Oxytocin zum AuftankenKuscheln als Therapie – wie Umarmungen uns stressresistenter machen
Kuscheln macht glücklich – und gesund: Am 21. Januar 1986 wurde in den USA der Welt-Kuscheltag ins Leben gerufen, genau zwischen Weihnachten und Valentinstag. Heute wird immer klarer, wie wichtig Berührung für Körper und Seele ist – und was passiert, wenn sie fehlt.
Warum Berührung so wichtig ist
Kuscheltherapeutin Tatjana Gitter-Lezuo aus Köln erlebt täglich, wie groß der Mangel an Nähe ist: „Viele Menschen funktionieren im ‚höher, schneller, weiter‘-Modus, sind dauernd im Kopf – aber kaum noch im Körper. Berührung sei ein menschliches Grundbedürfnis.“ Weiter sagt sie: „Wenn wir es nähren, fühlen wir uns innerlich gestärkt – wie eine innere Kraft-Tankstelle“. Dass Kuscheln gesund ist, ist wissenschaftlich bewiesen: Schon nach 20 bis 30 Sekunden Körperkontakt schüttet der Körper Oxytocin aus, das sogenannte Kuschelhormon. Es senkt das Stresshormon Cortisol, reduziert Blutdruck und Atemfrequenz, mindert Angstzustände und stärkt Empathie, Sozialverhalten und das Gefühl von Zugehörigkeit.
Professionelle Kuscheltherapie
Was für viele erst ungewohnt klingt: professionelles Kuscheln mit fremden Menschen. Tatjana Gitter-Lezuo bietet Kuschelsitzungen in einem geschützten Raum an – einzeln oder in Gruppen, sogenannte Kuschelpartys. Sie hat Kunden in fast jedem Alter - Männer wie Frauen, Singles wie Menschen in Beziehungen. Christian Benedict ist IT-Projektmanager aus Düsseldorf. Er kam nach dem Ende einer elfjährigen Beziehung zu ihr. Die Partnerschaft war wegen fehlender Intimität gescheitert, das Bedürfnis nach Nähe blieb. „Ich wollte Nähe, aber keinen Sex – sondern Spüren, Fühlen und Ruhe“, sagt er. Nach dem ersten Mal war klar: Er kommt wieder. Die Scham war da – aber geringer als die Sehnsucht nach echter, nicht-sexueller Nähe. Bei Kuschelpartys liegen bis zu 20 Fremde eng beieinander. Für Christian haben diese Treffen „Suchtpotential“: Er spricht von einem „Kuschelflow“, in dem die Zeit verfliegt, der Kopf leer wird und sich eine tiefe Entspannung einstellt, die noch zwei bis drei Tage anhält – „fast wie auf einem Trip mit Oxytocin“, lacht der 49-Jähirge.
Regeln, Grenzen und Kosten
Damit aus Nähe keine Grenzüberschreitung wird, gelten in der Kuscheltherapie klare Regeln. Alle kommen frisch geduscht, es wird nur angefasst, was ausdrücklich erlaubt ist – für jede Körperstelle wird separat gefragt. Sex ist tabu; Kuscheln ist eine Dienstleistung, vergleichbar mit einer Massage – aber emotional oft näher. Tatjana erlebt, dass durch regelmäßiges Kuscheln emotionale Intimität entsteht und ihr viele Kunden persönliche Dinge anvertrauen. Manchmal wünschen sich einzelne mehr – etwa eine Freundschaft. Dann macht sie ihre Rolle klar: Sie bietet eine klare Dienstleistung an. Eine Stunde Kuscheln kostet rund 95 Euro, vorher gibt es ein ausführliches Erstgespräch. Auch das Thema sexuelle Erregung wird offen angesprochen. Christian, der inzwischen selbst eine Ausbildung zum Kuscheltherapeuten macht, betont Eigenverantwortung: Wenn er merkt, dass ihn eine Situation zu stark erregt, beendet er die Position oder macht eine Pause – bevor es für andere unangenehm wird.
Nähe trotz Beziehung – und ohne Partner
Viele von Tatjanas Kunden leben in Partnerschaften und haben trotzdem seit langer Zeit kaum oder keinen Körperkontakt. Wenn Nähe in der Beziehung fehlt, lösen Kuschelsitzungen häufig Traurigkeit aus – weil Menschen erst dann spüren, wie sehr ihnen Berührung gefehlt hat. Tatjana ermutigt gerade Paare, zu Hause aktiv zu werden: Eine bewusste, längere Umarmung im Alltag, Kuscheln beim gemeinsamen Fernsehen oder die sogenannte „Schoßposition“, bei der einer hinter dem anderen sitzt und gehalten wird. Sie rät Paaren außerdem, Sexualität und Kuscheln bewusst zu trennen und „Kuscheldates“ zu planen – schon fünf Minuten können helfen, Nähe zu spüren und das Wir-Gefühl zu stärken.
Wie viel Kuscheln „braucht“ der Mensch?
Tatjana verweist auf einen oft zitierten Richtwert: Vier Umarmungen am Tag, um „nicht zu sterben“, acht, um sich gut zu fühlen, und zwölf, um zu wachsen. Jede Umarmung zählt – auch die mit Kollegen. Besonders wertvoll sei eine vollflächige Umarmung von rund einer Minute, in der man sich wirklich bewusst spürt. Neurologe Kleinschnitz sieht darin mehr als eine nette Geste: Anhaltender Mangel an sozialer Nähe kann zu tiefer Einsamkeit führen – und Einsamkeit wiederum ist ein Risikofaktor für neurologische Erkrankungen wie Demenz oder Alzheimer. Sein Rat: Einsamkeit vermeiden, soziale Kontakte pflegen – und damit ganz nebenbei die Oxytocin-Ausschüttung fördern.
Wenn niemand zum Kuscheln da ist
Nicht jede oder jeder möchte oder kann mit Fremden kuscheln – das zeigen auch Straßenumfragen in Köln. Viele Menschen finden Kuscheln schön, können es sich aber nur mit Partnern, engen Freunden oder der Familie vorstellen. Die gute Nachricht: Oxytocin wird nicht nur bei menschlicher Berührung ausgeschüttet. Auch das Schmusen mit Hund oder Katze kann glücklich machen – wahrscheinlich auch ein Grund, warum so viele Haustiere mit im Bett schlafen. Manche Erwachsene greifen wieder zum Plüschtier, wie die Umfrage einer britischen Boulevardzeitung zeigt. Andere kuscheln mit Kühen, umarmen Bäume oder bauen sich ein „Potato-Bed“ aus Kissen und Decken. Gewichtsdecken, Yoga, Meditation – all das kann das Nervensystem beruhigen und das Gefühl von Geborgenheit unterstützen. Die Kölner Verhaltenstherapeutin Tanja Flecken sieht solche Angebote entspannt: Alles, was ohne Nebenwirkungen hilft, sich besser zu fühlen, dürfe man ruhig nutzen – egal ob Kuscheln mit Menschen, Tieren oder Kissen.
Immer auf Kuschel-Kurs bleiben
Tatjana, die selbst nach einem Burnout aus ihrem Wirtschaftsjob ausgestiegen ist, will in ihren alten Beruf nicht zurück. Körperlichkeit, Kuscheln und Sexualität seien für sie eine innere Kraftquelle – etwas, das Selbstbewusstsein stärke, Konflikte entschärfen kann und ihrer Ansicht nach sogar zu einer friedlicheren Gesellschaft beitragen könnte. Ob professionelle Kuscheltherapie, spontane Umarmung im Büro, Sofa-Kuscheln mit dem Partner, Schmusen mit Haustieren oder ein Nest aus Decken: Entscheidend ist, dass Berührung sich sicher, freiwillig und gut anfühlt - und dass sie überhaupt stattfindet, denn regelmäßig Nähe zuzulassen – in welcher Form auch immer – ist eine der einfachsten Möglichkeiten, Stress abzubauen, sich verbundener zu fühlen und der Einsamkeit etwas entgegenzusetzen.


































