Fast ein halbes Jahrhundert im AmtNach 50 Jahren: Georgiens geistlicher Führer Ilia II. (93) stirbt

epa05110699 Georgian Patriarch Ilia II (C) attends an Epiphany celebrations at the Trinity Cathedral in Tbilisi, Georgia, 19 January 2016. Eastern churches following the Julian Calendar observe Epiphany on 19 January. EPA/ZURAB KURTSIKIDZE ++ +++ dpa-Bildfunk +++
Ilia II. wurde während der georgischen Unabhängigkeitsbewegung zu einer zentralen moralischen Autorität.
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Noch zu Sowjetzeiten wird Ilia II. Patriarch der Orthodoxen Kirche von Georgien. In seiner Amtszeit gewinnt die Kirche neue Popularität und nach der Unabhängigkeit des Landes wird der Patriarch zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der Republik. Jetzt ist er gestorben.

Nach fast 50 Jahren an der Spitze der Georgischen Orthodoxen Kirche ist Patriarch Ilia II. im Alter von 93 Jahren gestorben. Das sagte Metropolit Shio Mujiri, der die Kirche bis zur Wahl eines neuen Patriarchen übergangsweise leitet. Ilia II. wurde nach Klinikangaben am Dienstagmorgen mit „massiven Magenblutungen“ ins Krankenhaus gebracht. Er stand der Orthodoxen Kirche Georgiens seit 1977 vor, damit war er eines der am längsten amtierenden religiösen Oberhäupter der Welt. In der Geschichte des unabhängigen Georgiens galt er als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten und zudem als geistlicher Führer der Nation.

„Er war eine epochale Persönlichkeit. Dies ist ein großer Verlust für die gesamte orthodoxe Kirche weltweit“, sagte Schio Mujiri. „Er hat eine ganze Epoche geprägt.“ Bei vielen prowestlichen Georgiern stand er in der Kritik, weil er mit seinem politischen Einfluss und wegen des Bestehens auf traditionellen Werten eine proeuropäische Entwicklung des Landes behinderte.

Ilia II. wurde am 4. Januar 1933 in der russischen Stadt Wladikawkas im Nordkaukasus mit bürgerlichem Namen als Irakli Guduschauri-Schiolaschwili geboren. Zum Patriarchen wurde er im Alter von 44 Jahren noch in der Ex-Sowjetrepublik Georgien. Damals gingen nur noch wenige Menschen in die Kirche, das sollte sich im Laufe der Jahre aber ändern.

Während seines Patriarchats vergrößerte sich die Zahl der Gläubigen um ein Vielfaches, in zuvor geschlossenen Kirchen fanden wieder Gottesdienste statt, und im Land wurden neue Kirchen gebaut - darunter die Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit in Tiflis. In die Amtszeit von Ilia II. fielen einschneidende historische Ereignisse in dem Land, darunter der Zerfall der Sowjetunion, der Krieg mit Russland 2008 und politische Umwälzungen. 2016 traf er in Tbilissi auch Papst Franziskus - auf dessen von Spannungen zwischen den christlichen Konfessionen begleiteter Reise im Südkaukasus.

Das Patriarchat gilt weiter als eine der einflussreichsten Institutionen des Landes. Ilia II. war laut Umfragen als Autorität über alle politischen Lager anerkannt. In Zeiten politischer Krisen spielte er eine stabilisierende Rolle, oft vermittelte er zwischen rivalisierenden Fraktionen. Unter seiner Führung baute die Kirche ihren Einfluss auf die georgische Politik und das öffentliche Leben aus und pflegte enge Beziehungen zum Staat.

Kritiker werfen der Kirche allerdings unter anderem vor, zu zurückhaltend auf das harte Vorgehen der Regierung gegen Oppositionelle und die Zivilgesellschaft zu reagieren und sehr konservative Gesetze zu unterstützen. Außerdem wünschen sich viele Georgier mehr Kritik an der Regierung der Partei „Georgischer Traum“. Die Opposition wirft der Regierung in Tiflis vor, zunehmend in Autoritarismus zu verfallen und sich Russland anzunähern, was die Regierung zurückweist.

Kurz vor dem Tod des Patriarchen nahmen die wichtigsten Vertreter des Landes im Krankenhaus Abschied von ihm. Unter den Besuchern war auch der Milliardär Bidsina Iwanischwili, der engste Kontakte zum Patriarchen pflegte und wichtigster politischer Strippenzieher des Landes ist.

Verwendete Quellen: ino/AFP/dpa