Tokophobie - die Angst vor der Schwangerschaft

"Wie könnte ich mich darüber freuen, ohne das Gefühl zu haben, in mir würde ein Alien wachsen?!"

27. Mai 2019 - 16:51 Uhr

Angst vor der Schwangerschaft: Ein Tabu-Thema

Es gibt sie, die Angst vor einer Schwangerschaft. Die Angst, ein Lebewesen in sich auszutragen. Die Angst vor der Geburt. Und diese Angst haben mehr Frauen, als man ahnt. Doch viele verheimlichen sie. Eine Frau, die nicht schwanger werden will, weil sie Panik hat? Wie kann jemand Angst davor haben, Leben zu schenken? Für die meisten absolut unvorstellbar. Wir sprechen über eine echte Krankheit, die in unserer Gesellschaft kaum anerkannt und unterschätzt wird: Tokophobie.

Im Video erzählt Wanda von ihren Schwangerschaftsängsten.

Schwangerschaftsängste sind keine Seltenheit

"Ich bin endlich schwanger!" "Es ist ein absolutes Wunschkind." "Kinder sind das Glück dieser Welt." Sätze, die man oft von Frauen hört. Denn für viele ist es ein Segen, schwanger zu werden. Nicht so für fast jede sechste Frau. So viele leiden nämlich nach einer Studie der Psychiatrischen Klinik Queen Elizabeth in Großbritannien aus dem Jahr 2000 an Tokophobie. Der Angst vor dem Schwangerwerden.

Wann ist es Tokophobie?

Vor allem Frauen, die noch keine Kinder haben, sind von Ängsten geplagt. Das ist jedoch völlig normal. Schließlich weiß man nicht genau, was auf einen zukommt. Wann spricht man also von Tokophobie?

  • Wenn man regelrecht Panik vor der Schwangerschaft hat, sich zum Beispiel nicht vorstellen kann, ein Lebewesen im eigenen Körper auszutragen.
  • Wenn man am liebsten mit zwei Verhütungsmitteln Sex hat – nur, um auf Nummer sicherzugehen.
  • Wenn man schwangere Frauen sieht und deren Glück überhaupt nicht nachempfinden kann.

Manche Frauen berichten davon, dass ihre Ängste in der Schwangerschaft verschwunden sind. Möglicherweise bedingt durch den Hormoncocktail.

Hindernis 1: Moderne Verhütungsmethoden

Die sicheren Verhütungsmittel heutzutage machen das Ganze nicht gerade einfacher. Denn Frauen müssen sich nun bewusst dafür entscheiden, schwanger werden zu wollen. Es passiert nicht mehr per Zufall und mit dem neuen Zustand muss man dann umgehen lernen. Nein. Man muss sich konkret der Frage widmen: Will ich aktuell schwanger werden? Das ist für viele eine schwere Entscheidung und ein Hindernis. Vor allem dann, wenn einem Ängste im Kopf herumschwirren.

Hindernis 2: Horrorvorstellung Geburt

Es schmerzt höllisch, der Damm reißt, man macht sich vermutlich vor den Augen aller in die Hose – beziehungsweise ins Bett – und es kann stundenlang gehen. Für viele überwiegt dennoch die Freude auf den kleinen Fratz. Einige entscheiden sich aber dann doch lieber für einen Kaiserschnitt. Und die Anzahl derjenigen nimmt seit Jahren zu: 30 Prozent aller Geburten sind mittlerweile Kaiserschnitte. Experten vermuten, dass die steigende Zahl mit den Ängsten vor einer "normalen Geburt" zu tun hat.

„Aber was, wenn das Aliengefühl bleibt?“

Tokophobie - die Angst vor der Schwangerschaft
Die Angst vor der Schwangerschaft ist noch immer ein Tabu-Thema, obwohl es viele Frauen betrifft.
© iStockphoto, nensuria

Jana Friedrich aus Berlin arbeitet seit 20 Jahren als Hebamme und betreibt Hebammenblog.de. In ihrem Blog veröffentlichte sie einen Leserbrief, in dem eine Frau offen über ihre Schwangerschaftsängste spricht.

"Ich möchte nicht, dass sich mein Körper so verändert. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, diese Veränderungen zu genießen, stolz, gespannt und erfreut sein zu können. Dass sich plötzlich etwas Lebendiges in mir bewegt? Wie könnte ich mich darüber, ohne das Gefühl zu haben, in mir würde ein Alien wachsen?! Klar, es wäre einfach, sich auf die Hormone und den eigenen Körper zu verlassen, aber was, wenn das Aliengefühl bleibt? Was, wenn sich schwanger sein wirklich so 'strange' und erschreckend anfühlt wie ich es mir vorstelle?"

Sie beneidet andere Frauen, die sich für ein Kind entschieden haben. Denn auch sie hätte gerne dieses Glücksempfinden, wenn sie an Schwangerschaft denkt. Doch sie bleiben aus. Ihre Ängste lassen dies einfach nicht zu.

Darüber sprechen hilft

Doch Tokophobie ist behandelbar und kann geheilt werden. Die Betroffenen können sich psychiatrisch behandeln lassen. In den Gesprächen werden die Gründe für die Ängste ermittelt. Außerdem müssen diese genau benannt und anschließend auf deren Wahrhaftigkeit überprüft werden.

Auch wenn die Krankheit noch der Rubrik Tabu-Themen angehört: Die eigenen Ängste und Befürchtungen auszusprechen wirkt wahre Wunder. Und wie die englische Studie zeigte: Sie sind nicht alleine mit diesen Ängsten. Vielen hilft es auch schon, sich ihrer Frauenärztin oder einer Hebamme anzuvertrauen.