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Zu grausam, zu sexistisch: Gehören Märchen ins Altpapier und nicht ins Kinderzimmer?

Kindern Märchen vorlesen
Mit Papa in die selbstgebaute Höhle kriechen und Märchen lesen - kann das schlecht für Kinder sein? © iStockphoto

Genderforscherin Stevie Schmiedel schießt gegen Schneewittchen & Co.

Es war einmal… eine menschenfressende Hexe, die im prasselnden Ofen landet. Ein Vater, der seine Kinder zum Verhungern in den Wald schickt. Eine Prinzessin, die einen Frosch an die Wand wirft. Irgendwie gar nicht märchenhaft, was da in unseren Kinderbuch-Klassikern so abgeht, oder? Ich dachte immer, ich würde meiner Tochter (3) etwas Gutes tun, wenn ich ihr Geschichten wie Hänsel und Gretel oder den Froschkönig vorlese. Aber in letzter Zeit musste ich bei unserem gemütlichen Gute-Nacht-Ritual ab und zu echt kräftig schlucken. Was ich mich seitdem frage: Sind Märchen überhaupt etwas für Kinder?

Von Sebastian Priggemeier

Was wäre eine Kindheit ohne Prinzessinnen und tapfere Ritter?

Dr. Stevie Schmiedel hat dazu eine ziemlich klare Meinung. "Geben Sie Grimms Märchen zum Altpapier", rät die Hamburgerin in ihrem Buch "Pink für alle". Klingt ganz schön hart. Schließlich sind Märchen doch Kulturgut, oder? Schneewittchen nicht zu kennen, ist eine dicke Wissenslücke. Und was wäre eine Kindheit ohne Prinzessinnen und tapfere Ritter, die hilflose Jungfrauen aus Türmen oder verwunschenen Schlössern befreien? Dazu ein bisschen Grusel-Schwiegermutter und eine Prise Angst vor dem bösen Wolf – ist doch eigentlich der perfekte Kinder-Thriller. Decke bis unters Kinn hochziehen, beim Vorlesen fest an Papa kuscheln und fertig ist der verbindende Märchen-Moment. Dachte ich zumindest.

"Deutsche Märchen sind überaus spannend und lehrreich. Wir sollten sie bewahren, unbedingt", meint Stevie Schmiedel. Aber nur als Beispiel für die "Geschichte der weiblichen Unterdrückung". Wow. Klare Kante! Und mal eine ungewöhnliche Sichtweise. Aber Stevie Schmiedel ist auch Uni-Dozentin für Genderforschung und Gründerin der Anti-Sexismus-Organisation "Pinkstinks". Sie kämpft gegen Geschlechterklischees in Werbung und Gesellschaft.   

"In den meisten Märchen ist eine glückliche Eheschließung der lohnende Abschluss"

Sexismus-Alarm in Kinderbüchern – als Vater einer Tochter werde ich da natürlich hellhörig. Wird meinem Mädchen etwa unterbewusst ein mittelalterliches Frauenbild vermittelt? Sind Prinzessinnen problematisch? Gut möglich, denn eigentlich haben die Gebrüder Grimm ihre Geschichten gar nicht unbedingt für Kinder gesammelt. Im Jahr 1812 erschien ihr erster Märchenband. Es ging darum, alte Volkssagen zusammenzutragen. Und darin stecken laut Schmiedel "die ideologischen Lebensentwürfe des Mittelalters". Ein Dornröschen, das schläft, bis es heiratet. Ein Schneewittchen, das den sieben Zwergen als Hausfrau dient. Und und und. "In den meisten Märchen ist eine glückliche Eheschließung der lohnende Abschluss. Wobei die Braut ihren Prinzen meist kaum kennt."

Genderforscherin Schmiedel schlägt Folgendes vor: Märchen sollten nur im Schulunterricht gelesen und behandelt werden – aber erst ab der fünften Klasse. Und am besten gleichzeitig mit dem Thema Hexenverbrennungen im Mittelalter. Vernünftiger Vorschlag, finde ich. Vielleicht aber ein bisschen zu vernünftig. Was, wenn dadurch wieder ein Stück vom Zauber der Kindheit verloren geht? Können wir uns das noch leisten? Wichtig ist doch, DASS überhaupt gelesen und vorgelesen wird. Was vorgelesen wird, haben wir selbst in der Hand.

Diese Alternativen zu Märchen schlägt Stevie Schmiedel vor

  • "Pipi Langstrumpf" von Astrid Lindgren
  • "Der Wind in den Weiden" von Kenneth Grahame
  • "Mumin" von Tove Jansson

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