Ihre Menschlichkeit rührt zu Tränen„Er wusste nicht, was los war und war völlig überfordert!” Pflegerin betreute Brandopfer aus Crans-Montana

Frau Morgant auf der Palliativestation
Krankenschwester Gwenaëlle Morgant kümmert sich im Stuttgarter Marienhospital um Brandopfer Esteban.
Marienhospital Stuttgart
von Kathrin König, Emilio Nigrelli und Jacqueline Vetten

Dieses Schicksal geht ans Herz!
Bei der Brandkatastrophe in Crans-Montana in der Schweiz an Silvester wurden mehr als 100 Menschen schwer verletzt, unter ihnen auch Esteban. Der 18-Jährige und seine Familie kämpfen sich in einer Klinik in Stuttgart mithilfe von Krankenschwester Gwen zurück ins Leben. Sie kümmert sich aufopferungsvoll um die Familie, wie sie im RTL-Interview erzählt.

Gwen: „Ich wollte für sie da sein und ihnen Halt geben”

Esteban erleidet bei der Brandkatastrophe in Crans-Montana in der Silvesternacht schwere Verletzungen. Ein Viertel seines Körpers verbrennt. Ärzte verlegen den 18-Jährigen noch am Neujahrstag von der Schweiz nach Stuttgart. Dort nimmt ihn das Marienhospital auf. Es ist eines von 19 Zentren für Schwerbrandverletzte in Deutschland und verfügt über besondere Fachkompetenz und spezielle Räume.

Die Pflegerin Gwenaëlle Morgant (53), genannt Gwen, hat in der Neujahrsnacht Dienst. Ihre Leitung fragt sie, ob sie einen Französisch sprechenden Patienten betreuen kann. „Ich dachte erst, es geht um einen jungen Fußballer aus Frankreich”, erinnert sich Gwen im RTL-Interview. „Ich war nicht über den Brand informiert.”

Esteban und seine Mutter bei der Verlegung nach Lausanne
Esteban und seine Mutter bei der Verlegung nach Lausanne
Marienhospital Stuttgart/Privat

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Beim ersten Treffen mit den Eltern weiß sie immer noch nicht, was vorgefallen ist. Sie denkt, sie soll nur übersetzen. Doch dann geht sie mit den Eltern auf die Intensivstation. „Esteban war ansprechbar, aber wusste nicht, wo er war. Er war ja überall verkabelt und lag isoliert auf der Intensivstation. Er wusste nicht, was los war und war völlig überfordert”, erinnert sich die 53-Jährige an das erste Aufeinandertreffen. Gwen wird sofort klar, dass es hier um viel mehr als nur das Dolmetschen geht.

Die Eltern stehen unter Schock. Sie sind nur mit einem Rucksack nach Stuttgart gekommen. Sie haben zwei Tage nichts gegessen. „Ich wollte für sie da sein und ihnen Halt geben, damit sie für ihren Sohn da sein konnten”, berichtet Gwen. Sie geht neben ihrer Arbeit im Krankenhaus mit der Familie einkaufen, zeigt ihnen die Stadt. Als Esteban das Krankenhausessen nicht mag, besorgt sie ihm sogar thailändisches Essen oder Fast Food, damit er etwas isst. Ein Koch aus dem Krankenhausteam, ebenfalls Franzose, stellt sogar einen eigenen Speiseplan für den 18-Jährigen zusammen.

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Gwen wird von der Krankenhausleitung freigestellt

Die Krankenhausleitung stellt Gwen schließlich von ihrer normalen Arbeit frei, damit sie sich voll und ganz der Familie widmen kann. Eine außergewöhnliche Entscheidung. „Dafür bin ich der Geschäftsführung dankbar”, betont Gwen. Und auch ihrem Team ist sie dankbar. „Denn ohne Hilfe meiner Kollegen wäre das ja nicht gegangen. Sie mussten meine Schichten ja mit übernehmen.”

Esteban muss mehrmals operiert werden. An einem OP-Tag geht Gwen mit den angespannten Eltern in den Zoo, um sie abzulenken. „Dort konnten sie auch mal lachen und ein wenig entspannen”, freut sie sich.

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Dem 18-jährigen Esteban ist unterdessen auf der Isolierstation langweilig. Schließlich hat er dort weder Handy noch Computer. Seine Eltern erinnern sich, dass er früher gerne mit Lego gespielt hat. Zufälligerweise hat Gwen noch Steine zu Hause, die sie dem 18-jährigen Brandopfer mitbringt. Denn für seine Genesung ist es wichtig, dass Esteban seine Hände bewegt.

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Diese Abschiedsgeste rührt Gwen besonders

Nach 50 Tagen auf der Intensivstation in Stuttgart kann Esteban zurück in ein Krankenhaus nach Lausanne. „Esteban hat gejubelt, war glücklich, dass es nach Hause geht”, erinnert sich Krankenschwester Gwen Ende Februar kann er das Krankenhaus in der Schweiz verlassen. Nun will er bald seine Ausbildung als Heilerzieher im Seniorenheim fortsetzen.

Seine Mutter hat Angst vor den Reaktionen der Menschen zu Hause. Gwen schenkt ihr zum Abschied ein Armband mit einem Rosenquarz, das sie beruhigen soll. „Der Abschied war für uns alle sehr emotional“, erinnert sie sich. „Die Mutter hat mir einen langen Brief geschrieben und sich bei mir, aber auch bei allen anderen Stationen für alles bedankt.” Eine Geste rührt die Krankenschwester besonders: Esteban schenkt ihr die Lego-Steine zurück.

Auch heute ist Gwen mit der Familie noch im engen Kontakt. „Wir schreiben jeden Tag und ich versuche, ihnen, soweit es aus der Ferne geht, auch in psychischen Belangen weiter zur Seite zu stehen”, erzählt Gwen.

Gwen weiß, dass ihre Freistellung für die Familie eine absolute Ausnahmesituation war. Dennoch hat sie daraus viel für die Zukunft mitgenommen. „Diese Menschlichkeit im Kleinen zu leben. Das dürfen wir nicht vergessen, auch wenn der Druck immer mehr steigt. Der Patient ist keine Nummer, er will gesehen werden.“

Verwendete Quellen: eigene RTL-Recherche