Haben sich die Experten beim Coronavirus geirrt?

Immunologe Beda M. Stadler: Es sind mehr Menschen immun, als Virologen denken

Der Genforscher Beda M. Stadler ist zu Gast bei Sandra Maischberger's Menschen bei Maischberger am 29.04.2008 in Köln.
© picture alliance, Foto: Archiv/2008, Horst Galuschka

24. Juni 2020 - 10:25 Uhr

Lagen beim Coronavirus etwa alle falsch?

Seit Monaten bestimmt das Coronavirus unseren Alltag. Monate, in denen wir viele Fragen hatten, viele Antworten von Virologen, Ärzten und Politikern bekamen und mittlerweile eigentlich den Eindruck hatten, das Virus einigermaßen verstanden zu haben. Oder doch nicht? Der Schweizer Immunologe Beda M. Stadler hat nun einen Artikel in der Weltwoche veröffentlicht, in dem er sagt, dass viele der bisherigen Annahmen falsch seien. Der Grund in seinen Augen: "Die Virologen haben grundlegende Zusammenhänge übersehen." Die wirklich wichtigen Experimente seien nämlich nie gemacht worden, so Stadler gegenüber RTL. Wir haben mit ihm und Virologin Prof. Dr. Ulrike Protzer über seine Thesen gesprochen.

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Ist das Coronavirus doch nur eine Erkältung?

Welche Zusammenhänge er genau meint, erklärt der emeritierte Professor und ehemalige Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern in drei Hauptpunkten:

Stadler sagt er zum einen, dass Sars-CoV-2 gar nicht so neu sei, sondern ein Im Grunde genommen ein saisonales Erkältungsvirus, eng verwandt mit Sars-1 und anderen Betacoronaviren, welches nun mutiert sei und wie alle anderen Erkältungsviren im Sommer verschwinde – was man jetzt auch fast überall auf der Welt beobachten könne. Das Virus sei nun erstmal weg, würde im Winter aber vermutlich wiederkommen. Laut Stadler wird das aber keine zweite Welle sein, sondern eben einfach eine Erkältung. Denn: "Wir haben eine Grundimmunität", so Stadler gegenüber RTL. Allerdings habe man nie nach ihr gesucht. Doch neue Forschungen würden das belegen.

Stellt sich die Frage: Kann man Covid-19 wirklich als Erkältung abtun und können wir uns jetzt entspannen? "Es ist ganz sicher mehr als eine normale Erkältung", sagt Virologin Prof. Dr. Ulrike Protzer. "Erkältungskrankheiten durch Coronaviren kennen wir, da gibt es die sogenannten saisonalen Coronaviren", so die Virologin. "Aber mit denen kommt man nicht ins Krankenhaus und vor allem nicht auf die Intensivstation."

Viel eher sei der Virus tatsächlich mit einem Grippe-Virus zu vergleichen, denn hier gebe es Parallelen: "Auch das Grippe-Virus kann sich systemisch ausbreiten und schwere Erkrankungen hervorrufen." Aber genau wie bei Covid-19 sei dies nicht bei allen der Fall: "Nur ein gewisser Teil derer, die sich infizieren, erkranken auch schwer." Auch die Sterblichkeit sei vergleichbar mit der echten Grippe, so Protzer – aber um ein vielfaches höher als bei einer Erkältung.

Ganz neu ist diese Einschätzung des Coronavirus nicht. Wissenschaftler der Stanford University rund um den Gesundheitswissenschaftler John Ioannidis haben in einer Studie von Anfang Mai die Sterblichkeitsrate von Corona-Infizierten untersucht. Ihr Fazit: Das Coronavirus sei nicht gefährlicher als eine Grippe. Kritiker griffen die Studie des renommierten Wissenschaftlers jedoch heftig an.

Virologin Prof. Dr. Ulrike Protzer
Virologin Prof. Dr. Ulrike Protzer sieht in dem Corona-Virus weit mehr als nur eine Erkältung. Auch eine Herdenimmunität sieht sie als nicht gegeben an.
© RTL, infoNetwork

Sind doch mehr Menschen immun gegen das Coronavirus, als bisher gedacht?

Zum anderen sagt Stadler, dass es falsch war, zu behaupten, dass es in der Bevölkerung keine Immunität gegen das Virus gebe. Bestätigt sieht er seine These durch mehrere Punkte:

So bestand zum Beispiel der erste kommerzielle Antikörpertest aus einem alten Antikörper, der eigentlich für Sars-1 gedacht war. Und der, so Stadler, habe aber auch Sars-CoV-2 erkannt. Unser Immunsystem betrachtet Stadler zufolge also Sars-1 und Sars-CoV-2 zumindest teilweise als identisch. Das eine könne also wahrscheinlich vor dem anderen schützen. Zudem brach Sars-CoV-2 an Orten in China, wo Sars-1 zuvor gewütet hat, nicht so stark aus wie an anderen Orten.

Dass es keine Immunität in der Bevölkerung gebe, beruht Stadlers Meinung nach auf einer Spekulation, die weitergetragen wurde. "Einen Test, der das belegt, gibt es nicht", erklärt der Immunologe im RTL-Interview. Verschiedene Paper sollen stattdessen sogar belegen, dass sich bei Experimenten mit Sars-CoV-2 und menschlichen Zellen Antikörper bilden können.

Sind vielleicht doch mehr Menschen von vornherein immun als wir dachten und wurde hier zu wenig erforscht? "Was korrekt ist, ist dass Anti-Körper gegen das alte Coronavirus Sars-1 von 2003 drei kreuzreaktiv sind und vielleicht auch schützend für Sars-CoV-2 sind", sagt uns Virologin Protzer. "Aber: Damals waren es 8000 Menschen, die sich mit dem Sars-1-Virus infiziert haben und jetzt sind es über 8 Millionen – das reicht für eine Herdenimmunität bei weitem nicht aus."

Bereits Ende April hatte Virologe und Coronaviren-Experte Christian Drosten in seinem NDR-Podcast berichtet, dass milde oder symptomlose Corona-Verläufe mit früheren Infektionen mit Erkältungs-Coronaviren zusammenhängen könnten. Die Forscher hatten bei Untersuchungen von Abwehrzellen in Proben aus der Zeit vor der Pandemie gesehen, dass bei 34 Prozent der Patienten reaktive T-Zellen vorlagen, die bestimmte Teile des neuen Coronavirus sozusagen erkannten. Der Wissenschaftler warnte damals vor einer Über-Interpretation der Ergebnisse. Man dürfe nun keinesfalls schließen, dass ein Drittel der Bevölkerung immun sei, so Drosten in seinem Podcast.

Ist die symptomfreie Coronavirus-Infektion ein Mythos?

Bisher waren wir auf dem Stand, dass eine Erkrankung an Covid-19 unterschiedlich stark ausfallen kann: Mit milden bis mäßigen Symptomen, mit Aufenthalt auf der Intensivstation, im schlimmsten Fall kann eine Erkrankung sogar mit dem Tod enden – oder aber gänzlich symptomfrei sein. Laut Stadler ist letzteres "die Krönung der Dummheit", wie er selbst in seinem Artikel bei der Weltwoche schreibt.

Zu behaupten, man könne die Krankheit Covid-19 symptomlos durchmachen oder andere gar ohne Symptome anstecken, hält er für gänzlich falsch. Der Grund: Wenn sich irgendwo im Körper Viren ansammeln, hieße das, dass im Körper menschliche Zellen absterben. Das Immunsystem würde daraufhin alarmiert und es entstehe eine Entzündung. Eine Folge sei Schmerz.

Ist die symptomlose Coronavirus-Erkrankung also ein Mythos? "Man muss zwei Phasen unterscheiden", entgegnet hier Virologin Protzer. "Das eine ist die sogenannte präsymptomatische Phase, das ist die Phase, wo ich schon Viren ausscheiden kann und schon infektiös bin, bevor ich Symptome entwickle", erklärt die Professorin uns. "Dann gibt es aber noch Menschen, die entwickeln kaum Symptome. Wenn aber mal ganz genau nachgefragt wird, dann sagen die: 'Ich habe mal Kopfschmerzen gehabt oder mir haben ein bisschen die Arme oder Glieder wehgetan.' Letztendlich würden sie von sich selber aus nicht sagen: Ich hatte Symptome." Und da spreche man dann schon von asymptomatischen Infektionen, so die Expertin.

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