Zigarettenpause trotz Schlaganfall-Alarm?

„Team Wallraff“ beweist: Nicht alle DRK-Rettungswagen im Notfall einsatzbereit

20. Oktober 2020 - 11:51 Uhr

Einfache Krankentransporte statt Noteinsätze

Wenn etwas Schlimmes passiert, verlassen wir uns auf den Rettungsdienst – und darauf, dass er so schnell kommt, wie es geht. Doch was, wenn der dafür benötigte Rettungswagen des Roten Kreuzes (DRK) gar nicht verfügbar ist, weil damit gerade ein einfacher Krankentransport erledigt wird? Entsprechende Verdachtsfälle gab es in Stuttgart schon länger – jetzt kann "Team Wallraff" das Vorgehen erstmals belegen.

Und Undercover-Reporter Manuel erlebte eine weitere bedenkliche Situation: Obwohl es sich bei einem Notruf um einen Schlaganfall handeln könnte, rauchen die Rettungssanitäter erst noch ihre Zigarette zu Ende. Wie fatal eine solche Entscheidung im Ernstfall sein kann, erklärt ein Notfallmediziner im Video.

Pause trotz Notruf – ein Einzelfall?

Der Rettungsdienst ist in Deutschland ist Ländersache. In vielen Bundesländern übernimmt die Aufgabe das Rote Kreuz - so auch in Baden-Württemberg. Die größte Rettungswache des DRK befindet sich in Stuttgart, wo "Team Wallraff"-Reporter Manuel 2019 undercover als angehender Rettungssanitäter arbeitet.

Ist das Verhalten, das er bei seinen Kollegen erlebt, ein Einzelfall? Offenbar nicht, wie die anonyme Aussage einer ehemaligen Mitarbeiterin der Stuttgarter Rettungswache vermuten lässt: "Ich kann die Mitarbeiter da auch verstehen, weil man kommt nicht dazu, Pause zu machen. Man kommt nicht dazu, was zu trinken. (…) Und dann nutzt man mal eine Minute aus und sagt: 'Jetzt beiß ich in mein Brot. Jetzt rauch ich kurz eine'", erklärt sie Günter Wallraff.

„Missbrauch vom Rettungsmittel“

In Stuttgart gibt es in Sachen DRK-Rettungsdienst allerdings noch ganz andere Probleme: Eigentlich sind für einfache Krankentransporte, bei denen es nicht um jede Sekunde geht, kleinere Krankenwagen vorgesehen. Doch schon lange gibt es hier Hinweise darauf, dass teure Rettungswagen mit überqualifiziertem Personal dafür abgezogen werden – und im Notfall dann nicht zur Verfügung stehen.

Dies konnten "Team Wallraff" nun erstmals belegen: Allein an einem Tag erledigte der Rettungswagen von Manuel drei Mal solche Fahrten. "Das ist Missbrauch vom Rettungsmittel", kritisiert einer der Sanitäter-Kollegen gegenüber dem Undercover-Reporter. Tobias Strohbach, Leiter eines privaten Krankentransports in Baden Württemberg, erklärt, warum das mehr als problematisch ist: "Im Krankentransport haben wir durchschnittlich (…) eine Transportzeit von einer Stunde und 26 Minuten." Hochgerechnet wäre der Rettungswagen also in einer normalen 8-Stunden-Schicht über vier Stunden nicht für Notfälle einsatzbereit.

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Das sagt das Deutsche Rote Kreuz

Zu den Fragen, die "Team Wallraff" dem Roten Kreuz über den DRK-Rettungsdienst in Stuttgart stellte, bekamen die Reporter folgende Antwort einer Anwaltskanzlei: "Wir haben unserem Mandanten (…) davon abgeraten, Ihren Fragenkatalog zu beantworten."

Im Podcast: Günter Wallraff glaubt, das war erst der Anfang der DRK-Berichterstattung

Undercover-Recherche in der Notaufnahme

Auch in der Notaufnahme des DRK-Krankenhauses Neuwied recherchierte Reporter Manuel verdeckt als Rettungssanitäter-Praktikant. Warum ein Arzt kritisiert, das Krankenhaus läge "Jahrzehnte hinter den klinischen Standards" zurück, erfahren Sie hier.

„Team Wallraff - Reporter undercover" auf TVNOW

Die ganze neue Folge "Team Wallraff - Reporter undercover" ist nach der TV-Ausstrahlung auf TVNOW und in der TVNOW App verfügbar.