5. April 2019 - 14:42 Uhr

von Anna Kriller und Jon Rui (Video)

Ein Kind zu bekommen, ist für viele das Schönste im Leben. Die Vorfreude, die Erwartungen, das unendliche Glück, das einen erfüllt. Wenn das Kind dann vor oder während der Geburt stirbt, ist das alles weg. Leere, Trauer, Hilflosigkeit ersetzen das, worauf man sich so sehr gefreut hat. Und jetzt? Ich habe eine Frau getroffen, die ihr Kind verloren hat und einen Ort besucht, der Betroffenen Raum gibt, um zu trauern.

Zu Besuch auf dem Sternenkinderfriedhof

Sonnenstrahlen blitzen zwischen den Wolken hervor. Es ist kalt, herbstlich. Die Blätter rascheln unter den Füßen. Einige Menschen gehen leise über den Friedhof im Kölner Norden, stehen vereinzelt an den Gräbern. Während die meisten geradeaus laufen, biegen Pascale Kienappel und ich rechts ab, zu einem anderen Teil des Friedhofs: dem Teil, auf dem Sternenkinder beerdigt werden.

Im Dezember 1996 hat Pascale Kienappel ihr erstes Kind verloren. Es war die elfte Schwangerschaftswoche. Die heute 44-Jährige war damals gerade in ihrer Ausbildung zur Hebamme. Viel Zeit für Trauer blieb ihr nicht, wie sie mir erzählt. Die Ausbildung musste weitergehen, also verdrängte sie. Einen Ort, um ihr Baby zu beerdigen, hatte sie nicht.

Ehrenamtliche schaffen Ort für Betroffene

Um Eltern, die ihr Kind verloren haben, einen solchen Ort zu geben und anders mit der Situation umgehen zu können, hat eine Projektgruppe der Katholischen Kirchengemeinde St. Pankratius den Sternenkinderfriedhof am Worringer Bruch in Köln gebaut. Eineinhalb Jahre haben 15 Ehrenamtliche an dem Projekt gearbeitet. Entstanden ist ein Friedhof mit Doppelfunktion. "Er ist auf der einen Seite Begräbnisort für Sternenkinder, auf der anderen Seite aber auch ein Trauerort für Eltern, die gar nicht wissen, wo ihr Sternenkind ist", erklärt mir Diakon Matthias Gill.

Hoffnung statt Kälte

Sternenkinderfriedhof am Worringer Bruch in Köln.
Das Gräberfeld ist ellipsenförmig angelegt und von zwei abgeschrägten Stahlwänden eingerahmt.
© RTL Interactive

Als Pascale Kienappel und ich am Sternenkinderfriedhof ankommen, bin ich überrascht. Nicht über die Blumen, die auf den Gräbern liegen oder die Kerzen, die brennen. Nein, ich bin überrascht über das positive Gefühl, das mich durchströmt. Es ist ein trauriger Ort, keine Frage. Doch hier herrscht keine kalte, bedrohliche Stimmung, die einem den Tod von Kindern, die ihr Leben eigentlich noch vor sich hatten, auf schreckliche Weise vor Augen führt. Im Gegenteil: Sterne leuchten in bunten Farben durch die Stahlwand, die das Gräberfeld für Sternenkinder vom Rest des Friedhofs abtrennt, kleine Figuren stehen neben sternförmigen Grabsteinen, ein buntes Windrad dreht sich fröhlich bei jedem Luftzug. Dieser Ort ist freundlich, schenkt Hoffnung.

Trauer statt Tabu

Für Projektleiterin Marita Heider war genau das wichtig. Immer noch wird viel zu wenig über das vermeintliche Tabuthema Fehl- oder Totgeburt gesprochen. Die Zahl der Betroffenen ist hoch, das Verständnis fehlt oft trotzdem. Gerade weil andere das Baby nie gesehen haben, ist es schwer zu begreifen, was Eltern, die ihr Kind vor der Geburt verloren haben, durchmachen, erklärt Marita Heider. "Viele Menschen kommen hier her und trauern um ihr eigenes Sternenkind, weil sie einfach nicht die Gelegenheit hatten, es beerdigen zu können."

Seit 2013 können Eltern ihr Baby beerdigen

Erst eine Gesetzesänderung im Mai 2013 erlaubte es Eltern, ihr Baby, egal wie groß es war, als es gestorben ist, zu beerdigen. Während dies früher erst ab einem Gewicht von 500 Gramm oder einem deutlichen Lebenszeichen möglich war, können Eltern ihrem Sternenkind nun offiziell beim Standesamt einen Namen geben und es auf jedem Friedhof bestatten lassen - auch rückwirkend.

"Du bist nicht allein"

Grab auf dem Sternenkinderfriedhof am Worringer Bruch in Köln.
Ausgefräste Sterne erinnern an die verstorbenen Kinder.
© RTL Interactive

Der Kölner Sternenkinderfriedhof am Worringer Bruch bietet Eltern die Möglichkeit einer Trauerfeier sowie einer seelsorgerischen Begleitung. "Uns ist es wichtig, dass wer hier trauert, nicht alleingelassen wird", betont Diakon Matthias Gill. "Denn nicht nur der Ort für die Trauer ist wichtig, sondern auch die Erfahrung, es sind auch andere Menschen da, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben und genauso trauern wie wir."

Pascale Kienappel hat es geschafft, mit der Trauer um ihr Sternenkind umzugehen. Auch durch ihr Engagement für den Sternenkinderfriedhof. Mittlerweile ist sie Mutter von vier Kindern. Ihr Sternenkind wird sie aber wohl nie vergessen.