RTL News>Team Wallraff>

„Team Wallraff": Atmosphäre der Angst im Pflegeheim - „Danke, dass Sie mich nicht schimpfen"

Wo bleibt das Mitgefühl?

Atmosphäre der Angst im Pflegeheim: „Danke, dass Sie mich nicht schimpfen"

Fürsorge, Mitgefühl, Empathie – was wir im Pflegeheim erwarten würden, entspricht offenbar nicht immer der Realität. Unsere „Team Wallraff“-Reporterin Carolin trifft bei ihrem Undercover-Einsatz im Seniorenheim Ebnerstraße in Augsburg stattdessen auf einen schroffen Umgangston und genervte Pfleger. Es herrscht teils eine Atmosphäre der Angst. So sehr, dass sich Bewohner sogar bedanken, wenn man „normal“ mit ihnen spricht.

Lese-Tipp: „Team Wallraff" undercover in Pflegeheimen: Das würdelose Geschäft mit alten Menschen

Befehlston und Ungeduld statt Freundlichkeit und Mitgefühl

Deutlich wird der teilweise wenig liebevolle Umgang mit Heimbewohnern, als Undercover-Reporterin Carolin eine alte Dame auf dem Gang vor der Toilette entdeckt. Sie kann sich nicht mehr auf den Beinen halten und versucht verzweifelt, sich an ihrem Rollator hochzuziehen. Weil Carolin sie nicht allein halten kann, holt sie sich Hilfe. Doch die fällt wenig mitfühlend aus. Eine Kollegin erbarmt sich schließlich sichtlich genervt, hat aber wenig aufmunternde Worte für die Bewohnerin übrig: „Komm steh auf! Komm! Steh auf. Komm! So, warum läufst du? Komm! Ach, du lieber Gott, komm!“, heißt es nur. Und: „Hoffentlich werde ich bis um 10 Uhr heute fertig.“

Als die Bewohnerin ihren Urin schließlich nicht mehr halten kann, packt die Pflegerin die alte Dame am Hosenbund und zieht sie über die Gänge bis zu ihrem Bett.

„Ich möchte mir nicht vorstellen, was hätte passieren können, wenn ich gerade nicht daneben gestanden hätte“

Kein Einzelfall, wie unsere verdeckten Aufnahmen zeigen. Als eine Bewohnerin im Seniorenheim Ebnerstraße den Hilfe-Knopf drückt, weil sie es nicht allein ins Bett schafft, reagiert die Pflegerin, die zu Hilfe kommt, ungeduldig und grob. Sie wirft der alten Dame vor, mit der Glocke zu spielen. Auch als die Bewohnerin sich falsch an der Pflegerin festhält, damit sie sie ins Bett legen kann, wird sie wütend: „Komm, nicht auf der Hand – Schulterblatt! Das ist mein Hals! Das ist mein Hals. Unten mich halten, Mensch! Na schau, was sie macht.“

Obwohl die Bewohnerin darum bittet, nicht so grob mit ihr zu sein, wirft die Pflegerin sie schließlich einfach ins Bett – und ihr an den Kopf: „Ne große Gosch [Klappe, Anmerk. d. Red.] hast du.“ Die Hose der Bewohnerin wird noch heruntergerissen und die alte Dame offenbar völlig verängstigt zurückgelassen.

Für Undercover-Reporterin Carolin eine erschreckende Situation: „Ich möchte mir nicht vorstellen, was hätte passieren können, wenn ich gerade nicht daneben gestanden hätte“, sagt sie.

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Zu viel Stress für Mitgefühl?

Warum sind einige Pfleger offenbar so hart und schroff? Sollte jemand, der sich dafür entscheidet, andere Menschen zu pflegen, nicht rücksichtsvoller sein? Stumpft man mit der Zeit ab? Reporterin Carolin vermutet, dass die zu hohe Arbeitsbelastung die Mitarbeiter im Pflegeheim verändert.

Eine Kollegin erzählt ihr im Gespräch: „Ich habe mich auch sehr verändert. Nicht mehr so geduldig und mache nicht mehr so richtig die Arbeit. Weißt du, ich war mehr herzvoller, herzreicher. Was auch ein bisschen Mitleid angeht. Ich bin meistens so wild, wenn ich die pflege. Ich tue denen weh und das meine ich mit Mitleid. Weißt du, beim Umdrehen und das Ganze. Ich passe nicht mehr so auf, wie es sich eigentlich gehört. Ich bin auch schon mal richtig sauer geworden zu einem Bewohner.“

Ist die Zeit zu knapp, die Arbeitsbelastung zu hoch und das Personal zu gering für ausreichend Mitgefühl für die pflegebedürftigen Heimbewohner? Wird an Mitarbeitern gespart, um möglichst viel Geld zu verdienen?

Die Heimleitung des italienischen Betreibers Sereni Orizzonti bestreitet ausdrücklich, dass bewusst an Personal und Gehalt gespart werde, um höheren Profit zu machen. Sie schreiben: Das stimmt absolut nicht”.

Arbeiten bis zur Erschöpfung

Dennoch scheint es so zu sein, dass Mitarbeiter im Pflegeheim bis an ihre Grenzen gehen, sogar mit Burn-out im Krankenhaus landen, wie eine Pflegerin unserer Reporterin erzählt: „Zu viel heben und ständig zwei Stockwerke, drei Stockwerke. Immer einspringen, einspringen. Das macht dich fertig“.

Eine andere erzählt: „Ich arbeite hier viel zu viel und für andere auch. Ich kann auch nicht mehr. Mein Rücken ist auch kaputt.“

Sereni Orizzonti erklärt, dass sie bemüht sind, mit dem Personal die Probleme zu erörtern und Lösungen zu finden.

Niemand sollte Angst davor haben, nach Essen zu fragen

Der teilweise unfreundliche Umgang hinterlässt auch Spuren bei den Heimbewohnern. Während ihres Undercover-Einsatzes wurde „Team Wallraff“-Reporterin Carolin von einer älteren Dame auf dem Flur angesprochen. Sie wirkt ängstlich, dabei hat sie nur eine ganz einfache Frage: „Meinen Sie, krieg ich noch was zu essen? Ich habe vergessen, auf die Uhr zu gucken. Haben Sie noch was?“

Nachdem Carolin ihr versichert, dass das Abendessen gleich komme, bedankt sich die Dame offenbar überrascht davon, dass sie für ihre Frage keinen Ärger bekommt: „Das ist nett von Ihnen, dass Sie mir das mit Ruhe sagen und mich doch nicht schimpfen, weil ich hergekommen bin. [...] Weil ich Sie halt jetzt belästigt habe. [...] Schön von Ihnen, dass Sie so freundlich waren.“

Wie man auf eine solche Frage unfreundlich reagieren kann, ist für unsere Reporterin schwer nachzuvollziehen. Denn: Niemand sollte Angst davor haben, nach Essen zu fragen.

Ein unfreundlicher oder aggressiver Umgangston ist Serini Orizzonti auf Anfrage nicht bekannt. (akr)