Vom Schafsdarm zum Liebes-LatexKondome: 200 Jahre Aufklärung
Eine bunte Tüte bitte – doch statt Gummibärchen gibt’s Gummi-Überzieher. In allen Farben, Formen und Varianten. Der Kondom-Kauf ist heute ganz normal. Für Männer und Frauen. Doch der Weg dahin war lang.
Verhütung ohne Scham
Für rund 50 Prozent aller sexuell aktiven Menschen weltweit ist das Kondom Verhütungsschutz Nummer eins. Kaum noch schambehaftet – doch das war nicht immer so. Die Geschichte des Kondoms beginnt lange vor Latex und Drogerieregal. Ein besonderes Exemplar aus dem Jahr 1840 sorgte zuletzt im Rijksmuseum Amsterdam für Aufsehen: ein rund 200 Jahre alter Penis-Überzieher - vermutlich aus Schafdarm gefertigt. Kuratorin Joyce Zelen erinnert sich: „Wir haben das Kondom 2024 in einem Auktionshaus in Harlem entdeckt. Es lag in einer Vitrine und hat sofort unsere Aufmerksamkeit geweckt - vor allem, weil es einen Aufdruck hatte. Das habe ich noch nie gesehen.“
Erotik mit Haltung
Das historische Kondom zeigt eine Nonne und drei Geistliche in erotischer Pose. Darunter der Satz: „Voilà, mon choix“ – „Das ist meine Wahl“. Eine klare Provokation. Ob es benutzt wurde, bleibt unklar.
„Wir wissen nicht, ob die Leute es wirklich verwendet haben oder ob es eher ein lustiges Souvenir war“, sagt Zelen. Sicher sei nur: „Kondome wurden damals immer heimlich gekauft.“
Diskretion made in Germany
Heute ist das anders. In Bielefeld produziert der Familienbetrieb Ritex jährlich rund 100 Millionen Kondome. Geschäftsführer Robert Richter führt das Unternehmen in dritter Generation. Doch auch nach dem Krieg war das Produkt noch tabu. „Das Wort Kondom konnte an öffentlich unmöglich sagen“, erklärt Richter. Stattdessen sprach man von der „Gummischwemme“ – ein Codewort, das jeder verstand.
Der Herrenfriseur als Verkaufsstelle
Verkauft wurden Kondome früher oft beim Herrenfriseur. „Warum dort? Weil keine Frauen da waren“, so Richter. Wer ein Kondom wollte, legte wortlos eine Mark mehr auf den Tresen. „Dann wurde es unter dem Tisch zugeschoben - ohne ein Wort.“
Hightech statt Heimlichkeit
Heute ist die Herstellung hochmodern. Kondome aus Naturkautschuk-Latex werden Schicht für Schicht gefertigt, gewaschen, getrocknet – und streng geprüft. „Früher gab es viele praktische Anwendungstests“, sagt Richter. „Daraus haben sich die heutigen Labortests entwickelt, bei denen wir technisch feststellen können, ob ein Kondom sicher ist.“ Beim Bersttest muss es mindestens 18 Liter Luft aushalten.
Aufklärung, die Leben rettete
Einen echten Wendepunkt brachte die Aids-Krise der 80er. Damals setzte Gesundheitsministerin Rita Süssmuth konsequent auf Aufklärung. „Es stand ernsthaft zur Debatte, Menschen mit HIV zu isolieren“, sagt Oliver Schubert von der Aidshilfe Köln. „Rita Süssmuth hat klar gesagt: Wir bekämpfen nicht die Menschen – wir bekämpfen Aids.“
Warum Kondome ein Comeback feiern
Bis heute ist das Kondom der sicherste Schutz vor Geschlechtskrankheiten – und erlebt ein echtes Hoch. Während viele Frauen der Pille den Rücken kehren, landet der Liebes-Latex wieder ganz selbstverständlich im Einkaufswagen. In allen Varianten: bunt, genoppt, groß, klein oder extra dünn. Eine bunte Tüte – mit Verantwortung.


































