Soll Erbrechen abschrecken?Polizei gibt kuriosen Tipp gegen Vergewaltigung – Expertin warnt

Die Hustenattacken gehen häufig mit Hervorwürgen von zähem Schleim und anschließendem Erbrechen einher (Symbolbild).
In Selbstbehauptungsseminaren empfiehlt sie Betroffenen unter anderem, im Falle eines sexuellen Angriffs den eigenen Würgereiz auszulösen. (Symbolbild).
Angelika Warmuth/dpa
von Nele Hasselbusch, Maria Neubauer und Annika Redmer

Dieser Polizeitipp polarisiert!
Wer sexuell angegriffen wird, soll sich notfalls absichtlich übergeben, um den Täter abzuschrecken. Das hat die Polizei Bremen empfohlen, wie zuerst die Kreiszeitung berichtet hat. Im Internet sorgte diese Aussage für heftige Kritik. Im Gespräch mit RTL ordnet die Polizei diesen Tipp ein. Eine Psychologin warnt sogar vor möglichen Folgen. Denn die ungewöhnliche Methode könnte den Täter eher noch zusätzlich motivieren!

Das hat es mit dem Tipp auf sich

Kann ausgerechnet Erbrechen einen Vergewaltiger stoppen? Die Polizei Bremen hält das offenbar für möglich. In Selbstbehauptungsseminaren empfiehlt sie Betroffenen unter anderem, im Falle eines sexuellen Angriffs den eigenen Würgereiz auszulösen. Der Ekel soll den Täter dazu bringen, von seinem Opfer abzulassen. „Wehren Sie sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Auch das Sich-Erbrechen kann eine wirksame Möglichkeit sein, ein Sexualdelikt abzuwehren“, erklärt Polizeisprecherin Franka Haedke gegenüber der Kreiszeitung.

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Im Gespräch mit RTL ordnet Präventionsbeauftragte der Polizei, Katharina Stövesand, diese Maßnahme ein: „Das ist eine von vielen denkbaren Reaktionen in einer extremen Bedrohungssituation, aber ausdrücklich keine pauschale Empfehlung.” Die Polizei bietet unter anderem auch für Behörden Seminare an, sogenannte Selbstbehauptungsseminare: „Wir geben Menschen mit ganz vielen unterschiedlichen Handlungsoptionen einen Werkzeugkasten an die Hand. Aber welcher dieser Tipps in einer konkreten Situation hilfreich ist, das ist nicht vorhersehbar.”

Psychologin erklärt: Angst dominiert

Janina Hagemann erklärt im Gespräch mit RTL, was sie von diesem Tipp hält.
Janina Hagemann erklärt im Gespräch mit RTL, was sie von diesem Tipp hält.
RTL

Doch was genau hat es mit dieser möglichen Maßnahme gegen eine Vergewaltigung auf sich? „Der Tipp, sich einzunässen während eines sexuellen Übergriffs oder sich gar zu erbrechen, stammt aus älteren Gewaltschutzmaßnahmen und Präventionsratgebern”, erklärt Psychologin Janina Hagemann im Gespräch mit RTL.

Hinzu kommt: Viele Menschen erstarren während eines sexuellen Angriffs vor Angst und können sich nicht mehr gezielt wehren, sind dann im sogenannten Freeze-Modus: „Und da können wir kaum noch andere Vorgänge steuern und können eben höchstwahrscheinlich auch nicht einnässen oder ein Erbrechen herbeiführen”, erklärt die Psychologin.

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Kann Ekel einen Vergewaltiger tatsächlich stoppen?

Auch die Wirksamkeit des Polizeitipps ist umstritten. Denn das wurde bisher nicht wissenschaftlich untersucht. Sexuelle Übergriffe seien laut Hagemann häufig motiviert durch das Ausüben von Macht, Gewalt und Kontrolle. Daher zweifelt sie es sehr stark an, dass Ekel da abschreckend wirkt: „Und gleichzeitig denke ich, kann es sogar noch dazu führen, dass es den Täter noch mehr motiviert, wenn er feststellt, dass Angst eine große Rolle spielt, dass ich einnässe während der Tat. Das befeuert eher dieses Machtbedürfnis und auch dieses Gewaltausüben”.

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Die Empfehlung löst auch in sozialen Netzwerken Kritik aus. Nutzer werfen der Polizei vor, die Verantwortung für sexuelle Gewalt auf die Opfer abzuwälzen. Außerdem sei es realitätsfern, in einer extremen Stresssituation gezielt Erbrechen auszulösen. „In jeder Situation kommt es darauf an, Menschen handlungssicher zu machen. Aber das können wir natürlich nicht gewährleisten. Die Verantwortung für sexuelle Übergriffe liegt immer ausschließlich beim Täter”, erklärt Katharina Stövesand.

Polizei gibt weitere Tipps zum Schutz vor sexuellen Übergriffen

Der umstrittene Ratschlag ist allerdings nur ein Teil der Präventionsarbeit der Polizei Bremen. In den Schulungen geht es auch darum, Gefahrensituationen frühzeitig zu erkennen, Konflikte zu entschärfen und sich im Ernstfall Hilfe zu holen. Die Polizei empfiehlt unter anderem, laut auf sich aufmerksam zu machen, andere Menschen gezielt um Unterstützung zu bitten und möglichst frühzeitig zu fliehen. Auch Trillerpfeifen oder Taschenalarme können dabei helfen, Aufmerksamkeit zu erregen.

Verwendete Quellen: RTL-Recherche, Kreiszeitung.de,