Mit Löw könnte auch seine Mittelfeld-Ära enden

Dirigent Kroos hat das DFB-Orchester nicht mehr im Griff

Toni Kroos (li.) und Jogi Löw
Toni Kroos (li.) und Jogi Löw
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30. Juni 2021 - 7:11 Uhr

Er war unantastbar

Von Tobias Nordmann

Toni Kroos konnte sich auf Joachim Löw stets verlassen. Wenn er zu einem Länderspiel wollte und konnte, dann war er gesetzt. Und wenn er mal nicht spielte, dann in enger Absprache. Kroos war der unantastbare Spielmacher. Aber ob das nach EM- und Löw-Aus noch Bestand hat?

Ist Kroos noch herausragend - oder war er es?

Toni Kroos hat bei dieser Fußball-EM einen kleinen Triumph für sich feiern können. Bis zu diesem Dienstag, bis zum Anpfiff des dramatisch verlorenen Achtelfinals gegen England (0:2) im legendären Wembley-Stadion hatte er es geschafft, die Personal-Debatte der Fußball-Nation von ihm weg zu lenken. Im Mittelfeld-Zentrum des DFB-Teams hatte er so solide bis gut gespielt, dass seine unantastbare Rolle nicht mehr zur nationalen Angelegenheit taugte. Im Zentrum wurde vielmehr über Ilkay Gündogan gesprochen. Der kam schließlich mit der Empfehlung, der beste Spieler der Premier League gewesen zu sein. Er hatte Manchester City, die Mannschaft von Starcoach Josep Guardiola, so viel besser gemacht, ihr magische Momente geschenkt.

​​Und nun, für Deutschland, da wollte es bei Gündogan nicht richtig klappen. Er war in den drei Vorrundenduellen bemüht, spielte viele Pässe. Aber die kleinen Genialitäten am Ball, die schnellen Drehungen, die tollen Abschlüsse, die fehlten seinem Spiel. Wenn es nun darum ging, der deutschen Offensive mehr Dynamik, mehr Power zu geben, wenn es um die Frage ging, wie der verletzte Leon Goretzka, der Dynamik und Power hat, in dieses Team integriert werden sollte, dann ging es vor allem um Gündogan. Und in der öffentlichen Diskussion auch um Joshua Kimmich. Den aber tackerte Joachim Löw an der rechten Seite fest. Und bei Löws Sturheit war klar, festgetackert ist festgetackert.

Ebenso wie bei Kroos stets klar war: gesetzt ist gesetzt. Natürlich gab es dafür immer gute Gründe. Kroos war oder ist ein herausragender Spielgestalter, gesegnet mit einem ganz feinen Gefühl für die Bedürfnisse seiner Mannschaft, mit einem herausragenden Passspiel und einem harten und präzisen Schuss. Hinzu kommt eine Stressresistenz am Ball, die nicht viele Spieler der Welt haben. Und dennoch wird eigentlich bereits seit Jahren leidenschaftlich darüber gestritten, ob die von Löw verhängte Unantastbarkeit nicht dringend mal aufgekündigt werden müsse. Gestritten wird darüber, weil nicht klar ist, ob Kroos noch herausragend ist. Oder ob er es nicht eher war.

FUSSBALL Euro 2021 GRUPPE C Spiel 24 in Muenchen Portugal - Deutschland 19.06.2021 Toni Kroos Deutschland umarmt seine Tochter Amelie nach dem Spiel *** FOOTBALL Euro 2021 GROUP C match 24 in Munich Portugal Germany 19 06 2021 Toni Kroos Germany hugs
Kroos hätte nach einem Abschied aus dem DFB-Team mehr Zeit für seine Familie.
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Ist Toni Kroos' Spiel noch zeitgemäß?

Im Kern geht es darum, ob sein Spiel noch taugt, um die Nationalmannschaft besser zu machen. Er selbst sieht das freilich absolut so, das hatte er nach seiner Ankunft im Trainingslager betont. Es ist eine Diskussion an den Konfliktlinien. Souveränität und Kontrolle (pro Kroos) versus Vertikalität und Dynamik (contra Kroos). Und es ist eine Diskussion, die einfach nicht abzumoderieren ist. Oder war. Zumindest nicht für Löw. Womöglich aber für dessen Nachfolger Hansi Flick.

Der hat beim FC Bayern etwas im Zentrum erschaffen, was das pulsierende Herz seiner Erfolgsära war. Er installierte Kimmich und Goretza als Doppel-Sechs hinter dem Freigeist Thomas Müller, flankiert von dominanten Außenspielern um Serge Gnabry, Leroy Sané oder den Franzosen Kingsley Coman.

Möglich ist natürlich, dass Flick von seiner Idee abrückt. Aber warum sollte er? Was die beste Vereinsmannschaft des Landes besser macht, kann für die Nationalmannschaft nicht schlecht sein. Eine kluge Widerrede muss man sich erstmal überlegen. Dass der neue Coach nun auch Kroos und Gündogan zur Verfügung hat, klar das wäre eine. Aber eine überzeugende? Eher nicht. Denn bei dieser EM, und sie ist ja nun mal die aktuelle Referenz als Bewerbung für die nächste Nominierungsrunde im September, haben beide nur bedingt Argumente für sich und ihre Stammplätze gesammelt. Gündogan, dessen Magie in offensiverer Rolle (bei Man City) besser zum Tragen kommt, noch weniger als Kroos, der immerhin auch durch ungewohnt robuste Ballgewinne auffiel.

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Zwei verpatzte Großturniere - auch Kroos konnte daran nichts ändern.
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Goretzka hat noch Kredit - gilt das auch für Kroos?

Nun, auch an diesem Dienstag stellte Kroos der Mannschaft seine Robustheit in ​​Rechnung. Allerdings nur in den ersten Minuten. Es waren die besten Minuten im deutschen Spiel, das von seiner seltsamen Mischung aus Hast und Lethargie geprägt war. Nie richtig schlecht, aber auch nie richtig gut. Weder in der Verteidigung, noch in der Verwertung der sehr seltenen Gelegenheiten. Das späte Abschluss-Drama von Thomas Müller können Sie hier nochmal nachlesen.

Kroos, der Dirigent, konnte an dieser seltsamen Mischung nichts ändern. Zu keiner Zeit. Sein Quergeschiebe brachte keine Impulse, schaffte keine Räume, war nicht Zündfunken für kreative Ideen, für mal schnelles und direktes Spiel. Die wenigen guten Momente aus dem Zentrum schafften Goretzka und Müller. Es waren aber, so lautet die bittere Wahrheit, nur sehr wenige. Goretzka, der nach seiner EM-Rettungsmission beim 2:2 gegen Ungarn (er besorgte den späten Ausgleich) zum neuen Helden und Heilsbringer hochgehymnet wurde, blieb zu oft wirkungslos. Seine Power krachte ohne Impact in das englische Abwehrmassiv.

Goretzka, der Herzensmensch, hat aber noch Kredit. In der Öffentlichkeit. Und bei Flick sowieso. Ob das auch für Kroos gilt? Oder überhaupt noch gelten muss? Seine Zukunft in der Nationalmannschaft nach dem Turnier hat er offengelassen. Würde er nun zurücktreten, würde er das als unantastbare Stammkraft tun, es wäre noch so ein kleiner Triumph – und das nach zwei kollektiv verpatzten Großturnieren.