Heiratsmarkt und Geburtenrate in GefahrMänner-Überschuss auf der Welt – Was bedeutet das für unsere Zukunft?

Deutschland, St. Augustin, 13.07.2012 Asklepios-Kinderklinik, Neugeborene (5) in einer Reihe.
Weltweit werden seit 2024 mehr männliche Kinder pro Mann als weibliche pro Frau geboren.
picture alliance / Ulrich Baumgarten

Männliche Nachkommen sind in vielen Ländern willkommener als weibliche. Doch wenn das Geschlechterverhältnis weltweit und langfristig in diese Richtung kippt, bringt das garantiert Probleme, prophezeien Fachleute.

Weltweit ist in der Bevölkerung im reproduktionsfähigen Alter ein zunehmender Männerüberschuss zu verzeichnen - was den Heiratsmarkt und die Geburtenrate beeinflusst. Historisch seien pro Mann mehr Kinder gezeugt worden als pro Frau, seit 2024 habe sich das umgekehrt, berichtet ein Forschungsteam im Fachjournal „PNAS“. Ungute Folgen für die Gesellschaft drohten, etwa für die Männergesundheit und die Gleichstellung der Frau.

„Dies ist eine Folge sinkender Sterblichkeit, sich verringernder geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Sterblichkeit und geschlechtsselektiver Abtreibungen in einigen Ländern“, wie die Wissenschaftler um Henrik-Alexander Schubert vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock erläutern. Statistische Ämter gäben routinemäßig oft nur die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau an. Das könne irreführend sein - etwa in Ländern, in denen aufgrund kultureller Vorlieben für Söhne weibliche Föten gezielt abgetrieben werden. „Dadurch ist das Geschlechterverhältnis bei der Geburt stark verzerrt.“

Schuberts Team analysierte sogenannte Gesamtfertilitätsraten. Sie geben die durchschnittliche Kinderzahl an, die eine Frau oder ein Mann bis zum Ende ihrer reproduktiven Phase hätte, wenn die altersspezifischen Geburtenraten eines bestimmten Jahres zugrunde gelegt werden. Zudem wurden historische Trends und Prognosen für geschlechtsspezifische Fruchtbarkeitsunterschiede in verschiedenen Ländern und Regionen einbezogen.

Ab 2030 wird der Auswertung zufolge der Großteil der Weltbevölkerung in Ländern leben, in denen die männlichen Fortpflanzungsraten deutlich unter den weiblichen liegen. Warum das so ist? Weniger Frauen bedeuten weniger potenzielle Mütter - quasi alle Frauen finden unter den vielen Männern einen Partner, wenn sie das wollen. Ein Teil der Männer hingegen bleibt „übrig“, so sehr sie sich Partnerschaft und Kinder wünschen mögen.

Statistisch führt das Ungleichgewicht zu weniger Kindern pro Mann als pro Frau, weil die Gesamtzahl der Kinder sich auf mehr Männer als Frauen verteilt. Vereinfacht erklärt: Wenn es in einer Gruppe 60 Männer und 40 Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter gibt und 40 Kinder geboren werden, entspricht das im Schnitt 1 Kind je Frau, aber nur etwa 0,67 Kind je Mann - obwohl jedes Kind sowohl eine Mutter als auch einen Vater hat.

Insbesondere in Ostasien ist die Gesamtfruchtbarkeitsrate der Männer den Wissenschaftlern zufolge deutlich niedriger als die der Frauen. „Es wird erwartet, dass der Unterschied in Ländern wie China und Indien, wo geschlechtsselektive Abtreibungen das Ungleichgewicht der Geschlechter in der Bevölkerungsstruktur verstärkt haben, auf bis zu 20 Prozent anwachsen wird.“

Den langfristigen Trend hin zu einer maskulineren Bevölkerung gebe es weltweit. Ausgenommen seien vor allem Länder in Afrika südlich der Sahara. „Dort ist die Überlebensrate der Männer aufgrund der insgesamt hohen Sterblichkeit und der durch Kriege verursachten überproportional hohen männlichen Sterblichkeit niedriger.“

Im Rest der Welt hält die sinkende Sterblichkeit das männlich geprägte Geschlechterverhältnis bei der Geburt über das gesamte Leben hinweg aufrecht: Es werden natürlicherweise etwa 103 bis 107 Jungen pro 100 Mädchen geboren. Zwar haben weibliche Embryos eine leicht höhere Überlebensrate während der Schwangerschaft, es werden aber merklich mehr männliche Föten empfangen - in der Summe entsteht der leichte Jungenüberschuss.

Vor allem Kriege und Gewalt haben diesen Überschuss in der Vergangenheit immer wieder ins Gegenteil verkehrt und nachhaltige Spuren in der Bevölkerungsstruktur und bei der Geburtenrate hinterlassen. „Die Feminisierung der Bevölkerungsstrukturen kann zwar positive Auswirkungen auf die Gleichstellung der Geschlechter und die Teilhabe von Frauen haben, erschwert aber gleichzeitig die Fortpflanzung und die Partnerwahl für Frauen.“

Der Übergang zu einer maskulineren Bevölkerung markiere nun den Beginn einer neuen demografischen Realität - mit neuen Chancen und Herausforderungen. „Ein Überschuss an Männern im Verhältnis zu Frauen im reproduktionsfähigen Alter wird wahrscheinlich zu einer höheren männlichen Kinderlosigkeit und einem steileren sozioökonomischen Gradienten der Kinderlosigkeit führen“, erklären die Wissenschaftler. Heißt: Vor allem bessergestellte Männer haben die Chance auf eine Familie.

Welche düsteren gesellschaftlichen Folgen es haben kann, wenn Männer keine Partnerin finden, zeigt sich etwa an der Entwicklung der sogenannten Incel-Szene in den vergangenen Jahrzehnten. Der englische Begriff setzt sich aus „involuntary“ und „celibate“ zusammen und bezeichnet vorwiegend Männer, die unfreiwillig zölibatär leben und Hass auf Frauen sowie auf sexuell aktive Männer entwickeln. Frauen werfen sie vor, ihnen Nähe und Sex zu verwehren, obwohl dies ihnen zustehe.

Frauenfeindliche Narrative und starre Rollenbilder werden in diesem Milieu zementiert, Gleichberechtigung lehnt man ab. In den vergangenen Jahren gab es teils sogar Morde und Gewalttaten, bei denen die Täter aus der Incel-Szene stammten, etwa in Kanada sowie Großbritannien.

Die Hilfsorganisation Plan International, die sich auch für die Rechte von Mädchen und Frauen einsetzt, beschreibt, dass sich Incels stark in Online-Communities vernetzen, wo sie Gleichgesinnte finden. Seit den 2000ern spielten der Organisation zufolge Foren wie Reddit und 4Chan eine wichtige Rolle für die Szene.

Mittlerweile hat sich daneben eine noch sichtbarere Welt des Frauenhasses im Internet entwickelt - die sogenannte Manosphere. Frauenverachtende Influencer wie Andrew Tate prägen diese maßgeblich mit. Kürzlich hat sich der britische TV-Journalist Louis Theroux in einer Dokumentation für Netflix der Sphäre gewidmet und porträtiert sie als eine Art Konglomerat aus Frauenverachtung, Fitness, Pornografie, Kryptowährungen, Homofeindlichkeit und Verschwörungsideologien.

Dass solche Rollenbilder in den sozialen Medien heute präsent sind, hat Folgen in den Köpfen junger Menschen, wie kürzlich eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Ipsos zeigte. In der Umfrage vertraten Männer der Generation Z - also den Jahrgängen 1997 und 2012 - im Vergleich der Altersgruppen in allen 29 einbezogenen Ländern die rückständigsten Auffassungen zu Geschlechterrollen und Gleichstellung.

Fast jeder dritte Gen-Z-Mann (31 Prozent) ist demnach der Meinung, dass eine Ehefrau ihrem Mann immer gehorchen sollte. Bei den Gen-Z-Frauen liegt der Wert mit 18 Prozent deutlich darunter. Zum Vergleich: Bei den männlichen Babyboomern - geboren zwischen 1946 und 1964 - sind nicht einmal halb so viele Männer dieser Ansicht (13 Prozent), bei den Boomer-Frauen ebenfalls weitaus weniger (6 Prozent).

61 Prozent der befragten Gen-Z-Männer finden zudem, dass in Sachen Gleichstellung im eigenen Land schon genug getan wurde. 57 Prozent der Gen-Z-Männer sind der Ansicht, dass die Gleichstellung von Frauen sogar so weit gefördert wurde, dass nun Männer diskriminiert werden.

„Es ist beunruhigend zu sehen, dass die Einstellung zur Gleichstellung der Geschlechter nicht positiver ist, insbesondere unter jungen Männern“, sagte Julia Gillard von der beteiligten King’s Business School in London. Viele Gen-Z-Männer stellten nicht nur einschränkende Erwartungen an Frauen, sondern seien selbst in restriktiven Geschlechternormen gefangen.

Das Team vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock fürchtet neben zunehmender Gewalt durch den Männerüberschuss auch soziale und gesundheitliche Folgen wie vermehrte Gewalt und Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten, gerade bei Männern ohne Partner und ohne Kinder.

Die Forschenden schlagen konkrete politische Maßnahmen vor, um die Unterschiede und ihre Folgen anzugehen. Dazu zählt die Stärkung der Stellung der Frau in der Gesellschaft, um geschlechtsselektive Abtreibungen zu verhindern.

Zu empfehlen sei regional zudem eine Verbesserung von Bildung und die Schaffung von Arbeitsplätzen, um kinderlosen und alleinstehenden Männern berufliche Perspektiven zu eröffnen und ihre Anfälligkeit etwa für organisierte Kriminalität zu verringern. „Werden die Bedürfnisse dieser Männer nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr einer kulturellen Gegenreaktion gegen die Gleichstellung der Geschlechter und gesellschaftlicher Konflikte“, warnen die Experten.

Verwendete Quellen: Annett Stein, dpa