„Ein ganzer Knochen ist eine Riesen-Informationsquelle"

Kriminalbiologe Mark Benecke zum Fall Sonja Engelbrecht: Was können Knochen 26 Jahre später noch zeigen?

Knochen der seit 1995 vermissten Sonja Engelbrecht gefunden
Knochen der seit 1995 vermissten Sonja Engelbrecht gefunden
© dpa, Friedrich, sb

25. November 2021 - 17:44 Uhr

Kriminalbiologe schätzt Knochenfund ein

Seit 1995 wird Sonja Engelbrecht aus München vermisst. In einem Waldstück bei Kipfelberg im Landkreis Eichstätt hat ein Waldarbeiter einen Oberschenkelknochen von der damals 19-Jährigen gefunden. Kann der Fall Sonja Engelbrecht nach 26 Jahren also doch noch aufgeklärt werden? Was für eine Rolle ein Knochen in Ermittlungen spielt und ob sich damit auch mehr als zwei Jahrzehnten später neue Erkenntnisse ergeben können, erklärt der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke im Gespräch mit RTL.

Erbsubstanz im Knochen klärt Identität

Wenn ein Knochen, wie im Fall von Sonja Engelbrecht, gefunden wird, kann der zu einem wichtigen Puzzleteil in den polizeilichen Ermittlungen werden. "Die Knochen werden erst einmal von außen fotografiert und vermessen. Dann wird geschaut, ob es irgendwelche Abnutzungsspuren gibt, die zu Lebzeiten entstanden sind, dann welche die nach dem Tod entstanden sind, zum Beispiel, weil Tiere da dran waren. Dann wird ein kleiner Teil des Knochens geöffnet und Erbsubstanz heraus geholt", erklärt der Kriminalbiologe das Vorgehen.

Der gefundene Oberschenkelknochen konnte der jahrelang vermissten Münchnerin zugeordnet werden. Denn wenn die Erbsubstanz vorliegt, kann zum Beispiel mit einem Vater- oder Mutterschaftstest oder auch einer alten Zahnbürste des Opfers geklärt werden, ob es sich um eine bestimmte vermisste Person handelt.

Mögliche Verletzungen auch noch Jahre später erkennbar

Auch Jahre später könnte mithilfe eines Knochens noch die Todesursache geklärt werden, so der Experte. Allerdings müsste der entsprechende Knochen dann auch Spuren dazu aufweisen, zum Beispiel von Gewalteinwirkung.

Aber was kann an einem Knochen, der möglicherweise jahrelang draußen gelegen hat, genau festgestellt werden? "Falls überhaupt Kraft gegen den Oberschenkel und den Oberschenkelknochen ausgeübt wurde, ist einiges möglich", erklärt Benecke. Es könnte zum Beispiel eine Einblutung durch schwere Gewalteinwirkung, die aber den Knochen nicht direkt verletzt hat, vielleicht noch zu erkennen sein, indem da eine farbliche Veränderung vorliegt."

Und es gibt weitere mögliche Anzeichen, die für die Ermittler interessant wären: "Es könnte sein, dass man von einem Schnitt noch eine kleine Kerbe in Knochen sieht", so Benecke. In einigen Fällen würden Knochen auch noch gesäubert, sodass mit Hilfe eines Vergrößerungsgeräts ganz feine Linien, die mögliche Verletzungen zeigen, erkennbar sind.

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Dr. Mark Benecke zu Sonja Engelbrecht
Dr. Mark Benecke erklärt, was die Ermittler im Fall Sonja Engelbrecht anhand eines Knochen noch herausfinden können.
© RTL

Wie haben sich die Ermittlungen über die Jahrzehnte verändert?

Der kriminalpolizeiliche Teil der Ermittlungen – die räumliche und zeitliche Einordnung eines Falls – habe sich kaum verändert, bewertet Benecke die Entwicklung. Aber heute bekäme man aus viel kleineren Spurenmengen Erbsubstanzen heraus, um genetische Fingerabdrücke zu machen. "1995 konnte man schon sehr, sehr gut Spuren untersuchen auf genetische Fingerabdrücke. Das heißt da wurden mit Sicherheit auch schon viele Spuren eingelagert, für den Fall, dass man sie nochmal braucht und untersuchen möchte", schätzt er die Spurensicherung im Fall von Sonja Engelbrecht ein.

Ein ganzer Knochen sei eine Riesen-Informationsquelle in Bezug auf die Erbsubstanz und könnte leicht untersucht werden. Was der Polizei jetzt helfen könnte ist, dass sie alle Informationen aus den Ermittlungen damals mit der Knochenanalyse zusammenbringen könne. Noch ist die Todesursache der jungen Frau aus München aber nicht geklärt. (nba)