Viele weitere Tote im eigenen Land befürchtet

Tschechien stoppt Einäscherung von Leichen aus Deutschland - was das für uns bedeutet

Coronavirus in Tschechien: Sarg in einem Krematoriumsofen
© dpa, Petr David Josek, dul

13. Januar 2021 - 7:48 Uhr

Krematorien haben Kapazitätsgrenze erreicht

Wegen der Corona-Pandemie verbietet Tschechien die Einfuhr von Leichnamen zur Einäscherung aus den Nachbarstaaten. Die Maßnahme gelte ab sofort und vorerst bis zum 22. Januar, teilte das für das Bestattungswesen zuständige Ministerium für Regionalentwicklung mit. Was diese Entscheidung fürs deutsche Grenzgebiet, gerade im vom Coronavirus besonders betroffenen Sachsen bedeutet, erklärt ein Bestatter im RTL-Interview.

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Einäscherungen werden in Tschechien landesweit koordiniert

Vor allem Krematorien im Grenzgebiet zu Deutschland und Österreich hätten ihre Leistungen auch im benachbarten Ausland angeboten, hieß es. Doch ab sofort können Leichen nicht mehr zur Einäscherung nach Tschechien überführt werden. Der Grund für die Einschränkungen sei der erwartete weitere Anstieg der Todeszahlen in Tschechien, teilte Regionalministerin Klara Dostalova mit.

Mehrere der landesweit 27 Krematorien seien nahe an der Kapazitätsgrenze oder hätten diese bereits erreicht. Unter normalen Umständen könnten bis zu 700 Einäscherungen täglich vorgenommen werden. Diese Zahl solle nun auf 800 erhöht werden. Erdbestattungen sind in dem weitgehend atheistisch geprägten Land selten geworden.

Wegen der hohen Auslastung der Krematorien hatte Innenminister Jan Hamacek bereits letzte Woche verkündet, dass Einäscherungen landesweit koordiniert werden sollen. Am schlimmsten sei die Situation in der Verwaltungsregion Mährisch-Schlesien, wo das Limit bereits überschritten sei. Aus der dortigen Industriestadt Ostrava (Mährisch-Ostrau) wurden deshalb 50 Leichen zur Einäscherung in die 150 Kilometer entfernte Kleinstadt Hustopece (Auspitz) gebracht. Nun folgt der nächste Schritt des Landes, seine Krematorien zu entlasten. Doch was bedeutet dieser Schritt für Deutsche, die im Grenzgebiet leben?

Zu viele Corona-Tote in Zittau: Leichen werden in Hochwasserstützpunkt gelagert

Die Vermutung liegt nahe, dass sich die Lage vor allem in Sachsen, das im Süden an Tschechien grenzt, durch den Schritt Tschechiens weiter zuspitzen könnte. Das Bundesland ist in Deutschland am härtesten von der Corona-Pandemie betroffen. Zuletzt lag der Inzidenzwert dort wieder an der traurigen Spitzenposition mit 341,9, die Übersterblichkeit ist auf 88 Prozent gestiegen. Die insgesamt zehn Krematorien mit rund 1.700 Kühlplätzen sind in Sachsen schon seit Wochen am Limit. Kurz vor Weihnachten hatte Tobias Wenzel, Obermeister der Landesinnung der Bestatter Sachsens, gemahnt, man sei an der "Grenze des Machbaren" angelangt.

Zuvor hatte eine Nachricht aus Zittau beunruhigt. Die Stadt gab bekannt, Leichen außerhalb des Krematoriums lagern zu müssen, weil die Kapazitäten nicht mehr ausreichen. Grundsätzlich seien zwar auch Erdbestattungen möglich, hier gebe es den Infektionsschutz betreffend "keine Empfehlung des Robert Koch-Institutes", doch in Sachsen sei der hohe Anteil von Einäscherungen historisch gewachsen. 80 bis 90 Prozent der Toten würden hier eingeäschert.

Krematorien in Sachsen "haben die Lage im Griff"

Inzwischen habe sich die Situation in Sachsens Krematorien trotz steigender Zahlen etwas beruhigt, sagte Tobias Wenzel im Gespräch mit RTL. Die Situation vor Weihnachten sei entstanden, weil es schon ab November bei der Beurkundung im Standesamt geklemmt habe. So sei es zu einem "Rückstau" bei den Einäscherungen gekommen, den man inzwischen aufgeholt habe. "Die Krematorien arbeiten auf hohem Niveau, haben die Lage aber im Griff", sagte der Oberinnungsmeister.

Das am Dienstag in Kraft getretene Verbot aus Tschechien habe keinerlei Auswirkungen auf Feuerbestattungen in Sachsen. "Es hat im Erzgebirgsraum einen Discount-Bestatter gegeben, der in Tschechien eingeäschert hat. Das sind aber geringste Zahlen, die keine Bedeutung haben. Alle anderen Bestatter äschern in Deutschland ein." Eines seiner Bestattungsinstitute liegt in Marienberg, nur rund 15 Autominuten von der Grenze entfernt. Er übe seinen Beruf seit 30 Jahren aus, äschere in Marienberg im Krematorium Chemnitz ein.

Die Nachfrage nach Feuerbestattungen in Tschechien sei "bei den Angehörigen überhaupt nicht gegeben", erzählt er RTL. Auch vermeintlich günstige Preise locken nicht. "Mit Geld hat das überhaupt nichts zu tun. Die Tschechen machen keine Dumpingpreise", so Wenzel. Deutsche und tschechische Preise unterschieden sich kaum, zudem sei die Überführung eines Leichnams nach Tschechien aufwändiger und dauere länger.

Wenzel kritisiert Vorgänge im Krematorium Meißen

08.01.2021, Sachsen, Meißen: Särge mit Verstorbenen stehen vor der Einäscherung im Andachtsraum im Krematorium. Die meisten davon sind an oder mit dem Coronavirus verstorbenen. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa - ACHTUNG: Namen der Verstorbene
Im Krematorium Meißen stapeln sich die Särge.
© dpa, Robert Michael, ert abl

Scharf kritisiert der Bestatter Bilder aus einem Krematorium im sächsischen Meißen, die durch die Presse gegangen waren. Zu sehen waren Dutzende Särge, teils schräg und dreistöckig übereinandergestapelt. Bilder, die Wenzel schockiert haben. Ihm sei es wichtig, klarzustellen, dass Zustände wie diese nicht das Ethos der übrigen Unternehmen wiederspiegele.

"Was der Chef in Meißen gemacht hat, dass er sich auch an einen Sarg, in dem ein Verstorbener liegt, gelehnt und darauf Papiere ausgefüllt hat, geht gar nicht", sagt der Geschäftsführer und Bestatter. Er betont: "Das ist nicht der Maßstab und zeichnet ein sehr schlechtes Bild für alle, die ordentlich arbeiten – und das ist die große Mehrheit."

Auch Bayern befürchtet keine Engpässe durch tschechischen Einäscherungsstopp

Ähnlich stellt sich die Situation im Bundesland Bayern dar, das im Osten an Tschechien grenzt. "Soweit uns bekannt ist, nutzen nur sehr wenige Bestatter in Bayern die Möglichkeit der Einäscherung in Tschechien", sagt Jörg Freudensprung vom Bestatterverband Bayern e.V. RTL. Dies machten "überwiegend Internetbestatter", die mit besonders niedrigen Angeboten und den günstigeren Einäscherungsgebühren kalkulierten. "Diese sind allerdings nicht in unserem Berufsverband", weshalb es hier keine verlässlichen Zahlen gebe.

Daten und Zahlen würden über die jeweiligen Friedhöfe und werden nicht zentral erfasst. "Wir gehen allerdings nicht davon aus, dass dieser Wegfall große Auswirkungen auf die Kapazitäten der anderen Krematorien haben wird", so Freudensprung. Auch in Bayern laufen die Krematorien auf Hochtouren. "Dort ist gerade sehr viel zu tun, aber bisher nichts, was ein erfahrener Bestatter nicht schon in anderen Wintern erlebt hätte." Engpässe gäbe es wie in Sachsen auch hauptsächlich aufgrund fehlender Papiere, die dazu führen, "dass ein Verstorbener nicht eingeäschert werden darf und sich dadurch die Kühlmöglichkeiten stauen". Geschäftsstellenleiter Freudensprung erklärt: "Da coronabedingt viele Verwaltungen nicht reibungslos funktionieren, vor allem die Standesämter, verspäten sich leider wichtige Unterlagen, die für das Krematorium nötig sind. Eine mögliche Digitalisierung in diesem Bereich wurde zwar immer wieder vorgeschlagen, allerdings nie durchgeführt."

Tschechien beklagt über 13.000 Corona-Tote

Tschechien ist derzeit besonders schwer von der Corona-Pandemie betroffen. Am Montag meldeten die Behörden 4.283 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden. Seit Beginn der Pandemie gab es mehr als 835.000 bestätigte Infektionen und 13.272 Todesfälle. Der EU-Mitgliedstaat hat rund 10,7 Millionen Einwohner.

TVNOW-Doku: Die zweite Welle

Wie konnte es zu den vielen Corona-Erkrankten und dann zum Teil-Lockdown kommen? Mit aufwendigen Experimenten ergründen wir das in der Doku "Corona - Die 2. Welle" auf TVNOW.