Nie mehr in die Praxis?

Telemedizin: Wenn der Arzt per Videochat zugeschaltet ist

2. Februar 2019 - 9:55 Uhr

von Anna Kriller

Es zwickt, juckt und irgendwie ist da auch so ein komischer Ausschlag. Aber dafür stundenlang ins Wartezimmer setzen? Muss man gar nicht – zumindest in Israel. Da können sich Patienten dank eines kleinen Gerätes selbst untersuchen. Die Diagnose gibt's dann per Videochat vom Arzt. Ob's das bald auch bei uns gibt? Wir haben einen Mediziner gefragt.

Arztbesuch einfach von zu Hause aus

Mund auf, Kamera rein, Diagnose – fertig! In Israel ist der Gang zum Arzt dank Telemedizin per Videochat seit Ende 2018 nicht mehr nötig. Mit dem Telemedizin-Gerät "Tytocare" können Patienten sich nun selbst zu Hause untersuchen, der Arzt analysiert die Symptome parallel per Video. In rund zwei Jahren soll "Tytocare" auch zu uns kommen. Wie das Gerät genau funktioniert – erklären wir im Video.

Telemedizin im Trend

Auch wenn Israel in Sachen E-Health auf dem Vormarsch ist, ganz neu ist Telemedizin auch in Deutschland nicht. Die Online-Sprechstunde bieten viele Ärzte bereits seit 2017 an. Und auch in verschiedenen Pilotprojekten betreuen Ärzte ihre Patienten bereits per Video. Auch gesetzlich hat sich einiges getan: Mitte Mai 2018 stimmten die Mediziner am Deutschen Ärztetag für eine Lockerung des sogenannten Fernbehandlungsverbots. Das heißt: Während Ärzte früher nur telefonisch oder per Internet behandeln durften, nachdem sie ihre Patienten zuvor persönlich untersucht hatten, ist eine Behandlung nun auch ohne direkten Erstkontakt möglich.

"An sich ist die Telemedizin eine gute Idee", erklärt Mediziner Dr. Christoph Specht im Interview mit RTL.de. "Vor allem in Ländern, in denen man große Distanzen überwinden muss, um zum nächsten Arzt zu kommen, wie in Skandinavien oder in den USA." Ob sich diese in Zukunft in dem Maße auch in Deutschland durchsetzen wird, wie es bereits in Israel oder anderen Ländern gelebt wird, bezweifelt Specht allerdings.

Probleme: Vergütung für Ärzte und Datenschutz

"Die Telemedizin wird definitiv auch vermehrt nach Deutschland kommen. Allerdings gibt es diesen Hype wie in anderen Ländern bisher nicht bei uns", so Specht. Deutschland ist im Vergleich relativ dicht besiedelt. Das Problem, extrem lange Strecken bis zum nächsten Arzt überwinden zu müssen, gibt es bei uns nicht so sehr wie in anderen Ländern. Theoretisch wäre ein Gerät wie "Tytocare" eine gute Möglichkeit für ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind. Die Frage ist, ob sich die Senioren und Seniorinnen von heute tatsächlich selbst mit einem solchen Gerät untersuchen würden, um anschließen per Videotelefonie mit ihrem Arzt zu chatten.

Hinzu kommt: Zwar unterstützen private und gesetzliche Krankenkassen Ärzte, die Videosprechstunden anbieten, allerdings gilt diese gerade mal als kostendeckend. Da für eine Behandlung per Videotelefonie aus datenschutzrechtlichen Gründen eine spezielle Verbindung benutzt werden muss, ist allerdings ein spezieller Videodienst nötig.

Arztbesuch mit Einschränkungen

Ein weiteres Hindernis sieht Specht bei der Haftungsfrage. "Manche Diagnosen lassen sich gar nicht per Videosprechstunde stellen", erklärt der Mediziner und rät: "Wer die Videosprechstunde nutzt, sollte also eher auf der Suche nach einem ärztlichen Rat als nach einem Rezept oder einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sein."

Medikamente verschreiben dürfen Ärzte in Deutschland bisher nur, wenn sie den Patienten vorher persönlich untersucht haben, also nicht in der ausschließlichen Fernbehandlung. Mit der Einführung des E-Rezepts will Gesundheitsminister Spahn (CDU) die Telemedizin aber in diesem Punkt bis spätestens 2020 voranbringen. Ob Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen auch nach einer Fernbehandlung ausgestellt werden dürfen, wird je nach Bundesland und Ärztekammer unterschiedlich geregelt, weshalb Anbieter wie www.au-schein.de mit Sitz in Schleswig-Holstein Atteste per Whatsapp anbieten können.

Telemedizin gut bei Hautkrankheiten

Gut eignet sich die Telemedizin vor allem in Kombination mit Geräten wie "Tytocare" aber für Hautkrankheiten. "Die Videosprechstunde ist geeignet für alle Sachen, die man sehen kann, wie zum Beispiel Folgebehandlungen von Wunden", erklärt Specht. Auch in der Psychologie ist die Telemedizin eine gute Alternative. "Auf einen Platz beim Therapeuten muss man sehr lange warten. Hier ist es sicher besser, ärztlichen Rat per Videochat zu suchen, als am Ende gar keine Hilfe zu bekommen."