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Alter vs. Jugend: Wer leidet mehr?

Wird unseren Kindern durch die Pandemie Zeit gestohlen? Psychologe erklärt

Enkel und Großeltern: Wer hat noch mehr Lebenszeit vor sich?
Enkel und Großeltern: Wer hat noch mehr Lebenszeit vor sich?

25. Februar 2021 - 10:50 Uhr

von Lauren Ramoser

In der Corona-Pandemie haben viele Menschen das Gefühl, Zeit zu verlieren. Unter einem Facebook-Post über ein geimpftes Seniorenpaar melden sich viele Eltern, dass Kinder doch viel eher zurück zur Normalität müssten, schließlich hätten sie ihr Leben noch vor sich. Was bedeutet also ein Jahr, wenn man schon 89 hatte – und was, wenn man erst 7 gelebt hat? Zeitforscher und Psychologe Dr. Marc Wittmann erklärt, was unser Zeitempfinden damit zu tun hat und warum sich Eltern um ihre Kinder in dieser Hinsicht keine Sorgen machen müssen.

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Ethisches Problem: Wer hat mehr Anrecht auf Zeit?

Meine Großeltern sind 89. Rund ein Jahr haben sie weder Feste mit der Familie gefeiert noch ihren Alltag gelebt, wie sie das gerne tun würden, denn als Risikogruppe wurden sie von großen sozialen Gruppen isoliert – zu ihrem Schutz. Beim ersten Impftermin Mitte Februar sagte mein Großvater. "Ich werde bald 89, uns läuft die Zeit davon."

Der Beitrag wurde auf mehreren Facebook-Kanälen gepostet und viele Leser und Leserinnen sind sich einig: Nicht die Alten verlieren Zeit, sondern die Jungen. Wer 89 Jahre alt sei, habe sein Leben gelebt. Kindern würde die Zeit gestohlen, die jetzt nicht in die Schule gehen oder Freundschaften knüpfen können.

Corona-Impfreihenfolge soll auch das Gesundheitssystem entlasten

Es gibt keinen Schuldigen in der Ausbreitung der Pandemie. Es gibt Zahlen von Wissenschaftlern und mittlerweile auch Erfahrungswerte, auf die Politiker ihre Entscheidungen stützen könne. Die Festlegung der Impfreihenfolge orientiert sich daran. Da besonders alte Menschen gefährdet sind, einen schweren Verlauf des Coronavirus zu erleiden, sollen sie in Gruppe 1 zuerst geimpft werden.

Kinder sind bisher weniger betroffen von schweren Verläufen. Zumal auch die Zahl der erkrankten Alten das Gesundheitssystem immer wieder an den Rand der Belastungsgrenze bringen kann. Ein weiterer Grund für die Festlegung der Impfreihenfolge. Hinzu kommt, dass keiner der Impfstoffe bisher an Kindern getestet und somit auch nicht freigegeben wurde.

Die Frage, wer am meisten unter der Corona-Pandemie und ihren Einschränkungen zum Schutz aller leidet, lässt sich nicht beantworten. Es geht um persönliches Empfinden und Betroffenheit. Für mich ist es aktuell entscheidend, dass meine fast 90-jährigen Großeltern durch eine Impfung Zeit gewinnen. Für Eltern ist es wichtig, dass ihre Kinder ein gesundes Sozialleben und den geregelten Zugang zu Bildung haben. Beides ist wichtig, priorisieren lässt sich hier nicht.

Eigenes Empfinden: Wie schnell vergeht die Zeit?

Doch die Psychologie kann uns helfen, zu verstehen, wie unser Zeitempfinden funktioniert. Dr. Wittmann erklärt einige aktuelle Studien, die Menschen in westeuropäischen Ländern nach ihrem Zeitempfinden gefragt haben. Etwa 80 Prozent der Menschen sagen, dass die Zeit anders läuft als sonst. Und die lassen sich wieder grob in 40 und 40 Prozent einteilen, die sagen, dass sie schneller oder langsamer läuft als sonst.

"Und es hat sich gezeigt, dass die Leute, die relativ zufrieden sind mit ihrer sozialen Situation und auch die Leute, die ein Ziel haben, also eine Beschäftigung haben – für die läuft es schneller als sonst. Und für die Leute die kein Ziel haben und die mit der sozialen Situation nicht zufrieden sind, für die läuft es viel, viel langsamer als sonst", erklärt der Buchautor.

Diese Ergebnisse gelten für Erwachsene, denn Kinder denken noch in ganz anderen Strukturen. "In der Kindheit sind Menschen viel präsenzorientierter. Die haben noch kein Verständnis für Zeit und Zeitablauf, die Leben im Hier und Jetzt. Wenn die Mutter dann aus dem Fenster ruft: "Essen kommen". Und das Kind antwortet mit: "Gleich", dann ist das sofort wieder vergessen, weil Kinder noch gar kein Verständnis haben, weil sie so in den Sachen selber sind", so Dr. Wittmann.

Keine Sorge um die Kinder

Rein mathematisch macht ein Jahr Pandemie einen größeren Teil des Lebens eines Schulkindes aus als das des Rentners. Doch die Auswirkungen sind nicht die gleichen, sagt der Psychologe Dr. Marc Wittmann. Entscheidend ist hier die Wahrnehmung der Zeit – also wie schnell oder langsam sie vergeht. Und da es sich bei der Zeit um einen abstrakten Begriff handele, sind die Kinder hier im Vorteil und deren Eltern können ganz beruhigt sein. Denn Schulkinder haben nicht das gleiche Verständnis von Zeit wie Erwachsene.

Das bedeutet, dass der Vergleich, wer nun schneller zurück zur Normalität müsse, hinkt. Denn die minderjährige Partei – für die ihre Eltern in den Kommentarspalten so lautstark eingetreten sind – das gar nicht so empfindet. Natürlich sollen auch Schulkinder schnellstmöglich zum gewohnten Alltag und ihr soziales Umfeld zurückkehren. Das werden sie auch, denn die Überlegung über die Zeit ist nur theoretisch. Ein Impfstoffmangel ist nur temporär, schon in wenigen Wochen ist genug für alle da die wollen. Wir kämpfen also gegen das Gefühl des Neids an, so Dr. Wittmann. "Das ist wie eine Art Neid, denn die Kinder bekommen ja gar nichts davon mit."

Kleiner Junge lacht und steht an einer Heizung.
Kinder haben noch kein Verständnis von Zeit. Im Lockdown ist das von Vorteil.
© imago images/Westend61, Sebastian Dorn, via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Was hilft gegen das Gefühl der gestohlenen Zeit?

Das Gefühl, Zeit zu verlieren ist für Erwachsene also ganz normal. Dennoch empfinden es viele Menschen als unangenehm. Dr. Marc Wittmann beschreibt aus der Psychologie zwei einfache Tipps, um in der Pandemie mit dem Gefühl umgehen zu können: "Es gibt zwei Möglichkeiten. Das eine ist das emotionale Coping, dass ich quasi akzeptiere, weil ich die Situation ja nicht ändern kann. Und vielleicht kann ich dadurch auf völlig neue Ideen kommen, weil ich ja jetzt die Zeit habe."

Die zweite Möglichkeit ist das instrumentelle Coping. "Das heißt, dass ich mir völlig neue Ziele suche. Also Dinge, die ich jetzt noch machen könnte. Und wenn ich dieses Ziel vor Augen habe, vergeht die Zeit auch viel schneller und ich fühle mich auch wohl."

Und obwohl Kinder selbst laut Wittmann das Gefühl des Zeit Verlierens nicht haben, können Eltern gegen ihre eigene Sorgen ankämpfen. Hierfür können sie die beiden beschriebenen Techniken anwenden und für ihre Kinder neue Anreize schaffen. Dennoch seien soziale Kontakte für Kinder wichtig, nur das Gefühl, die Corona-Pandemie klaue ihnen Zeit – das haben Kinder nicht.

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