Ängste vor hohen Preisen nehmen zuWird das Leben unbezahlbar? Diese Sorge treibt die Deutschen um

Lebensmittel wie Eier, Tomaten und Konserven liegen neben Kassenbon und Euro-Geld und verdeutlichen steigende Kosten im Alltag. Im Kontext von Inflation und Teuerung zeigt das Bild die wachsende finanzielle Belastung beim Einkauf.
Mieten, Lebensmittel und Energie setzen breite Teile der Bevölkerung unter Druck.
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Die Bundesregierung reagiert auf die steigenden Energiepreise mit Entlastungen – doch viele Menschen fürchten weiter um ihre Kaufkraft. Hohe Kosten für Wohnen, Lebensmittel und Alltag schüren Ängste. Die Linke nutzt sie, um politischen Druck zu erzeugen.

Wenn alles gut geht, sinken die Preise an der Zapfsäule bald etwas und vom Arbeitgeber gibt es im Idealfall einen Krisenbonus. Diese Antwort auf die akute Energiepreiskrise kündigte die Bundesregierung zu Wochenbeginn an. Aber die Sorge vieler Menschen, dass das Leben immer teurer und womöglich unbezahlbar wird, ist damit wohl nicht erledigt. Sie begann lange vor dem Iran-Krieg und reicht tiefer. Bei den „Ängsten der Deutschen“ 2025 rangierten die Lebenshaltungskosten auf Platz eins.

Die Linke hat deshalb einen „Bezahlbarkeitsgipfel“ in Berlin einberufen – eine Art Bürgergespräch bei Suppe und Getränken. Und obwohl das Ganze sehr nach Wahlkampf aussieht, liegt die Partei bei dem Thema nicht falsch. „Die Leute schildern uns tagtäglich ihre Nöte und Sorgen“, sagt Linksfraktionschefin Heidi Reichinnek der Deutschen Presse-Agentur. „Und die haben sich mit den steigenden Energiepreisen noch deutlich verstärkt.“ Umfragen aus jüngster Zeit bestätigen das.

Neun von zehn Menschen in Deutschland befürchten wegen der Eskalation im Nahen Osten weiter steigende Energiepreise - das ließ der Energieversorger E.ON im April in einer Umfrage des Instituts Civey mit 5000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ermitteln. Sieben von zehn halten in Deutschland Engpässe bei der Versorgung mit Öl und Gas für möglich. Eine Yougov-Umfrage im Auftrag des Bundesverbands Solar geht in dieselbe Richtung: 68 Prozent halten die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten für zu hoch.

Steigende Lebenshaltungskosten sind nach einer Ipsos-Umfrage für die Allianz die größte finanzielle Sorge in der Bevölkerung. Das sagten 57 Prozent der 1.000 Menschen, die im Februar und März befragt wurden. Zentraler Punkt ist die Supermarktkasse, wie eine Forsa-Umfrage schon vor einigen Monaten ergab. 68 Prozent der rund 1.000 damals Befragten sagten, sie spürten gestiegene Lebenshaltungskosten vor allem bei Lebensmitteln. „Die hohen Lebenshaltungskosten belasten die Menschen in Deutschland massiv“, schloss Ramona Pop, Vorständin des Verbraucherzentrale-Bundesverbands, bei der Vorstellung der Zahlen im Januar. Seit 2020 sind Lebensmittel um mehr als 35 Prozent teurer geworden.

Die Angebotsmieten in deutschen Großstädten sind nach einer Übersicht des Bundesbauministeriums binnen zehn Jahren im Schnitt um 43 Prozent gestiegen, in Berlin sogar um 69 Prozent. Der Deutsche Mieterbund ermittelte in seinem Mietenreport 2025, dass sich rund 13 Prozent der 44 Millionen Mieterinnen und Mieter durch hohe Wohnkosten extrem belastet fühlen. 29 Prozent fürchten demnach, sich ihre Wohnung künftig nicht mehr leisten zu können. „Wohnen wird zur Existenzfrage“, befand der Verband vor wenigen Tagen.

Dazu kommen gestiegene Sozialabgaben etwa für die Krankenversicherung, wachsende Eigenanteile in Pflegeheimen, höhere Ticketpreise für Bus und Bahn, schwindelerregende Kosten für Dinge, die früher einmal erschwinglicher schienen, wie etwa der Führerschein. Alles zusammen mündet bei vielen in eine unterschwellige Abstiegsangst, wie der Sozialverband Deutschland von Civey ermitteln ließ. Demnach blickten zu Jahresbeginn fast 40 Prozent der 5000 Befragten mit Sorge auf 2026 und befürchteten finanzielle Einbußen.

Bei Umfragen ist immer zu beachten, wie die Fragestellung genau lautet. Wegen der Fehlermargen können die Ergebnisse bisweilen mehrere Prozentpunkte abweichen. Trotzdem geben die Ergebnisse Hinweise - und bestätigen nach Reichinneks Worten Erkenntnisse der Linken aus Hunderttausenden Haustürgesprächen, die die Partei im Bundestagswahlkampf 2025 begann und seither weiterführt. „Die Probleme sind individuell, aber Sorgen um die Bezahlbarkeit des Lebens ziehen sich durch nahezu alle Bevölkerungsgruppen“, sagt die Fraktionschefin.

Die Linke verbindet dies mit der Forderung nach Umverteilung etwa über eine Vermögensteuer oder eine Übergewinnsteuer für Energiekonzerne nach dem Motto: „Das Geld ist nicht weg - es haben nur die Falschen!“ Reichinnek appelliert an die übrigen Parteien, das Problem gemeinsam anzugehen. „Unsere Vorschläge liegen auf dem Tisch, wir sind bereit, Initiativen zu unterstützen, die uns an dieser Stelle voranbringen“, sagt die Fraktionschefin. Ein Konsens zwischen Regierung und Opposition ist aber nicht in Sicht.

Die schwarz-rote Koalition setzt nach ihrem Energie-Entlastungspaket stattdessen auf Strukturreformen. Auf dem Plan stehen als Nächstes die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung und eine Steuerreform zur Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen. Dass Ängste und finanzielle Sorgen auf vielen Menschen lasten, wissen aber auch die Regierungspartner. Gebraucht würden „wieder Zuversicht und gute Stimmung, auch für eine gute Zukunft in unserem Land“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz am Montag.

Verwendete Quellen: Von Verena Schmitt-Roschmann, dpa