Warum dieser Vergewaltigungsprozess wütend macht

Julie (13) jahrelang von Feuerwehrmännern missbraucht - Gericht: Es war nur Nötigung

Aktivistinnen fordern Gerchtigkeit für das Missbrauchsopfer Julie.
Aktivistinnen fordern Gerchtigkeit für das Missbrauchsopfer Julie.
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19. März 2021 - 10:12 Uhr

Milde Anklage gegen französische Feuerwehrmänner - Julie „proaktiv und kokett“

Entsetzen über ein Gerichtsurteil in Frankreich: Eine unter dem Pseudonym Julie bekannte Frau wirft mehreren Feuerwehrmännern vor, sie im Alter zwischen 13 und 15 Jahren immer wieder vergewaltigt zu haben. Der oberste Gerichtshof des Landes sah das anders und entschied, die Männer nur wegen sexueller Nötigung anzuklagen. Damit gehen die Richter nicht nur davon aus, dass es sich um ein einvernehmliches sexuelles Verhältnis zwischen dem damals minderjährigen Mädchen und den Erwachsenen handelte. Auch die Bestrafung fällt viel geringer aus.

Julie soll im Krankenhaus von den "Rettungskräften" vergewaltigt worden sein

Die heute 26 Jahre alte Frau und ihre Eltern seien von den Behörden und dem Rechtssystem enttäuscht, sagte Julies Mutter Corinne Leriche der "Sun" zufolge. Sie bezeichnete das Urteil als "Erlaubnis zur Vergewaltigung". Die Feuerwehrleute hätten ihre Tochter als "sexuelles Objekt" behandelt. Das Urteil bestätige "eine falsche Vision des Kräfteverhältnisses zwischen einem Erwachsenen und einem Minderjährigen."

Im April 2008 brachte die Feuerwehr die damals 13-jährige Julie aus der Schule ins Krankenhaus. Ihr war schwindelig geworden, sie war in Ohnmacht gefallen. Doch statt ihr zu helfen, sollen die vermeintlichen Retter sie vergewaltigt haben. Nach dem Vorfall entwickelte Julie den Angaben ihrer Familie zufolge eine Sozialphobie. Sie soll ihr Zimmer kaum noch verlassen und an Depressionen gelitten haben. Julie bekam Beruhigungsmittel und Antidepressiva verschrieben. 16 Mal soll sie versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Schließlich soll Julie aus einem Fenster gesprungen sein und sich dabei drei Wirbel gebrochen haben. Mittlerweile sei sie behindert.

 Corinne Leriche
Julies Mutter Corinne Leriche kämpft für Gerechtigkeit für Ihre Tochter.
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Familie erstattet Anzeige gegen 20 Feuerwehrmänner - nur drei stehen vor Gericht

Wenn Julie wieder einmal erste Hilfe benötigte, rief ihre Familie die Feuerwehr. Es soll sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt haben, das die Männer ausgenutzt haben sollen. Julie habe ihrer Mutter erzählt, dass sie von den Männern bedroht worden sei, um Treffen zu erzwingen. Sie hätten sie als "Schlampe" bezeichnet und ihre Nummer in der Feuerwache ausgetauscht.

Julie wirft ihnen vor, sie bei sich zu Hause, in der Feuerwache und einer Krankenhaustoilette vergewaltigt zu haben. Julie soll sich ihrer Mutter anvertraut haben, als die Ärzte ihre Medikamente 2010 absetzten. Die Familie erstattete Anzeige wegen Vergewaltigung gegen 20 Feuerwehrmänner, die alle damals rund 20 Jahre alt waren. Nur gegen drei von ihnen wurde ein Verfahren eröffnet. Die übrigen von ihnen gaben an, nicht gewusst zu haben, dass Julie erst 13 Jahre alt gewesen sei.

In einem früheren Urteil waren die Richter der Ansicht, Julie sei nicht zum Sex gezwungen worden, sondern "proaktiv und kokett" gewesen. Julie bestritt die Entscheidung vor dem Obersten Gerichtshof und gab an, ihre Medikamente hätten sie träge gemacht, sie hätte dem Sex nicht zugestimmt. Die Richter wiesen ihren Fall zurück.

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Minderjährige Opfer müssen nachweisen, dass der Sex nicht einvernehmlich war

Die Feuerwehrleute werden nun wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt, bei dem in Frankreich eine Höchststrafe von sieben Jahren Gefängnis verhängt werden kann. Im Fall einer Vergewaltigung hätte die Höchststrafe bei 20 Jahren gelegen.

In Frankreich gelten sexuelle Handlungen mit Minderjährigen nicht automatisch als Vergewaltigung. Erwachsene, die mit Kindern oder Jugendlichen unter 15 Jahren Sex haben, können zwar auch wegen Vergewaltigung angeklagt werden, aber das Opfer muss beweisen, dass der Geschlechtsverkehr nicht einvernehmlich war. Sonst droht dem Täter nur eine Anklage wegen Missbrauchs, auf den eine deutlich niedrigere Strafe steht. Wegen dieser Regelung gibt es Frankreich massive Proteste. Kritiker des Gesetzes sind der Ansicht, dass Kinder überhaupt nicht in der Lage sind, Zustimmung zu sexuellen Handlungen zu erteilen.

Hier finden Sie Hilfe in schwierigen Situationen

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen! Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch die Möglichkeit, anonym mit anderen Menschen über Ihre Gedanken zu sprechen. Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich. Hier finden Sie eine Übersicht über Hilfsangebote.

  • Wenn Sie schnell Hilfe brauchen, dann finden Sie unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 Menschen, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.