Satirische Lerneinheit School@Home

Trauerspiel Digitales Lernen: Jan Böhmermann zeigt, was bei uns alles schief läuft

ZDF Magazin Royale
© dpa, Jens Koch, alf

22. Januar 2021 - 12:59 Uhr

In der Pandemie wären eigentlich digitale Lernkonzepte gefragt.

Wie das in der Realität oft aussieht, hat Satiriker Jan Böhmermann in einem Video demonstriert – und das Bildungselend persifliert. Nicht alle Eltern werden darüber lachen können.

Deutschland in der Corona-Pandemie: Es mangelt an digitalen Bildungskonzepten

Millionen Eltern im Land ächzen unter der Doppelbelastung von Homeschooling und Homeoffice. Obwohl die Pandemie das Land seit fast einem Jahr im Griff hat, sind digitale Bildungskonzepte noch immer Mangelware. Jan Böhmermann, selbst Vater von Kindern, hat nun in einem Film nachgestellt, woran es im deutschen Bildungswesen krankt - und den Schulbetrieb gnadenlos karikiert.

Jan Böhmermann als Lehrer

Zu Beginn des knapp 50 Minuten langen Videos betritt der Satiriker das leere Klassenzimmer - und hat sich dafür ein typisches Lehrer-Outfit angelegt: Jeans, Hemd und Jackett. Über seiner Schulter hängt die obligatorische braune Wildledertasche, aus der er Thermoskanne und Apfel herausholt. Dann begrüßt er Eltern und Schüler zum Projekt Digitales Lernen, "präsentiert vom Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen im Auftrag der Kultusministerkonferenz der Länder, finanziert von der Bundesregierung."

Zwar betont Lehrer Böhmermann: "Wir sind Innovationsweltmarktführer in Deutschland. Doch schon als er seinen Namen mit Kreide an die Tafel schreibt und die wichtigsten Stichpunkte ("stufenübergreifend", "fachübergreifend") notiert, wird klar, dass nichts anderes als abgefilmter Frontalunterricht zu erwarten ist.

Bevor der beginnt, heißt es aber "Hefte raus": Die Schüler müssen zunächst in aller Stille ihre Hausaufgaben abarbeiten. Erst dann beginnt die erste Lerneinheit. Böhmermann hängt eine Landkarte von Europa am Kartenhalter auf, entfernt sie aber nach kurzer Zeit wieder. Die Schüler sollen nun zu Hause auf ihr leeres Blatt die Umrisse des Kontinents zeichnen und das Resultat dann in die Webcam halten.

Als nächstes sollen sie einzelne europäische Staaten wie Bosnien-Herzegowina einzeichnen, und, kleiner Witz: Mexiko. "Es darf auch mal geschmunzelt werden. Auch das ist Schule", beömmelt sich der Pädagoge über seinen Scherz.

Sieben Minuten Goethes "Faust" mit Jan Böhmermann in den Hauptrollen

In der Lerneinheit Deutsch knöpft er sich Goethes "Faust" vor. Dazu rollt er einen Röhrenfernseher mit Videorecorder rein und versucht den Schülern das Thema mit berufsjugendlicher Ranschmeiße schmackhaft zu machen. Das sei ein toller Stoff. "Obwohl man natürlich auch sagen kann: Goethe hat lange nichts Geiles mehr abgeliefert."

Zu sehen bekommt die Klasse dann eine siebenminütige filmische Zusammenfassung des Dramas, die Böhmermann 2017 für das "Neo Magazin Royale" produziert hat. "Faust" sei eine Trilogie, behauptet der Lehrer anschließend, "wie 'Zurück in die Zukunft'". Goethe hätte vermutlich noch mehr Teile geschrieben, wenn er nicht gestorben wäre, glaubt er zu wissen.

Doch darum sollen sich nun die Schüler kümmern: Sie bekommen die Aufgabe, die Teile 4 bis 16 zu schreiben. "Ganz wichtig, dass das an die literarische Qualität des Originals rankommt", mahnt der Pädagoge. Dass das viel Zeit in Anspruch nehmen wird, dessen ist er sich bewusst. Das ist sogar das Ziel: "Da habt ihr für die nächsten 15 bis 20 Jahre Zeit, je nachdem wie lange die Pandemie noch dauert."

Belastung durch Homeoffice & Home-Schooling: Nicht alle Eltern werden hier lachen können

Damit ist dann die digitale Schulstunde schon wieder vorbei. "Wenn Ihr Fragen haben solltet, bitte immer eure Eltern fragen", rät Böhmermann der Klasse. Seine letzten Worte: "Dann sehen wir uns in ein bis zwei Jahren wieder, wenn die nächste große digitale Lerneinheit verfügbar ist."

Insgesamt ein höchst amüsantes Video, über das jedoch nicht alle Eltern werden lachen können. Denn die digitalen Möglichkeiten vieler Schulen in Deutschland sind auch im Jahr 2021 mit dem Wort treffend beschrieben, als das Goethe seinen "Faust" bezeichnet hat: ein Trauerspiel.

Hinweis: Dieser Artikel von Sarah Stendel erschien zuerst an dieser Stelle bei stern.de.