Vom Waschpulver-Pionier zum DAX-Unternehmen150 Jahre Henkel - Düsseldorfer Weltkonzern feiert Jubiläum

von Stefan Efferth

Die Henkel AG feiert am Samstag (26.09.) ihren 150.Geburtstag. Die Geschichte des Düsseldorfer Konzerns beginnt mit Bleichsoda und ist heute von Weltmarken, Hightech-Klebstoffen und einem milliardenschweren Industriegeschäft geprägt. Doch zur Bilanz gehört auch die Rolle des Unternehmens in der NS-Zeit.

  Vom Waschbrett zu Persil

Fritz Henkel, der damals 26-Jährige Prokurist einer Wuppertaler Lackfabrik, hatte 1876 eine Geschäftsidee. Gemeinsam mit Aachener Chemiefabrikanten entwickelte er ein neues Waschmittel: „Henko“ Bleichsoda. Die Idee war einfach und traf einen Nerv. Das Pulver sollte Frauen die schwere Arbeit am Waschbrett erleichtern. Henkel zog bald nach Düsseldorf. Der Standort bot bessere Verkehrsverbindungen und Raum für Wachstum.

Der große Durchbruch kam 1907. Fritz Henkel brachte „Persil“ auf den Markt. Der Name setzte sich aus zwei Inhaltsstoffen zusammen: Perborat und Silikat. Perborat setzte Sauerstoff frei und bleichte. Silikat sollte Schmutz lösen und das Wasser enthärten. Persil wurde zum Klassiker. Zunächst füllten Arbeiterinnen das Pulver von Hand in 500-Gramm-Packungen. Handelsreisende brachten die Ware in viele Länder. „Er hat selbst Persil entwickelt und erfunden. Und es ist heute immer noch eine unserer ikonischen Marken“, sagt Henkel-Chef Carsten Knobel.

Marken prägen den Alltag

Persil, Pril, Schauma, Pattex und Pritt: Viele Henkel-Marken gehören seit Jahrzehnten zum Alltag. Fernsehwerbung machte sie in der Bundesrepublik zu festen Begriffen. Besonders bekannt wurden die „Prilblumen“. Die bunten Aufkleber lagen ab 1972 Spülmittelflaschen bei. Sie landeten auf Küchenfliesen, Schränken und Fenstern. Außerdem hielten sie oft länger als gewünscht. „Sie waren toll und sie haben lange geklebt – manchmal viel zu lange“, sagte der frühere Henkel-Produktmanager Gert Daffertshofer 1996 über die Blumen. Der Konzern wuchs auch durch Zukäufe. Vor gut 30 Jahren kam das Geschäft von Schwarzkopf hinzu. Damit stärkte Henkel seine Stellung bei Haarpflege und Kosmetik.

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Das unsichtbare Milliardengeschäft

Henkel ist heute mehr als ein Hersteller von Wasch- und Spülmitteln. Das Geschäft mit Kleb- und Dichtstoffen ist sogar der größere Ertragsbringer. Der Konzern beliefert unter anderem die Halbleiter- und Chipindustrie, Rechenzentren sowie die Luft- und Raumfahrt. Bekannte Marken sind Loctite, Pattex und Pritt. Viele Produkte verschwinden jedoch unsichtbar in Autos, Elektronik oder Gebäuden. Ein prominentes Beispiel steht in Barcelona: Für die sechs zentralen Türme der neuen Kathedrale Sagrada Família wurden laut Henkel rund 24Tonnen Loctite-Klebstoff eingesetzt. Knobel sieht Innovation als entscheidenden Faktor. Starke Marken allein reichten nicht aus, sagt er. Nötig seien auch neue Technologien und Beschäftigte, die den Wandel mittragen.

Die NS-Vergangenheit

Zur Unternehmensgeschichte gehört ein belastendes Kapitel. Wie viele deutsche Großunternehmen war Henkel in das NS-System eingebunden. Dazu zählen Beteiligungen an sogenannten Arisierungen sowie der Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Lange wurde diese Vergangenheit im Unternehmen kaum öffentlich thematisiert. Ende der 1990er-Jahre begann Henkel, das Kapitel wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Die Ergebnisse wurden 2001veröffentlicht. Der Begriff „Persilschein“ verweist auf eine weitere, historische Seite der Marke. Nach 1945bezeichnete er Bescheinigungen, mit denen Menschen im Entnazifizierungsverfahren ihre politische Unbelastetheit belegen wollten. Umgangssprachlich steht der Ausdruck bis heute für einen zweifelhaften Freispruch.

Stolz auf den Arbeitsplatz

Henkel beschäftigt weltweit rund 50.000 Menschen. Am Düsseldorfer Stammwerk gibt es auch familiäre Bindungen über Generationen hinweg. Andreas Korf arbeitet dort seit rund 40 Jahren. Sein Sohn Jannis begann 2022 eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Morgens fahren beide gemeinsam zum Werk. „Wenn ich bei Henkel vorbeifahre, erfüllt mich das mit einem gewissen Stolz, dass ich bei Henkel bin“, sagt Andreas Korf. Für Janis hat die Arbeit einen praktischen Vorteil: Er braucht derzeit kein eigenes Auto. Zum Jubiläum richtet Henkel auf dem Werksgelände ein Fest für Beschäftigte und ihre Familien aus. Außerdem erhalten Mitarbeitende im Monat ihres Geburtstags einen zusätzlichen freien Tag. Bei einer Belegschaft dieser Größe ist das ein teures Geschenk.

Wachstum trotz Krise

Henkel profitiert derzeit von seiner breiten Aufstellung. Während die deutsche und europäische Wirtschaft schwächelt, meldete der Konzern zuletzt solide Geschäfte. Knobel erklärt das mit fortlaufender Erneuerung: „Wir haben immer wieder versucht, uns neu zu erfinden“, sagt der Vorstandschef. Henkel setze auf ganzheitliches Wachstum, starke Marken und Technologien. Der Konzern investiert auch in Klimaprojekte. Seit Kurzem speist Henkel Teile seiner Abwärme in das Düsseldorfer Fernwärmenetz ein. Zugleich steht die Industriepolitik der vergangenen Jahre in der Kritik: Große Unternehmen wie auch dieses profitierten lange von weitreichenden Ausnahmen bei der EEG-Umlage, die private Stromkunden bis 2022 zahlten. Henkel feiert seinen Geburtstag mit einem digitalen Blick zurück. Künstliche Intelligenz lässt den Gründer Fritz Henkel und alte Werbe-Ikonen in Jubiläumsfilmen wieder auftreten. Hinter der Nostalgie steht ein Konzern, der sich vom Waschmittelpionier zu einem globalen Technologie- und Markenunternehmen entwickelt hat.