Immer mehr Jugendliche leiden unter Telefonphobie

Wenn das Telefonieren Panik auslöst

Telefonieren löst bei immer mehr jungen Menschen Angst aus
Telefonieren löst bei immer mehr jungen Menschen Angst aus
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27. August 2021 - 12:56 Uhr

Sprachnachrichten lösen das direkte Gespräch ab

Immer mehr junge Menschen haben Angst den Hörer in die Hand zu nehmen. Stattdessen versenden sie Sprachnachrichten oder klären alles Wichtige in Messenger-Diensten, per Mail oder per Online Formular. Allein beim Gedanken an den Telefonhörer bekommt der ein oder andere Jugendliche feuchte Hände.

Doch woher kommt die Angst, und welche Tipps können Eltern befolgen, um ihre Kinder wieder mehr zum Telefonieren zu animieren?

Telefonieren als Kommunikationsform

"Das Telefongespräch mit Unbekannten ist eine alte Kommunikationsform, in der junge Menschen wenig Übung haben", so der Psychologe Dr. Dirk Baumeier aus Leipzig zu RTL. Die Problematik sieht er darin, dass im Telefonat das Gegenüber direkt angesprochen werde und sich mit den jeweiligen Informationen auseinandersetzen müsse, egal ob es sich gerade mit anderen Dingen beschäftige. "Demgegenüber wirken versandte Nachrichten über E-Mail oder Messenger-Dienste wesentlich zurückhaltender und damit höflicher." Zudem würde man es dem Kommunikationspartner freistellen, wann er antworte.

Die Angst vor Telefonaten

"Natürlich möchten auch junge Menschen gerne einen guten ersten Eindruck hinterlassen", erklärt der Psychologe. In Telefongesprächen würde hingegen oft die Angst mitschwingen, sich zu blamieren. Diese ließen sich eben nicht aufzeichnen oder sogar löschen wie eine missratene Sprachnachricht. "Außerdem entfällt die Irritation durch körpersprachliche Signale des Gegenübers", verrät Dr. Baumeier. Man müsse nicht sehen, wie der Gesprächspartner die Stirn runzele oder die Augen verdrehe.

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So sollten sich Eltern verhalten

"Eltern können ihre Kinder dazu ermuntern, Telefonate in eigenen oder familiären Angelegenheiten zu führen", appelliert der Psychologe. Demnach sei es wichtig, Jugendlichen die verschiedenen Kommunikationsformen aufzuzeigen und sie darin zu bestärken zum Telefonhörer zu greifen. Schließlich sei eine gewisse Souveränität im Umgang wünschenswert, um Störungen im kommunikativen Miteinander zu verhindern.

Kommunikationsexpertin Dr. Yael Adler aus Berlin bekräftigt, dass man auch für kleinere Anliegen zum Smartphone greifen und damit das Telefonieren ganz bewusst üben könne. "Nur so lernt man seine Bedürfnisse im Rahmen der Kommunikation immer wieder zu formulieren." Weiterhin sollten Eltern ihren Kindern ruhig erklären, wie wichtig die zwischenmenschliche Kommunikation sei, um Streit zu verhindern und Missverständnissen vorzubeugen.

Menschliches Miteinander wird durch Gespräche gestärkt

"Zugleich dürfen wir als Eltern darauf vertrauen, dass sich unsere Kinder eine Nische im Leben erobern, aus der heraus sie Aufgaben bewältigen", so Dr. Baumeier. Sollte ein Heranwachsender partout keine Telefonate mit Fremden führen wollen, müsse man das als Eltern annehmen und respektieren.

Abschließend weist die Kommunikationsexpertin Dr. Adler darauf hin, dass das menschliche Miteinander deutlich gestärkt werden würde, wenn man ab und an auch das Gespräch via Handy suchen würde. "Beziehungspflege passiert immer wieder durch einen persönlichen Austausch", stellt die Expertin dar. Letztendlich sei es bedeutsam, dass sich menschliche Beziehungen verfestigen und die Psyche ausgeglichen sei. Genau das schaffe man, so Dr. Adler, durch Telefonate oder persönliche Treffen miteinander.