35 Jahre nach SensationsfundÖtzi wurde ermordet – doch der 5.300 Jahre alte Cold Case gibt weiter Rätsel auf

Die Mumie des Ötzi wird in einer speziell entwickelten Kühlzelle bei minus 6 Grad und 99 Prozent Luftfeuchtigkeit gelagert und regelmäßig mit Wasser besprüht, um einem möglichen Feuchtigkeitsverlust entgegenzuwirken (undatierte Aufnahme). (zu dpa "Lebenszeichen im Mikrobiom: Beim Ötzi regt sich noch was") +++ dpa-Bildfunk +++
Auch 35 Jahre nach seinem Fund ist der Tod der Gletscher-Mumie Ötzi nicht abschließend geklärt.
picture alliance/dpa/South Tyrol Museum of Archaeology/Eurac Research / Marion Lafogler
von Emanuel Holz

Seit 5.300 Jahren hütet der Mann aus dem Eis seine Geheimnisse.
Vor 35 Jahren entdecken Wanderer Ötzi in den Alpen – und lösen damit eine wissenschaftliche Sensation aus. Heute wissen Forscher sogar, wie er starb. Doch längst ist nicht alles geklärt.

Ötzi wird vor 35 Jahren zufällig im Eis entdeckt

Es ist ein kleiner Irrweg mit gewaltigen Folgen: Am 19. September 1991 kommen Helmut und Erika Simon beim Abstieg im österreichisch-italienischen Grenzgebiet vom Weg ab. In rund 3.200 Metern Höhe entdecken die beiden Nürnberger am Tisenjoch einen Oberkörper, der aus dem Eis ragt.

Zunächst hält niemand den Toten für Jahrtausende alt. Doch Untersuchungen in Innsbruck bringen die Sensation ans Licht: Der Mann aus dem Eis starb vor rund 5.300 Jahren. Bei ihm finden Experten unter anderem ein Kupferbeil, einen unfertigen Bogen und eine Art Dolch.

„Der Mann wurde im Stundentakt älter“, erinnert sich der damalige Söldener Bürgermeister Ernst Schöpf laut dpa an die ersten Untersuchungen. Der Fund macht weltweit Schlagzeilen – und Ötzi zu einem einzigartigen Fenster in die Jungsteinzeit.

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Cold Case Ötzi: Ein Pfeil wird ihm zum Verhängnis

Inzwischen lässt sich sogar Ötzis gewaltsames Ende teilweise rekonstruieren. Eine tiefe Verletzung zwischen Daumen und Zeigefinger entstand laut Gerichtsmediziner Oliver Peschel vermutlich etwa zwei Tage vor seinem Tod. Für ihn sieht die Wunde nach einer „aktiven Abwehrbewegung“ aus.

Offenbar geriet Ötzi kurz vor seinem Tod also in eine Auseinandersetzung. Trotzdem scheint er anschließend nicht mit einem weiteren Angriff gerechnet zu haben: Sein Bogen war noch nicht einsatzbereit, nur zwei Pfeile besaßen Spitzen.

Dann wurde der etwa 5.300 Jahre alte Cold Case tödlich. Ein Pfeil traf Ötzi in die Schulter. Der Mann verblutete. Wer ihn angriff und warum er starb, bleibt bis heute ein Rätsel.

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Darum blieb Ötzis Körper Jahrtausende erhalten

Dass Wissenschaftler Ötzi überhaupt so genau untersuchen können, ist außergewöhnlichen Umständen zu verdanken. Nach Einschätzung des Glaziologen Georg Kaser starb der Mann vermutlich auf einer meterhohen Schneeschicht und sank später bis zu einem großen Stein hinab.

Weil der Körper am Rand eines Gletschers lag, wurde er nicht von den gewaltigen Eismassen mitgerissen. Rund 1500 Jahre war die Leiche immer wieder Eis, Wasser und Sonne ausgesetzt. Anschließend lag Ötzi etwa 3800 Jahre lang geschützt in einer Eiskapsel.

Nach seinem Fund wurde die nur 13,3 Kilogramm schwere Mumie zunächst in Innsbruck aufbewahrt. Vermessungen zeigten später jedoch: Der Fundort lag rund 92 Meter auf italienischer Seite der Grenze. 1998 kam Ötzi deshalb nach Bozen. Im Südtiroler Archäologiemuseum liegt er seitdem in einer speziellen Kühlkammer hinter Glas.

Ötzi verrät Forschern immer neue Geheimnisse

Hunderte Untersuchungen zeichnen inzwischen ein erstaunlich detailliertes Bild des Mannes. Forscher fanden in seinem Magen unter anderem DNA eines Steinbocks sowie Pollen der Hopfenbuche. Ötzi litt demnach zwar unter gesundheitlichen Problemen wie Rheuma und Gallensteinen, war ansonsten aber offenbar recht fit und vermutlich häufig auf der Jagd.

Auch seine Gene liefern neue Erkenntnisse. Eine Studie aus dem Jahr 2023 kam zu dem Ergebnis, dass seine Vorfahren aus dem heutigen Anatolien stammten. Ötzi hatte wahrscheinlich eine dunklere Haut als heutige Europäer und eine genetische Veranlagung für Haarausfall.

Selbst seine 61 Tätowierungen beschäftigen die Wissenschaft weiter. Die lange diskutierte These, sie könnten mit Akupunktur zusammenhängen, hält der Mikrobiologe Frank Maixner vom Institut für Mumienforschung in Bozen für nicht überzeugend. Die Tattoos könnten vielmehr mit einer Form der Schmerzbehandlung zusammenhängen.

Nach 35 Jahren ist die Forschung noch lange nicht am Ende

Zuletzt gelang es Maixner, mehrere kälteliebende Hefetypen unter anderem in Ötzis Magen nachzuweisen. Auf der Ebene der Mikroorganismen gibt es in der Mumie also noch immer Leben. Für den Forscher ist Ötzi deshalb kein „statisches Relikt“.

Und genau darin liegt die große Hoffnung: Neue Untersuchungsmethoden könnten dem Mann aus dem Eis weitere Geheimnisse entreißen. „Jede Generation hat neue Methoden“, sagt Maixner laut dpa. Umso wichtiger sei es, Ötzi für die Zukunft möglichst gut zu erhalten.

Verwendete Quellen: dpa