Nach dreistem Strom-Klau einer XXL-Familie aus Rendsburg

Nachbarin hat Verständnis: "Die finanzielle Lage ist derzeit bei allen angespannt"

Einer fehlt: Die Stadtwerke hat den Stromzähler der siebenköpfigen Familie abgebaut.
Einer fehlt: Die Stadtwerke hat den Stromzähler der siebenköpfigen Familie abgebaut.
RTL Nord

von Rafael Fleischmann und Henrik Zinn

Eigentlich könnte sie stocksauer sein, denn ihre Nachbarn haben sich auf ihre Kosten am Allgemeinstrom bedient. Doch Patricia Sönnigsen aus Rendsburg zeigt im RTL-Interview sogar Mitgefühl und Verständnis. Denn die Geschichte, die zum Anzapfen des Stroms führte, ist kompliziert.

Strom angezapft: Nachbarin möchte nicht dafür zahlen

Patricia Sönnigsen wohnt in dem betroffenen Haus. Im RTL-Interview angesprochen auf den Strom-Diebstahl, packt die 34-Jährige aus. „Mein erster Gedanke war, dass ich das nicht bezahlen werde über die Abrechnung. Es kann ja nicht sein, dass wir als Nachbarn dafür aufkommen müssen. Und die finanzielle Lage ist derzeit bei allen angespannt. Schlussendlich konnte ich das nachvollziehen, weil dort Kinder sind. Die müssen versorgt werden. Die können nichts dafür.“

Nachbarin: Eltern wollen ihre Kinder beschützen

Nachbarin Patricia Sönnigsen hat großes Verständnis für die Täter
Nachbarin Patricia Sönnigsen hat großes Verständnis für den Stromklau.

Patricia erzählt, dass die Familie aktuell in einer prekären Situation stecke. Der Mann sei derzeit arbeitsunfähig und erhalte Krankengeld, die Frau wohne noch keine fünf Jahre in Deutschland und bekäme daher keine finanzielle Unterstützung durch den Staat. Die Sorge, dass die Familie auseinandergerissen werden könnte, sei daher groß. „Die haben natürlich Angst, dass das Jugendamt kommt und sagt, wir nehmen ihnen die Kinder weg aufgrund dessen. Deswegen sind die ja an den Allgemeinstrom gegangen, dass sie sagen können, unsere Kinder sind versorgt, wir haben hier Warmwasser, wir haben eine Heizung, wir können kochen. All das, was für das Jugendamt ja ausschlaggebend ist“, erzählt die Anwohnerin im Gespräch mit RTL.

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Schicksal der Familie wiegt schwerer als der Diebstahl

Natürlich sieht auch sie ein, dass der angezapfte Strom Diebstahl ist, aber die zweite Seite der Medaille wiegt in diesem Fall schwerer. Vor allem der angebliche Schuldenberg in Höhe von 8.000 Euro, welchen die Familie bei der Stadtwerke SH abzahlen muss, bringt sie zur Weißglut. „Es ist natürlich eine hohe Summe, aber sie sind zahlungswillig und da kommt überhaupt nichts zustande. Selbst die Diakonie hat es versucht und auch die konnten keine Einigung mit denen [den Stadtwerken] erzielen. (...) Die waren wohl auch beim Jobcenter. Es wird ihnen definitiv nicht geholfen und die können die Summe einfach auch nicht aufbringen.“

Nach eigenen Angaben hat sich Patricia Sönnigsen bereits mit der betroffenen Familie zusammengesetzt und geschaut, wo Geld eingespart werden kann, welches man dann in die Zahlung an die Stadtwerke stecken könnte. Doch die Betroffenen befänden sich in einem Teufelskreis und man wisse nicht, welches Loch man zuerst stopfen solle.

Kein Verständnis für das Handeln der Stadtwerke

Ohne Zähler keinen Strom. Die Stadtwerke verlangen knapp 8.000 Euro von der Familie.
Ohne Zähler keinen Strom. Die Stadtwerke verlangen knapp 8.000 Euro von der Familie.

Ein zusätzliches Problem hinsichtlich der Sozialunterstützung sei die Herkunft der Familie. Sie stamme aus Bulgarien und das Land hat kein Fürsorgeabkommen mit Deutschland. Dieses Abkommen sichert allen Bürgern der Vertragsstaaten soziale und medizinische Unterstützung zu, sodass sie genauso behandelt werden wie die eigenen Staatsbürger. Bulgarien hat dieses Paket nicht unterzeichnet, sodass nun auch keine Hilfsgelder bei der Familie ankommen.

Patricia Sönnigsen hat bei Stadtwerke SH angerufen, um die Wogen zu glätten und der Familie zu helfen. Die Antwort sei aber alles andere als konstruktiv gewesen. Am Telefon sagte man ihr, dass die private Situation die Stadtwerke nicht interessiere und man daher keine Ausnahme mache. Eine Ratenzahlung des Schuldenbergs sei nicht möglich. Diese Ignoranz ist für die Nachbarin nicht nachvollziehbar. Eine zeitnahe und friedliche Lösung des Clinches ist für sie nicht in Sicht.