Vom „weißen Gold“ zum strategischen Rohstoff E-Autos, Batterien und Co. – Deutschland will bei Lithium unabhängig werden

von Daniel Pfaender

Jeder hat es: In der Hosentasche, am Handgelenk oder vielleicht ist es auch gerade vor Ihnen. Lithium. Es handelt sich um ein sogenanntes Alkalimetall und steckt in fast allen Akkus. Egal ob im Handy, der Armbanduhr oder dem E-Auto. Das Element ist überall. Kein Wunder, dass der Bedarf rasant steigt. Eine Frage wird deshalb immer drängender: Wo bekommt Deutschland sein Lithium her? NRW spielt bei der Antwort eine Schlüsselrolle.

Warum Lithium so wichtig ist

Ohne Lithium geht nichts. Der Energiehunger moderner Gesellschaften setzt voll auf das Batteriemetall. „Lithium ist tatsächlich ein Sonderfall, weil es in sämtlichen aktuellen und auch mittelfristig anzunehmenden Batterietechnologien eine nicht zu ersetzende Komponente ist“, erklärt Michael Schmidt von der Deutschen Rohstoffagentur. Aber dabei gibt es ein Problem. Mehr als zwei Drittel des weltweit verarbeiteten Lithiums kommen derzeit aus China – ein Risiko für Europas Industrie. Eine der wichtigsten Alternativen: Recycling.

Recycling statt Wegwerfen

Am Krefelder Stadtrand steht die erste große Recyclinganlage für Lithium-Ionen-Akkus in Europa. Der Geschäftsführer des Unternehmens Accurec will verhindern, dass Batterien im Hausmüll landen oder ungewollt exportiert werden. Die neue Anlage kann rund 4.000 Tonnen Altbatterien pro Jahr verarbeiten – also etwa 150 Sattelschlepper voller Akkuschrott. Am Ende des neuen, selbst entwickelten, Recyclingprozesses steht Lithiumcarbonat. Noch genügt das Material den hohen Ansprüchen der Batteriehersteller nicht, aber das Unternehmen forscht bereits an Verfahren, um das zu ändern.

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Lithium aus Thermalwasser

Neben Recycling könnte Deutschland künftig auch eigenes Lithium fördern. Untersuchungen zeigen, dass Thermalwasser tief unter der Erde das Metall enthält – in Mengen, die den deutschen Bedarf komplett decken könnten. Oliver Schmidt von der Deutschen Rohstoffagentur betont: „Diese Technologien sind noch in der Pilotphase, aber sie kommen. Und deswegen sind diese Vorkommen, die wir in Europa haben, mittlerweile sehr interessant.“

Im Forschungszentrum Jülich arbeitet ein Aachener Start-up an einem besonders effizienten elektrochemischen Verfahren. „Wir haben festgestellt, dass wir sehr interessante und nützliche Ergebnisse gefunden haben, die man weiterführen kann“, berichtet Andreas Kuhlmann. Sein Kollege Marten Huck ergänzt zuversichtlich: „Mit guten Fördermöglichkeiten können wir in drei Jahren auf eine Wirtschaftlichkeit und vielleicht sogar einen Vertrieb hinauskommen.“

Brandgefährliche Batterien

Doch Lithium birgt Risiken. Wird ein Akku beschädigt, kann er sich entzünden. In Wuppertal passiert das häufig, allerdings gewollt. Hier am Lehrstuhl für abwehrenden Brandschutz finden häufig Versuche mit explodierenden Akkus statt. Das ist in aller Regel eine heiße Sache. „Das Ganze hat ja Temperaturen über 500 Grad angenommen“, warnt Chemiker Roland Goertz, der an der Universität Wuppertal zum Brandschutz forscht.

In Abfallsortieranlagen, wo falsch entsorgte Akkus oft zerteilt werden, entstehen immer wieder Brände. Laut NRW-Umweltminister Oliver Krischer brennen jedes Jahr über 100 Betriebe. Ein mögliches Gegenmittel Krischers: ein Pfandsystem. „Wenn es einen Anreiz gibt, Batterien zurückzugeben, ist es unwahrscheinlicher, dass sie in den Sortieranlagen Feuer fangen – und wir gewinnen den Rohstoff zurück“, so Krischer.

Der Stoff der Zukunft

Lithium gilt als Schlüsselsubstanz für moderne Gesellschaften. In E-Autos, Handys und Energiespeichern ist das Alkalimetall unverzichtbar. Noch stammt es meist aus anderen Ländern. Beim Abbau leidet oft die Umwelt. Doch mit Projekten wie in Krefeld und Aachen zeigt NRW, wie die Zukunft aussehen könnte: innovativ, umweltfreundlicher und vor allem unabhängiger.