Machtwechsel in UngarnDas ist der Mann, der Orban stürzte

April 13, 2026, Budapest, Hungary: Peter Magyar waves the Hungarian flag after his speech during the TISZA party's election night event in Budapest. April 12, 2026, marked the most significant political transformation in Hungary in decades. The election night for Peter Magyar's TISZA party in Budapest saw thousands of citizens gathering to celebrate a decisive victory over Prime Minister Viktor Orbánâs Fidesz party, which had been in power since 2010..Péter Magyar, who emerged as a central opposition figure only two years ago, successfully mobilized a record number of voters by focusing his campaign on anti-corruption measures, improving living standards, and restoring Hungary's pro-European course. (Credit Image: © Attila Husejnow/SOPA Images via ZUMA Press Wire
Peter Magyar hat die Wahl in Ungarn gewonnen.
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Er hat das kaum mehr für möglich Gehaltene geschafft: Mit überwältigender Mehrheit löst Peter Magyar den ungarischen Ministerpräsidenten Orban ab und verspricht eine Politikwende. Doch wer ist der Mann, der einst selbst ein Fan Orbans war? Und was will er?

Noch vor wenigen Jahren applaudierte Peter Magyar bei Reden des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban aus der ersten Reihe. Anfang 2024 wechselte der 45-Jährige aber die Seiten und konnte nun den Langzeitregierungschef bei der Parlamentswahl am Sonntag stürzen.

Magyar war früher selbst Mitglied in Orbans Partei Fidesz und arbeitete für die Regierung. Als diese im Februar 2024 von einem Skandal um die Begnadigung eines in Kindesmissbrauch verwickelten Mannes erschüttert wurde, betrat Magyar mit scharfen Angriffen auf Orban die politische Bühne und wurde in kürzester Zeit zum neuen Hoffnungsträger der Regierungsgegner.

„Man nannte mich die ‚ewige Opposition‘ innerhalb von Fidesz“, sagte Magyar 2024 kurz nach seinem Bruch mit dem Regierungslager. Der 45-Jährige, der die politische Kommunikation in Onlinenetzwerken beherrscht und auf Wahlkampfbühnen als geübter Rhetoriker auftritt, verspricht den Ungarn nach 16 Jahren mit Orban an der Regierungsspitze einen grundlegenden Wandel.

Magyar kündigte an, das gesamte politische System „Stein für Stein“ abzubauen. Er verspricht seinen Wählern Verbesserungen im Gesundheitswesen und einen entschlossenen Kampf gegen Korruption. Er steht für einen pro-westlichen Kurs und will Ungarn nach eigenen Angaben zu einem verlässlichen Nato- und EU-Partner machen. Orban hingegen legt sich seit vielen Jahren immer wieder mit der EU an und unterhält trotz des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine weiterhin enge Beziehungen zu Kremlchef Wladimir Putin.

Magyar vertritt zugleich einen scharfen Anti-Einwanderungskurs und lehnt wie Orban Waffenlieferungen an die Ukraine ab. Mit Blick auf die Rechte von LGBTQ-Menschen, die von Orban eingeschränkt wurden, äußerte sich der Oppositionspolitiker vage. Im Wahlkampf nutzte Magyar dabei Orbans eigene Methoden. Auf seinen Kundgebungen wehten stets viele Nationalflaggen – ein Appell an den Patriotismus der ungarischen Wähler ganz im Stil Orbans. Seine beständigen und klaren Botschaften sowie die geschickte Nutzung von Social Media trugen zu seinem Aufstieg bei.

Im Wahlkampf besuchte er nicht nur die Städte, sondern auch kleine Dörfer und Hochburgen Orbans. Sein Vorteil: Er tritt unmittelbar auf, gibt sich nahbar, spricht die Sprache der kleinen Leute und geht auf ihre Sorgen und Nöte ein - in einem Land, dessen Wirtschaft stagniert und dessen Regierungsmacht Eigeninitiative kaum zulässt.

Magyar ist durch sein konservatives Herkunftsmilieu geprägt, ist aber kein Ideologe. Er kehrt gerne den Patrioten hervor und benutzt unbekümmert nationale Symbolik. Harter Nationalismus und Chauvinismus sind ihm aber fremd. Er beweist ähnlich wie Orban Machtinstinkt, scheint aber die Macht - im Gegensatz zu Orban - im Rahmen der Demokratie ausüben zu wollen. So will er in der Verfassung verankern, dass niemand öfter als zweimal Ministerpräsident werden kann.

Magyars Status als ehemaliger Regierungs-Insider trug nach Angaben des Politikexperten Andrzej Sadecki zu seinem kometenhaften Aufstieg bei. Ihm werde Glauben geschenkt, wenn er versichere, „dass das System von innen verdorben sei“, sagt der Forscher vom Warschauer Zentrum für Oststudien (OSW). „In gewisser Weise ist Magyar wie Orban vor 20 Jahren - nur ohne all den Ballast, die Korruption und die Fehler, die an der Macht begangen wurden.“

Magyar entstammt einer einflussreichen konservativen Familie und interessierte sich schon in jungen Jahren für Politik. Während seines Jurastudiums freundete er sich mit Orbans derzeitigem Bürochef Gergely Gulyas an und lernte seine spätere Frau Judit Varga kennen. Das Paar heiratete 2006. Nach einem Aufenthalt in Brüssel, wo Magyar im diplomatischen Dienst arbeitete, kehrte die Familie 2018 nach Ungarn zurück.

Magyar übernahm die Leitung der staatlichen Agentur für Studentenkredite und war Aufsichtsratsmitglied in mehreren anderen staatlichen Unternehmen. Seine Frau stieg 2019 zur Justizministerin im Kabinett Orban auf. Magyar und Varga haben drei Kinder zusammen und ließen sich 2023 scheiden. Während Varga im Zuge des Begnadigungsskandals zurücktrat, rückte sich ihr Ex-Mann ins politische Rampenlicht. Zu seiner ersten Kundgebung strömten Zehntausende Demonstranten. Bei der Europawahl 2024 wurde seine Tisza-Partei zweitstärkste Kraft hinter Orbans Fidesz.

Magyar sei schnell als „mutig und tatkräftig“ wahrgenommen worden, sagt die Medienwissenschaftlerin Veronika Kovesdi von der Elte-Universität in Budapest. Zudem sei ihm die Bereitschaft zugeschrieben worden, „persönliche Risiken einzugehen“. Durch seine Kommunikation in den Onlinenetzwerken habe er sich eine große Reichweite verschafft. Nach Einschätzung von Kovesdi sehen viele seiner Anhänger in ihm einen „Helden“, der „unermüdlich für sie kämpft“.

Mit zunehmender Popularität sah sich Magyar aber zugleich einer Reihe von Anschuldigungen ausgesetzt, die er als einen „Tsunami aus Hass und Lügen“ abtat. Dazu zählten auch Vorwürfe häuslicher Gewalt, die von seiner Ex-Frau Varga erhoben wurden. „Da er innerhalb von Fidesz sozialisiert wurde, gibt es auch Zweifel, ob er in der Lage ist, einen wirklichen Bruch mit dem Orban-System herbeizuführen“, sagt der Politik-Experte Sadecki. Linksgerichtete Wähler seien „vielleicht nicht ganz zufrieden mit seinem Programm, unterstützen ihn aber dennoch, da er die beste Chance auf Veränderung darstellt“, betont Sadecki.

Verwendete Quellen: ghö/dpa/rts/AFP