Psychologe erklärtWarum der Vermisstenfall Scarlett so viele Menschen bewegt

Scarlett auf einer Wanderung
Seit September 2020 wird Scarlett Salice vermisst. Ihr Vater Ralph fährt bis heute immer wieder nach Todtmoos im Schwarzwald, wo sich die Spur seiner Tochter verlor. 
dpa
von Philipp Petersdorff

Seit sechs Jahren fehlt von Scarlett Salice jede Spur.
Trotzdem suchen Menschen weiter nach ihr, verfolgen neue Hinweise und diskutieren den Fall im Netz. Ein Psychologe erklärt, warum gerade dieser Vermisstenfall eine solche Kraft entwickelt.

„Moderatoreneffekt” verstärkt sich selbst

Im September 2020 bricht die damals 26-jährige Scarlett zu einer Wanderung im Südschwarzwald auf. Sie verschwindet während ihrer Tour scheinbar spurlos. Bis heute ist ungeklärt, was auf ihrer letzten Etappe passiert ist und wo die junge Frau geblieben sein könnte.

Für Psychologe André Ilcin vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) erklärt das rätselhafte Verschwinden allein aber noch nicht die enorme Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Entscheidend sei, dass ihr Schicksal immer wieder in den Medien auftaucht und über soziale Netzwerke präsent bleibt. Je häufiger Menschen mit dem Fall konfrontiert werden, desto wichtiger erscheint er ihnen.

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Ilcin spricht dabei von einem sogenannten Moderatoreffekt. Die große öffentliche Aufmerksamkeit verstärke sich gewissermaßen selbst. „Dadurch kommt das Kollektiv in das Gefühl, dass das ein wichtiger Fall sein muss“, erklärt er im Gespräch mit dpa. Wer ständig mitbekomme, dass andere über Scarlett sprechen, nach ihr suchen oder neue Hinweise diskutieren, entwickle eher selbst das Bedürfnis, sich mit ihrem Verschwinden zu beschäftigen.

Viele Menschen beteiligen sich an Suchaktionen

Warum suchen manche Menschen sogar selbst mit? Laut Ilcin gibt es dafür ganz unterschiedliche Beweggründe. Einige Helfer treibe schlicht Mitgefühl an. Bei anderen spiele ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn eine Rolle. Sie wollten helfen, eine unübersichtliche und ungeklärte Situation aufzulösen. Auch der Wunsch nach Kontrolle oder öffentlicher Anerkennung könne dabei eine Rolle spielen.

Daneben gebe es Menschen mit finanziellen Interessen. Im Fall Scarlett liegt die ausgelobte Belohnung laut dpa mittlerweile bei 100.000 Euro. Eine solche Summe locke nach Einschätzung des Psychologen auch sogenannte Kopfgeldjäger an.

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Im Video: Scarletts Vater gibt die Hoffnung nicht auf

„Wir suchen alle mit“

Noch ein Faktor kann Menschen über Jahre an einen Vermisstenfall binden. Ilcin verweist auf die Verbundenheit mit der eigenen Region. Wenn ein Mensch in der unmittelbaren Umgebung verschwindet, könne daraus ein starkes Gemeinschaftsgefühl entstehen.

„Da entsteht eine Verbundenheit: Wir suchen alle mit“, erklärt der Psychologe. Er vergleicht dieses Gefühl mit dem Zusammenhalt, den Menschen etwa aus freiwilligen Feuerwehren oder Vereinen kennen. Das könnte auch erklären, warum einzelne Vermisstenfälle über Jahre eine enorme Aufmerksamkeit erhalten, während andere Schicksale deutlich weniger öffentlich wahrgenommen werden.

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Neue Hinweise sorgen erneut für Hoffnung

Dass Scarletts Fall aktuell wieder verstärkt in den Fokus rückt, liegt auch an neuen Entwicklungen. Helfer des Vereins „Finderwille“ entdeckten im August unterhalb des Parkplatzes Schluchtensteig einen Reißverschluss. Die Polizei prüft derzeit, ob dieser zu Scarletts rotem Rucksack gehören könnte. Sollte sich der Verdacht bestätigen, wollen die Ermittler nach eigenen Angaben erneut nach der Vermissten suchen.

Lese-Tipp: Suche nach Scarlett – Polizei prüft gefundenen Reißverschluss

Bei der Suchaktion am Wildensteinfels im Wehratal am vergangenen Samstag (12. September) waren rund 35 Helfer mit zwölf speziell ausgebildeten Suchhunden unterwegs. Nach Angaben des Vereins zeigten alle zwölf Tiere in dem Gebiet mehrfach auffälliges Verhalten. Die Polizei bremste allerdings die Erwartungen. Ein entscheidender Hinweis oder gar ein Durchbruch sei das bislang nicht.

Was geschah am Tag von Scarletts Verschwinden?

Der Vermisstenfall beginnt im September 2020. Die damals 26-jährige Scarlett aus Bad Lippspringe ist allein auf dem Schluchtensteig im Südschwarzwald unterwegs. Am 10. September bricht sie in Todtmoos zur letzten Etappe ihrer mehrtägigen Wandertour auf.

Doch ihr Ziel erreicht Scarlett nicht. Seit diesem Tag fehlt von ihr jede Spur. Polizei und Rettungskräfte suchen nach der jungen Frau, später beteiligen sich auch immer wieder Privatpersonen an der Suche. Doch sechs Jahre nach ihrem Verschwinden bleibt die entscheidende Frage unbeantwortet: Was ist Scarlett auf ihrer letzten Wanderetappe zugestoßen?

Verwendete Quelle: dpa