Gericht spricht Stiefvater wegen Totschlags schuldig

Urteil im Prozess um vermisste Tatiana (16) und Maria (41) aus München: So lässig reagiert der Angeklagte

Maria und Tatiana Gertsuski: Ehemann und Stiefvater Roman H. wurde wegen Totschlags verurteilt.
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23. Februar 2021 - 17:50 Uhr

Gericht ist überzeugt, dass Roman H. die beiden getötet hat

"Ich schreib dir gleich zurück" – das war die letzte Whatsapp-Nachricht von Tatiana Gertsuski (16) an eine Freundin. Doch dazu kam es nicht mehr. Am 13. Juli 2019 verschwand die Jugendliche zusammen mit ihrer Mutter Maria. Nun wurde ihr Stiefvater Roman H. wegen Totschlags zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Das Landgericht München I geht davon aus, dass der 46-Jährige seine Ehefrau und seine Stieftochter umgebracht hat. Die Leichen der beiden wurden bis heute nicht gefunden.

Angeklagter nimmt Urteil kopfschüttelnd entgegen

Als der Angeklagte den Gerichtssaal betrat lächelte er und winkte einem Mann im Zuschauerbereich zu. Er war es damals, der die 41-jährige Maria und ihre Tochter als vermisst meldete. Die Frauen seien shoppen gegangen, aber nicht zurückgekehrt behauptete er. Doch schon bald kamen Zweifel an der Geschichte auf.

"Nach der Beweisaufnahme sind wir überzeigt, dass die beiden Frauen tot sind", sagte der Vorsitzende Richter Norbert Riedmann. Die Urteilsverkündung verfolgte Roman H. per Kopfhörer, um sich von einem Dolmetscher alles übersetzen zu lassen. Immer wieder schüttelte er mit dem Kopf, während der Richter seine Entscheidung begründet, so als wolle er ihm widersprechen.

Urteil im Mordprozess ohne Leichen
Roman H. wurde wegen Totschlags zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.
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Leiblicher Vater von Tatiana fühlt sich vor Gericht verhöhnt

Für den leiblichen Vater von Tatiana, der Ex-Mann von Maria, sei das wie Hohn gewesen, erklärte seine Anwältin Antje Brandes. Ihr Mandant habe seit dem Verschwinden der beiden kaum ein Auge zu getan. "Ob er jetzt abschließen kann, das ist natürlich so eine Sache", sagte sie nach dem Prozess. Denn noch immer weiß er nicht, wo sich die Leiche seiner über alles geliebten Tochter befindet. Und auch die genauen Umstände, wie und warum sie umgebracht wurde, sind unklar.

Die Polizei hatte nach dem Verschwinden der beiden Frauen zwei blutverschmierte Teppiche aus der Wohnung der Familie im Truderinger Forst im Osten von München gefunden. Jemand hatte sie dort im Unterholz versteckt. Auch an den Wänden im Flur, an der Waschmaschine, am Trockner, in der Tiefgarage, im Auto und an den Socken des Angeklagten fanden die Ermittler Blutspuren. Eine Zeugin berichtete, sie habe am Tattag auffällige Geräusche aus der Wohnung der Familie gehört: Schreie, von einer Frau in Bedrängnis und immer wieder dumpfe Schläge. Diese Indizien überzeugten das Gericht, dass Roman H. Maria und Tatiana getötet haben muss.

Polizei sucht nach vermissten Frauen
Trotz Suchaktionen der Polizei wurden die Leichen von Tatiana und ihrer Mutter Maria bis heute nicht gefunden.
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Noch immer sind viele Fragen in dem Fall ungeklärt

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte erst im Streit seine Frau und danach dann seine Stieftochter umbrachte, als sie nach Hause kam. Es blieben aber Zweifel am genauen Ablauf der Taten: "Wir haben schlicht und einfach zu wenig Material, wie das vor sich gegangen ist", so der Richter und entschied sich darum, Roman H. nur wegen Totschlags und nicht wegen Mordes zu verurteilen. Auch das Motiv für die Tat ist bis heute unklar.

Der Angeklagte selbst bestreitet, etwas mit dem Tod seiner Frau und seiner Stieftochter zu tun zu haben und will gegen das Urteil nun in Revision gehen. Sein Verteidiger plädierte auf Freispruch. Das Blut in der Wohnung erklärte Roman H. damit, dass Mutter und Tochter sich nach einem friedlichen Mittagessen plötzlich heftig gestritten und sich gegenseitig blutige Verletzungen zugefügt hätten. Danach seien sie zum Shoppen aufgebrochen, behauptete er. Diese Version der Ereignisse hielt der Richter allerdings für unglaubhaft. "Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Aussage nach dem Studium der Akten an die Ermittlungsergebnisse angepasst wurde", sagte Riedmann.

Die Polizei vermutet, dass Roman H. die Leichen seiner Frau und seiner Stieftochter im Truderinger Forst versteckte. Wo genau ist allerdings unklar. Die Polizei durchsuchte das Waldstück – Tatiana und Maria blieben aber unauffindbar.