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Trotzphasen-Alarm: Hilfe, meine Tochter ist Dynamit!

Kind in der Trotzphase
3, 2, 1 - Wutanfall! Kinder in der Trotzphase sind aus emotionaler Sicht tickende Zeitbomben, aber auch unheimlich süß (bei dem abgebildeten Kind handelt es sich übrigens nicht um die Tochter des Autors). © Gpoint Studio, Anna Bizon

3-Jährige haben oft eine extrem kurze Zündschnur...

Es gibt ja so Tage, die können eigentlich nur gut werden. Zumindest fühlt es sich morgens beim Aufstehen so an. Neulich war scheinbar wieder einer dieser Tage: Top aus dem Bett gekommen, bestes Wetter, trällernde Vögel, das Kind gut gelaunt. Ein rundherum wunderbarer Morgen – bis ich den Honig "FALSCH" auf den Frühstücks-Joghurt meiner Tochter Lene (3) habe fließen lassen. Zuckende Mundwinkel! Tränen! Wilde Wut! Mit einer fließenden Handbewegung wischt das Kind die Schale vom Tisch. Schepper, klatsch. Alles am Boden: Joghurt, Stimmung, Zuversicht. So schnell kann das gehen. Aber eigentlich hätte ich es wissen müssen. Denn meine Tochter ist Dynamit. Und sie hat eine extrem kurze Zündschnur.

Von Sebastian Priggemeier

Wenn die Wut kommt, ist es egal, ob du das blaue oder das rote Kabel durchtrennst

"Trotzphase" nennen die Pädagogen das. Ich bezeichne es eher als Baby-Pubertät. Denn in diesem Zusammenhang von einer "Phase" zu sprechen, ist eine gemeine Verniedlichung. Die Phase zieht sich nämlich arg. Und das ist offenbar ganz normal, steht jedenfalls in allen gängigen Eltern-Ratgebern: Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren rasten regelmäßig aus. Da kannst du als Mama oder Papa machen, was du willst. Um in der Bomben-Entschärfer-Metaphorik zu bleiben: Wenn die Wut kommt, ist es egal, ob du das blaue oder das rote Kabel durchtrennst – die Ladung geht hoch. Mit voller Wucht.

Meine Tochter ist jetzt fast vier. Das betont sie, wann immer es geht. Manchmal würde ich ihr am liebsten entgegnen: "Dann verhalte dich doch endlich auch deinem Alter entsprechend!" Aber das tut sie ja. Los ging’s vor knapp zwei Jahren – auch für diese "Phase" gibt es eine Bezeichnung: die "Terrible Twos". Zweijährige haben echt üble Angewohnheiten. Sie brechen von jetzt auf gleich im Supermarkt zusammen wie kleine Kartenhäuser, schreien ganze Straßenzüge zusammen, machen sich im Kinderwagen steif wie ein Brett, um aus Protest herauszugleiten (gerne an viel befahrenen Kreuzungen). 

Als Papa brauchst du eine gesunde Schicht Hornhaut auf der Seele

Oder sie wollen mit dem Kopf grundsätzlich durch die dickste Wand. Und zwar leider nicht nur im übertragenen Sinne. Mein Bruder knallte früher häufig seinen Kopf auf den Fliesenboden im Supermarkt. Ja, autsch. "Jetzt kaufen Sie dem Kind doch einfach den Lutscher", riefen besorgte Kunden unserer Mutter zu. Doch die blieb hart wie der Fußboden. Heute bewundere ich sie für ihre Konsequenz. Wahrscheinlich hatte sie längst entwickelt, was auch ich mit der Zeit bekommen habe: Eine gesunde Schicht Hornhaut auf der Seele.   

Denn was lösen die Wutanfälle bei uns Eltern aus? In den ersten Monaten der Trotzphase Scham. Teilweise Versagensängste. Habe ich etwas falsch gemacht? Bin ich ein schlechter Papa? Was denken die anderen Leute jetzt über mich? Kauf' schnell das Überraschungsei – bloß weg hier. Aber mit der Zeit stumpfst du ab. So war es zumindest bei mir. Heute nicke ich anderen Eltern brüllender Trotzkinder manchmal im Supermarkt zu – aus Solidarität, kombiniert mit einem "bleib stark"-Blick!  

Wow, das klingt alles ziemlich hart. Dabei sind die kleinen Trotzkis andererseits vor allem eins: unheimlich süß (zwischen ihren Wutausbrüchen). Verständnis ist angesagt und innere Ruhe im Sturm der Emotionen, auch wenn es schwer fällt. Die Kleinen müssen schließlich erstmal lernen, mit Gefühlen umzugehen. In dem Punkt habe ich selbst übrigens auch Nachholbedarf, fürchte ich. Und in gewisser Weise ist meine Tochter in vielen Situationen meine beste Lehrmeisterin fürs Leben, was wirklich großartig ist. Denn ganz ehrlich: Eine längere Zündschnur täte uns doch allen gut - den Kleinen und den Großen.

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