RTL-Reporter im Fabian-ProzessSo erlebe ich Gina H. im Gerichtssaal: „Ich-bezogen, keine Empathie, kein Mitgefühl“

Gina H., die Ex-Freundin von Fabians Vater, ist tatverdächtig.
Gina H. soll den kleinen Fabian getötet haben.
dpa/Schwarck Media

„In diesen Momenten fühle ich mich eher wie in einer Reality-Show als in einem Gerichtssaal.”
An dem Tag, als aus dem tragischen Vermisstenfall Fabian ein grausamer Mordfall geworden ist, ist RTL-Reporter Carsten Kulawik sofort zum Fundort gefahren. Seit neun Monaten berichtet er aus Güstrow und Rostock, hat Polizeidurchsuchungen begleitet, einen der ersten Trauergottesdienste besucht, Menschen aus dem Ort und Umfeld des Jungen interviewt. Er spricht regelmäßig mit der Staatsanwaltschaft, den Verteidigern der Angeklagten, dem Gericht und mit Fabians Mutter und ihrer Anwältin. Kulawik beobachtet den Prozess vor dem Landgericht in der ersten Reihe und schildert auf RTL.de seine Eindrücke.

Im Oktober 2025 ist Fabian spurlos verschwunden – RTL-Reporter erinnert sich an die ersten Tage nach dem Verschwinden

RTL-Reporter Carsten Kulawik
RTL-Reporter Carsten Kulawik ist bei dem Prozess gegen Gina H. in Rostock dabei.
RTL

Eine junge, schlanke Frau mit blonden Haaren und Reithose läuft quer über eine grüne Wiese, dicht gefolgt von einem kleinen, blonden Jungen. Das Kind hat etwas Mühe bei der Steigung, tapst hinterher. Beide wirken vertraut. Es ist ein kühler Herbsttag in der mecklenburgischen Gemeinde Reimershagen im Oktober 2025. Doch: Es ist kein gewöhnlicher Tag. Vor genau einer Woche will diese junge Frau zufällig eine Kinderleiche gefunden haben – den Leichnam des vermissten achtjährigen Fabian aus Güstrow. Die Frau heißt Gina H., der kleine Junge hinter ihr ist ihr siebenjähriger Sohn J. und die grüne Wiese ist eine Pferdekoppel.

Kann dieser Leichenfund wirklich Zufall sein? In den ersten Live-Schalten für RTL und ntv vom Fundort an einem Tümpel bei Klein Upahl habe ich den Umstand selbst als einen „möglicherweise großen und auch tragischen Zufall“ bezeichnet. Um keine Verdachtsberichterstattung zu betreiben, müssen wir bei Formulierungen vorsichtig sein. Die Staatsanwaltschaft hält sich bedeckt, bestätigt aber telefonisch, dass die Ex-Partnerin von Fabians Vater diejenige ist, die den Leichenfund am 14. Oktober 2025 gemeldet hat. Keine Pilzsammlerin, keine Touristin, die in der Gegend ihren Urlaub verbrachte, wie es in ersten Meldungen hieß.

Wieso ist Gina H. ausgerechnet an dieser abgelegenen Stelle spazieren gegangen, während tagelang umfangreiche Suchmaßnahmen rund um den Heimatort des vermissten Jungen gelaufen sind? Ist ein Rapsfeld mit matschigen Zufahrtswegen und einem von Regen aufgeweichten Boden ein geeigneter Ort für einen spontanen Vormittagsausflug? Diese Fragen stelle ich mir immer wieder, während ich in den ersten beiden Wochen nach Fabians Leichenfund durchgehend in dessen Heimat Güstrow und den Ortschaften Klein Upahl, Groß Breesen und Reimershagen zu Recherchezwecken und für unsere Berichterstattung unterwegs bin und mit Menschen ins Gespräch komme – so auch an diesem Herbsttag, eine Woche nachdem die schlimmste Befürchtung für Fabians getrenntlebende Eltern Dorina L. und Matthias R. bittere Realität wurde.

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Gina H. lehnte Gesprächsversuch laut und schrill ab

Ich möchte mit Gina H. sprechen, aber nicht, wenn ihr Sohn dabei ist. Also kehre ich erst später mit meinem Kameramann zurück, stelle mich an den Zaun ihrer Pferdekoppel und erkenne sie im Stall, während sie vermutlich gerade Pferdemist zusammenfegt. Ich rufe ihren Namen, sie schaut aus dem Stall heraus: „Ja?“ – „Kann ich Ihnen eine Frage stellen?“ – „Ihr seid doch von der Presse!“
Sie wird direkt lauter, ihre Stimme wird schriller, auch meine Nachfrage lehnt sie mit Nachdruck ab. Gina H. möchte heute nicht sprechen. „Hat sie mit dem Verschwinden von Fabian etwas zu tun? Kann diese junge Mutter eine eiskalte Mörderin sein?“, frage ich mich noch am Zaun, bevor ich wieder ins Auto steige. Gut zwei Wochen später wird sie festgenommen.

190 Tage nach diesem Gesprächsversuch sehe ich Gina H. wieder. Sie wird von Justizbeamten nun als Angeklagte in den Saal 2.002 des Landgerichts Rostock geführt. Es gilt die Unschuldsvermutung. Die inzwischen 30-Jährige trägt eine Winterjacke, eine hellblaue Hose, Turnschuhe – und Fußfesseln. Ihre Haare sind nicht mehr blond, sondern brünett. Mit besonders leiser Stimme gibt sie ihre Personalien an.

Die Staatsanwaltschaft wirft Gina H. vor, Fabian unter einem Vorwand aus dem Haus gelockt, mit mindestens sechs Messerstichen getötet und den Leichnam mit flüssigem Grillanzünder in Brand gesetzt zu haben: Mord aus Heimtücke und sonst niedrigen Beweggründen. Mit der Tat habe die Angeklagte einen Streitpunkt mit dem Vater Matthias R. beenden wollen – in der vagen Hoffnung, die Beziehung, die auch finanzielle Vorteile für sie hatte, fortsetzen zu können. Verhandelt wird vor dem Schwurgericht, einer Abteilung für besonders schwere Straftaten. Gina H. wirkt an diesem Morgen nervös, zurückhaltend, ihre Augen sind etwas geschwollen, als hätte sie gerade noch geweint. Ihre Anwälte lehnen eine Einlassung ab, weswegen der erste Prozesstag schon nach 17 Minuten beendet ist.

Desinteressiert, teilnahmslos und gelangweilt – und nur einmal emotional

An den kommenden Prozesstagen beobachte ich regelmäßig, wie sich Gina H. als Angeklagte verhält, an welchen Stellen sie Reaktionen zeigt und wann sie besonders desinteressiert und teilnahmslos wirkt. Auffallend: Sie trägt immer ein starkes Augen-Makeup und ihre Nervosität verfliegt relativ schnell. Schon am zweiten Prozesstag wirkt sie eher gelangweilt, während Fabians Mutter Dorina L. immer wieder mit den Tränen kämpft. Keine Empathie ist erkennbar, kein Einfühlungsvermögen, kein Mitgefühl für die Frau, die auf grausame Weise ihren geliebten Sohn verloren hat.

Als Fabians Vater für seine Aussage den Saal betritt, lächelt sie ihm zu. Er wird kurze Zeit später eine erneute Beziehung zu ihr bestätigen. Eine Beziehung mit der Frau, die mutmaßlich seinen Sohn getötet hat. Auch wenn es in der Verhandlung um erschütternde Details geht, ein ausgelöschtes, kindliches Menschenleben und Zeuginnen zum Teil mit Tränen kämpfen, sodass Prozessbeobachter und Pressevertreter kollektiv einen Kloß im Hals haben, ist Gina H. erstaunlich abgewandt, in Gedanken versunken. Wenn es besonders emotional wird, liest sie lieber in ihren Akten. Wenn Fotos der Leiche gezeigt werden, blickt sie demonstrativ auf den Boden. Nur einmal zeigt sie ihre verletzliche Seite: Als Matthias R. über den Tod ihrer Stute Tiffy spricht, kullern Tränen ihre Wangen hinunter, die sie mit einem Taschentuch wegwischt. Bezeichnend: ein einziger Moment in 17 Prozesstagen, der sie berührt hat.

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Im Gerichtssaal ist regelmäßig Gina H.s Stimme zu hören, was erstaunlich ist, weil sie beharrlich zu allen Vorwürfen schweigt. Der Grund, weswegen ihre Stimme laut und deutlich erklingt, ist ein anderer: Gina H. hat ihr Leben in unzähligen Sprachnachrichten festgehalten – und genau diese werden reihenweise und stundenlang abgespielt. Sprachnachrichten, die sie mit Fabians Vater Matthias R., ihren Freunden und Bekannten, ihrer Tierärztin und ihrer Friseurin ausgetauscht hat. Sprachnachrichten, die ihren Charakter freilegen und ihre oftmals forsche, sehr eifersüchtige und besonders manipulative Art und Weise erkennbar werden lassen. Binnen Minuten konnte sie ihre Laune wechseln, je nach Adressat heiter, ausgelassen oder weinerlich und todtraurig sprechen. Auch mitgeschnittene Telefonate werden über Lautsprecher der Öffentlichkeit präsentiert. In diesen Momenten schmunzelt Gina H., als gefalle ihr die ungewohnte Aufmerksamkeit für ihr Leben.

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Für die Angeklagte dreht sich alles nur um sie: „Ich stehe am Pranger, das ist viel schlimmer“

Für mich drängt sich schnell der Eindruck auf: Die Angeklagte ist extrem ich-bezogen. In den Tagen, nachdem sie Fabians Leiche mit zwei Bekannten und ihrer besten Freundin – die sie nacheinander jeweils zielgerichtet zum Tümpel geführt haben soll – zufällig gefunden haben will, sendet sie Sprachnachrichten und telefoniert. Das Schicksal des Jungen ist in diesen Unterhaltungen zweitrangig. Das Bild des toten Jungen sei schlimm, aber man müsse sich einmal in ihre Lage hineinversetzen. „Ich stehe am Pranger, das ist viel schlimmer“, sagt sie empört ihrer Friseurin.

Viel schlimmer als was? Sie gehe durch die Hölle, sie müsse vor der Presse flüchten und sich verstecken, es gebe eine Hetzjagd, sie werde im Ort verdächtigt. Gina H. versinkt in den Chats in Selbstmitleid, es dreht sich immer wieder nur um sie. Und damit nicht genug, in diesen Gesprächen spricht sie schlecht über den toten Jungen: Fabian sei gar nicht so nett gewesen, er habe jahrelang versucht, sie und Matthias R. auseinanderzutreiben. Eine Bestätigung ihres Mordmotivs?

Das Traurige: In vielen Momenten rückt der Tod des Jungen in den Hintergrund. In diesen Momenten geht es um Gina H. und ihre Männer, die sich mitunter selbst als „Lakaien“ und „Knechte“ bezeichnen, die sie mit „Nacktfotos angefüttert hat“. Die Angeklagte lacht, schmunzelt, schaut triumphierend, wenn es um ihre Wirkung auf Männer geht. Sie scheint zu genießen, im Mittelpunkt zu stehen. Eine Frau, mit der sich viele männliche Zeugen aus ihrem Umfeld (zwischen 24 und 70 Jahren) eine Beziehung oder Affäre gewünscht haben. In diesen Momenten fühle ich mich eher wie in einer Reality-Show als in einem Gerichtssaal.

Die Angeklagte wirkt interessiert, wenn Chatnachrichten eingeblendet oder Präsentationen von Fahrtrouten, Kommunikationsanalysen oder Aufnahmen von Überwachungskameras über Beamer an Leinwänden gezeigt werden. Sie schaut aufmerksam hin, oft mit verschränkten Armen, als wolle sie überprüfen, welche Indizien gegen sie sprechen und welche argumentativen Auswege sich auftun könnten.

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Gina H. kommentiert Zeugenaussage: „Du spinnst doch“

Gina H. übt sich während der gesamten Verhandlung in Selbstbeherrschung, so scheint es. Auch wenn Gina H. im Gerichtssaal besonders kontrolliert wirkt und sich mit einem kleinen, silberfarbenen Stressball ablenkt, den sie in ihre Handflächen presst – ihre wahre Gefühlslage und ihre Impulsivität werden immer dann erkennbar, wenn ihr Zeugenaussagen nicht passen. Weil sie sie in einem schlechten Licht dastehen lassen oder sie belasten. Dann platzen leise, aber hörbar Sätze wie „Das stimmt nicht“ oder „Du spinnst doch“ aus ihr heraus.

Im August will Gina H. ihr Schweigen brechen. So hat es ihr Verteidiger Thomas Löcker angekündigt. Will die Angeklagte nur die Gelegenheit nutzen, irrelevante Details, die ihr nicht schmeicheln, richtigzustellen? Oder erhält Dorina L., Fabians Mutter, doch endlich Antworten auf Fragen, die sie seit Monaten quälen?

Quelle: eigene RTL-Recherche