Warum ein Test gute von schlechten Eltern nicht unterscheiden kann

Wir brauchen keinen Elternführerschein!

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12. November 2019 - 15:08 Uhr

Warum ein Elternführerschein der falsche Ansatz ist

Unter dem Motto "Schlechte Bildung, kürzeres Leben: Wie kann das sein im Jahr 2019?" diskutierten in der Sendung "hart aber fair" Politiker, Pädagogen und weitere Gäste über das Thema der Bildungsungleichheit. Vor dem Hintergrund, "dass Eltern ihren Kindern Schokolade mit zum Frühstück geben", forderte Lehrerin Doris Unzeitig im Rahmen der Sendung die Einführung eines Elternführerscheins. Diese Forderung ist nicht neu. Aber trägt sie zur Lösung des eigentlichen Problems bei? Ich denke nicht.

Ein Kommentar von Nora Rieder

Die Überlegung ist nachvollziehbar - aber zu kurz gedacht

Es ist nicht das erste Mal, dass der Ruf nach einem Elternführerschein laut wird. Die Gründe dafür sind vielfältig: Mal ist es ein bekannt gewordener Fall von Kinderverwahrlosung oder Kindesmissbrauch, bei denen das Jugendamt einschreiten musste. Und in dessen Folge strengere Kontrollen, ein früheres Eingreifen der Behörden und Auflagen für Eltern gefordert werden.

Mal schlagen Erzieher oder Pädagogen Alarm, weil die Zahl der Kinder, die mit Süßigkeiten als Frühstücksersatz oder mit zur Jahreszeit völlig unangemessener Kleidung in die Kita oder Schule gebracht werden, von Jahr zu Jahr zunimmt. Aber auch Fälle von Kindern, die Mitschüler oder andere Kita-Kinder schikanieren, quälen oder auffällig oft in Schlägereien verwickelt sind, werden nicht selten mit Bemerkungen wie "da kann doch im Elternhaus etwas nicht stimmen" kommentiert.

In Fällen wie diesen ist die Forderung nach einem Elternführerschein auf den ersten Blick nachvollziehbar. Erst recht, wenn man Vergleiche heranzieht wie den folgenden: Wer ein Auto fahren will, braucht einen Führerschein - doch ein Kind erziehen darf jeder. Doch so einfach ist es meiner Meinung nach nicht: Denn es gibt unter den Führerscheinbesitzern auch Raser, Drängler oder alkoholisierte Fahrer, obwohl all diese Menschen in Theorie und Praxis gelernt haben, wie es richtig geht. Zudem funktioniert jede Familie anders, jedes Kind ist anders und Patentlösungen gibt es einfach nicht im Familienalltag.

Innere Einstellung ist für das Wohl des Kindes entscheidend

Die Frage, ob ein Elternführerschein das Allheilmittel und die Lösung all der oben genannten Probleme ist, kann ich für mich als Mutter eines dreijährigen Kindes mit "nein" beantworten. Was aber nicht ausschließt, dass ich auch der Meinung bin, dass Paare, die sich Kinder wünschen, bestimmte Grundvoraussetzung erfüllen sollten. Diese sind meiner Meinung aber weniger materieller Art, sondern vielmehr eine Frage der inneren Einstellung.

Eine Voraussetzung, auf die sich vermutlich die meisten einigen können, ist wohl liebevolle Zuneigung, die man seinem eigenen Kind entgegenbringen sollte. Viele können sich vielleicht noch auf Werte wie Konsequenz und Fürsorge einigen. Aber was sonst noch für eine erfüllte Kindheit nötig ist, wird wohl von vielen Menschen unterschiedlich gewertet und gewichtet. Vieles davon hängt auch von der eigenen Erziehung, gemachten Erfahrungen und den eigenen Wertvorstellungen ab. Dies macht deutlich, wie schwierig die Definition dessen, was Eltern für einen Elternführerschein überhaupt lernen sollten, ist. Sind es Werte, die vermittelt werden müssten? Ist es ein Grundkurs in gesunder Ernährung oder gewaltfreier Kommunikation?

Wenn der Schein trügt

Und ob mit oder ohne Elternführerschein: Manchmal ordnen wir Dinge auch völlig falsch ein. So kann man von bestimmten Äußerlichkeiten und Momentaufnahmen wie beispielsweise einem T-Shirt im Winter nicht direkt auf Verwahrlosung schließen. Dies kann wohl jede Mutter und jeder Vater eines Kindes im besten Trotzalter zwischen zwei und vier Jahren nachvollziehen. Denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass die dicke Daunenjacken Sekunden nach Verlassen der Wohnung von dem kreischenden Kleinkind auf die Straße geworfen wurde, weil sie "viel zu warm" ist oder schlicht die falsche Farbe hat. Die Daunenjacke im Gepäck, die das Kind in der Kita dann ohne Murren oder die geringste Diskussion anziehen wird, weil es die anderen Kinder auch machen, sehen die Menschen auf der Straße meist nicht. Es ist oft schwierig, von äußeren Umständen auf die Familiensituation zu schließen – und ein Elternführerschein ist meiner Meinung nach zu kurz und vor allem zu einfach gedacht.

Verbessert sollten vielmehr die Möglichkeiten, sich in Erziehungsfragen unbürokratisch und schnell Hilfe zu holen – und zwar ohne dadurch direkt stigmatisiert zu werden. Wer das Wort "Jugendamt" hört, denkt immer noch in erster Linie an "Problem" oder in der Folge an "Problemfamilie". Dabei bieten Familienzentren, Kitas und Kindergärten, aber auch die Städte und Gemeinden Erziehungs-, Familien- und Jugendberatung an – in der Regel kostenlos und anonym, wenn gewünscht.

Auch die Politik ist gefordert

Um Eltern zu unterstützen, muss die Politik handeln. Würden mehr Gelder für Erziehung und vor allem für Erzieher und Pädagogen bereitgestellt, könnten vermutlich mehr Menschen für diese so wichtigen Berufe gewonnen und Betreuungslücken geschlossen werden. Dies würde auch die Situation in vielen Familien entspannen, in denen wahre Meisterleistungen im Terminmanagement, Absprachen und der Organisation von Babysittern wie Großeltern, Tanten oder nicht berufstätigen Freunden vollbracht werden müssen.

Außerdem kann und darf es nicht sein, dass das Einkommen der Eltern darüber entscheidet, ob Kinder morgens ein Frühstück in der Kita oder Schule dabeihaben oder nicht. Auch hier könnten mehr Fördermittel von Bund und Ländern und eine bessere oder überhaupt eine Form von Ernährungsbildung wie gemeinsame Kochaktionen oder aber ein für Kinder kostenfreies, gesundes Frühstück in allen Betreuungseinrichtungen wie Kindergärten und Schulen die Gesundheitssituation der Kinder verbessern. Was Kinder früh lernen wird verinnerlicht und zur Normalität - und wenn dies das Wissen ist, wie man sich gesund ernährt, ist dies eine wichtige Säule für ein gesundes, unbeschwertes Leben.