Archiv und das Rheinische Bildarchiv heute gemeinsam untergebracht sind – der Waidmarkt selbst ist allerdings bis heute Baustelle und Erinnerungsort zugleich.

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Was die KVB heute bekanntgegeben hat

Parallel zum Gedenken informierte die Kölner Verkehrsbetriebe AG über den Stand der Arbeiten an der problematischsten Stelle der Nord‑Süd‑Stadtbahn unter dem Waidmarkt. Vorständin Alexandra Rohlmann, zuständig für Technik und Finanzen, sprach von einer „technisch und planerisch außergewöhnlich anspruchsvollen“ Baustelle: In bis zu 18 Metern Tiefe müssen die Schichten aus Schutt und Sicherungsmaterial millimeterweise abgetragen werden, bevor der eigentliche Tunnelquerschnitt fertiggestellt werden kann.

Die KVB bekräftigte den aktuellen Zeitplan, nach dem frühestens 2032 die ersten Stadtbahnen unter dem Waidmarkt fahren sollen. Bis dahin stehen weitere Spezialbohrungen, zusätzliche Sicherungsmaßnahmen und komplexe Bauzustände an, die in enger Abstimmung mit Gutachtern und Aufsichtsbehörden geplant werden. Gleichzeitig verweist das Unternehmen darauf, dass mit dem späteren Lückenschluss der Nord‑Süd‑Stadtbahn die Südstadt und der Kölner Süden besser an die Innenstadt angebunden werden – ein Ziel, das seit dem Einsturz politisch und moralisch untrennbar mit der Frage verbunden ist, wie sicher gebaut und kontrolliert wird.

Erinnerungskultur und Zukunft des Ortes

Der Kölner Oberbürgermeister Burmester stellte in seinen Worten in Aussicht, den Waidmarkt in den kommenden Jahren stärker als gestalteten Erinnerungsort zu entwickeln. Bürgerinitiativen wie „ArchivKomplex“ und städtische Projektwerkstätten arbeiten bereits an Konzepten, die den Platz zu einem belebten Ort der Erinnerung und zugleich zu einem Stück neuer Stadt machen sollen – mit künstlerischen Interventionen und Beteiligungsformaten.

So wird die jährliche Gedenkfeier zunehmend Teil einer breiteren Erinnerungskultur, in der die Katastrophe nicht nur als technischer Unfall, sondern als Mahnung für Stadtplanung, politische Verantwortung und bürgerschaftliches Engagement verstanden wird. Dass der neue Oberbürgermeister sich gleich zu Beginn seiner Amtszeit sichtbar an die Seite der Angehörigen stellt, ist in diesem Prozess ein symbolischer Schritt – die Wunde, von der so oft die Rede war, soll nicht verdrängt, sondern sichtbar gehalten werden.