17. Juni 2015 - 11:13 Uhr

Wie aus 420 Kunden pro Vermittler nur 150 werden

Im Laufe der Recherchen sprechen die Reporter vom Team Wallraff mit etwa 30 Arbeitsvermittlern. Jeder von ihnen soll einen festen Stamm an Arbeitslosen betreuen. Die heißen auf dem Amt übrigens ganz serviceorientiert "Kunden". Bei Arbeitslosen, die älter als 25 Jahre sind, soll ein Arbeitsvermittler maximal 150 Kunden betreuen. Laut Auswertung der Bundesagentur für Arbeit wird das auch in fast allen Bundesländern eingehalten, zumindest statistisch. Die Undercover-Reporter stellen fest: Die realen Zahlen sehen anders aus.

Geschönte Arbeitslosenzahlen
Das Rechenbeispiel zeigt, wie die Arbeitslosenzahl schöngerechnet wird.

Denn nicht alle Leistungsempfänger werden zu den 'richtigen' Kunden gezählt. Wie dieses System funktioniert und die statistischen Vorgaben damit eingehalten werden, veranschaulicht ein Beispiel: Ein Arbeitsvermittler ist zuständig für 420 Menschen. Doch Mütter in Elternzeit, Teilnehmer in Weiterbildungs-Maßnahmen, kranke Hartz-IV-Empfänger und auch Aufstocker werden für diese Statistik nicht mitgezählt. Der Arbeitsvermittler hat damit nur noch rund 270 Arbeitslose zu beraten. Diese Zahl wird nun für die Berechnung durch alle Jobcenter-Mitarbeiter geteilt, die irgendwie Kontakt zu Kunden haben. Sogar Angestellte aus der Poststelle oder den Sekretariaten! Und so schrumpfen 420 Kunden pro Vermittler in dieser Statistik zu nur noch 150. Vorgabe geschafft.

Die Mitarbeiter vom Jobcenter sprechen Klartext: "Man freut sich über jeden, der nicht kommt" oder "Man kann nicht von Beratung sprechen" sind Aussagen, die offenbar keine Einzelmeinung wiedergeben. Die Jobcenter, so scheint es, verzweifeln an ihrem Auftrag.

Statistik wird schön getrickst

Aus der blanken Not heraus wird auch mit den Maßnahmen getrickst.

Während sie Teilnehmern oft wenig bringen, helfen Maßnahmen den Jobcentern durchaus - nämlich bei der Gestaltung der Arbeitslosenstatistik. Daraus machen die Jobcenter-Mitarbeiter keinen Hehl. "Maßnahmen besetzen" bedeutet vor allem, die Arbeitslosenstatistik klein zu rechnen.

Ein Rechenbeispiel zeigt, wie viele Hartz-IV-Empfänger in der Arbeitslosenstatistik nicht auftauchen: Im Oktober 2014 waren insgesamt 2,7 Millionen Deutsche offiziell arbeitslos, darunter 1,8 Millionen Hartz-IV-Empfänger. Nicht mitgezählt wurden aber 450.000 Bezieher von Arbeitslosengeld II in Maßnahmen. Auch 254.000 Hartz-IV-Empfänger, die sich krank gemeldet hatten, fielen aus dieser Statistik. Durch Sonderregelungen waren 168.000 ältere Menschen keine Arbeitslosen und weitere 294.000 tauchten aus unbekannten Gründen nicht auf. Macht zusammen 1,17 Millionen Hartz-IV-Empfänger, die ohne Arbeit waren, aber eben nicht in der Arbeitslosen-Statistik erfasst waren.

Die sogenannten arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen wie Umschulungen, Kurse, Weiterbildungen für Hartz-IV-Empfänger kosten den Steuerzahler jährlich rund vier Milliarden Euro.