„Unbehandelt zu 100 Prozent tödlich“Experte erklärt, wie gefährlich Lungenpest wirklich ist

Der mysteriöse Tod einer 28-jährigen Labormitarbeiterin in Sibirien sorgt für Aufsehen.
Zunächst stand der Verdacht auf Lungenpest im Raum, inzwischen widersprechen die russischen Behörden: Die junge Frau sei an einer „Lungenentzündung unbekannter Herkunft“ gestorben. Doch wie gefährlich wäre Lungenpest tatsächlich? RTL hat den Infektionsepidemiologen Prof. Timo Ulrichs gefragt – und seine Antwort macht deutlich, warum bei einem Verdachtsfall keine Zeit verloren werden darf.

Prof. Ulrichs: „Unbehandelt zu 100 Prozent tödlich“

Dr. Timo Ulrichs im Büro.
Dr. Timo Ulrichs ist Epidemiologe und Professor für internationale Not- und Katastrophenhilfe an der Berliner akkon Hochschule für Humanwissenschaften.
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„Die Lungenpest ist unbehandelt zu 100 Prozent tödlich“, sagt Prof. Timo Ulrichs im RTL-Interview. Der medizinische Mikrobiologe und Infektionsepidemiologe aus Berlin erklärt, dass es sich um eine besonders schwere Form der Pest handelt. Normalerweise wird die Pest über infizierte Flöhe übertragen und zeigt sich zunächst als Beulenpest. Breiten sich die Erreger im Körper bis in die Lunge aus, kann daraus eine Lungenpest werden.

Besonders gefährlich: Befinden sich die Erreger bereits in der Lunge, ist auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch möglich. „Wenn jemand schon den Erreger in der Lunge trägt, dann hustet oder auch einfach ausatmet“, könnten Menschen in der Umgebung über Tröpfchen angesteckt werden, erklärt Ulrichs. Die ersten Symptome können dabei zunächst vergleichsweise unspezifisch sein: Husten, Fieber und Auswurf. Später könne auch blutiger Auswurf auftreten. Dann könne die Erkrankung allerdings bereits weit fortgeschritten sein.

Bei Lungenpest zählt jede Stunde

Die gute Nachricht: Die Pest ist heute grundsätzlich mit Antibiotika behandelbar. Die schlechte: Bei der Lungenpest ist das Zeitfenster laut Ulrichs sehr klein. „Ganz am Anfang muss man dann sofort handeln“, sagt der Experte. Je länger mit der Behandlung gewartet werde, desto geringer seien die Überlebenschancen. Auch die Inkubationszeit könne bei Lungenpest extrem kurz sein und etwa 24 Stunden betragen.

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Auslöser der aktuellen Sorge ist der Tod einer 28-jährigen Mitarbeiterin eines Instituts zur Bekämpfung von Pestkrankheiten in Irkutsk. Unbestätigten Berichten zufolge soll zunächst ein möglicher Laborunfall und eine Infektion mit Lungenpest im Raum gestanden haben. Die zuständige russische Behörde Rospotrebnadsor widerspricht dieser Darstellung. Demnach habe es keinen Laborunfall gegeben. In Proben der Verstorbenen seien zudem keine Mikroorganismen nachgewiesen worden, die mit ihrer beruflichen Tätigkeit in Verbindung stehen. Als Todesursache wird eine „Lungenentzündung unbekannter Herkunft“ angegeben.

Wie plausibel ist das? Ulrichs will sich auf Grundlage der bisher bekannten Informationen nicht festlegen. Weil die Frau in einem Institut gearbeitet habe, das sich mit Pesterregern beschäftigt, liege der Gedanke an einen Zusammenhang zunächst nahe. Gleichzeitig könne aber auch ein anderer, bislang unbekannter Erreger die Ursache gewesen sein. Seine Forderung: „Sollte man jetzt rausfinden. Am besten transparent und unter Beteiligung der WHO.“

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„Corona, Grippe und alle möglichen Sorten“

Eine „Lungenentzündung unbekannter Herkunft“ muss dabei keineswegs bedeuten, dass ein völlig neuer Erreger aufgetaucht ist. „Das können ganz viele Erreger sein“, erklärt Ulrichs. Denkbar seien beispielsweise Corona- oder Grippeviren sowie andere Krankheitserreger. Gerade Viren ließen sich nicht immer ohne Weiteres direkt nachweisen. Dass eine junge Frau jedoch so schnell schwer erkrankt und stirbt, findet der Infektionsepidemiologe auffällig: „Das aber dann so schnell das Ganze sich fortentwickelt und man dann da auch dran verstirbt, ist eher ungewöhnlich.“ Deshalb müsse der Fall aus seiner Sicht genau untersucht werden.

Müssen wir uns in Deutschland Sorgen machen?

Nach Einschätzung von Ulrichs derzeit nicht. Die Pest existiert zwar weiterhin – größere Hotspots gibt es unter anderem in Madagaskar und im Kongo, kleinere Herde auch in Russland. Doch das Risiko einer Ausbreitung bis nach Deutschland hält der Experte für äußerst gering. Im aktuellen Fall seien nach den bislang bekannten Informationen zudem schnell Vorsichtsmaßnahmen getroffen und Kontaktpersonen isoliert worden. „Das Risiko, das von dort oder auch von Russland Fälle dann nach Europa kommen, das ist äußerst gering“, sagt Ulrichs. Auch das Robert Koch-Institut weist grundsätzlich darauf hin, dass Pest weiterhin in Teilen Afrikas, Amerikas und Asiens vorkommt. In Deutschland tritt sie derzeit nicht auf; das Risiko der Einreise eines Infizierten gilt als gering.

Verwendete Quelle: eigene RTL-Recherche, dpa