Tagebuch eines Wendekindes

„Wenn sie mich verhaften, rufst Du Oma an!“

9. November 2019 - 11:55 Uhr

von Marco Büttner

Unser Kollege Marco Büttner aus der Berliner Politikredaktion von RTL und n-tv war 14 als er 1992 seine zwei Jahre jüngere Schwester dabei erwischte, wie sie in seinem Tagebuch blätterte. Langweilig fand sie es: "Ist ja fast alles Politik!". Die Illusion ließ er ihr gerne. Sie war beim Lesen zum Glück nicht weit gekommen: Bis zu seinen Einträgen aus der Wendezeit. Für uns blättert er 30 Jahre zurück.

Wer sich mit Anna anlegte, war raus

Marco
Marco Büttner damals und heute.

Klassensprecher nennt man es in einer Demokratie, Gruppenrat hieß es in der DDR. Wer drin war, hatte Macht im Klassenkampf. Wer sich mit Anna anlegte, war raus:

20.12.1988

Der Tag war nicht der Beste: Ich bekam einen Tadel. In meiner Schule (besonders meine Klassenleiterin Frau K.) ist alles sehr ungerecht. Und ich flog aus dem Gruppenrat. Alles kam nur wegen dieser Anna (Name geändert), Freundschaftsratsvorsitzende an unserer Schule. Sie konnte mich nicht leiden. Sie hält sich für etwas ganz Besonderes.

War sie auch: Wenige Monate später war die Vorzeigepionierin Anna Ziel meiner vorpubertären Sehnsüchte - und Absenderin leidenschaftlicher Zeilen auf Zetteln, die durch die Bankreihen an meinen Platz wanderten. Loyalität war in den Köpfen und Herzen von Fünftklässlern ein dehnbarer Begriff.

11.04.1989

Heute habe ich zwei Liebesbriefe bekommen: Von Anna. Von 100 % liebt sie mich zu 80%!

Unser Revier waren wenige Neubau-Blöcke im Umkreis unserer Schule in Berlin-Hellersdorf. Unsere Wohnung eine "Platte": 78 Quadratmeter im Erstbezug, vier Zimmer, 32 Mark Miete.

Geldmangel in Zeiten der Mangelwirtschaft war für meine alleinerziehende und in Vollzeit arbeitende Mutter mit drei Kindern kein Thema. Aber der Mangel an Freiheit: Über Freunde kommt sie im Frühjahr 1989 in oppositionelle Kreise, die sich ab Herbst 1989 dem "Neuen Forum" zurechneten.

Der Elfjährige staunt über ein Fünfmarkstück

ARCHIV - 07.10.1989, DDR, Berlin: Die Ehrentribüne auf der Karl-Marx-Allee während der Militärparade am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin mit dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow (2.v.l.), dem DDR-Staatsratsvorsitzenden und SED-Gen
Die Ehrentribüne auf der Karl-Marx-Allee während der Militärparade am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin mit dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow (2.v.l.) in der ersten Reihe.
© dpa, ZB, hg jat fux

Anfang Oktober reist Gorbatschow zu den 40-Jahr-Feiern seiner so gar nicht Perestroika-begeisterten DDR-Genossen nach Ost-Berlin. Während im Palast der Republik die Staatsspitze anstößt, wird im Prenzlauer Berg die Gethsemane-Kirche zum inoffiziellen Hauptquartier der Bürgerrechtsbewegung in Ost-Berlin. Gottesdienste dienen dort als Vorwand für politische Reden und Debatten im Schutze dicker Backsteinkirchenmauern.

So auch am Abend des 08. Oktober 1989: Auf unserem Weg von der U-Bahn zur Kirche drückt mir meine Mutter ihr Telefonbuch und ein Fünfmarkstück in die Hand: "Wenn ich verhaftet werde, rufst Du Oma an!". Meine Verwunderung galt nicht ihrer absurden Bitte, sondern vielmehr dem Fünfmarkstück: Unfassbar viel Geld für einen Elfjährigen, der nur fünfzig Pfennig Taschengeld pro Woche bekam.

Dann wurde bis zur Kirchentür Schweigen verordnet, da der Bürgersteig von Männern flankiert war, die die inoffizielle Stasi-Uniform trugen: Weiße Turnschuhe, Jeans und beige Windjacken. Die Treppenstufen zum Kirchenportal waren über und über von Kerzen bedeckt. Innen stickiges, halbdunkles Gedränge auf der Empore. Ewig lange, kaum zu verstehende Reden über Lautsprecher.

Einsetzende Müdigkeit bei meinen Schwestern und mir - Zeit nach Hause zu gehen. Vom über der Schönhauser Allee thronenden U-Bahnhof beobachten wir verstört, wie Volkspolizisten von LKW absitzen und die Straßen zur Kirche hin in weißbehelmten Doppelketten abriegeln. Wer in dem Kessel blieb, wurde unter Knüppelschwingen auf dieselben LKW verladen und in Polizeikasernen und Haftanstalten verhört.

Anna wechselt wieder die Seiten

Tagebuch
Ausschnitte aus Marco Büttners Tagebuch.
15.10.1989

Ich habe, seit mich Mutti mit in die Gethsemane-Kirche mitgenommen hat, wo nach dem Gottesdienst, den wir uns nur angesehen haben, es zu einem brutalen Polizeieinsatz gekommen war, einige Probleme mit meiner Klassenlehrerin. Wir bekamen uns in die Haare, weil sie sagte, die Demonstranten seien brutal gegen die Polizei vorgegangen. Aber ich habe ja das Gegenteil erlebt. Sie ist mit mir sogar zum Direktor gegangen.

Mein Tagebuch liest sich ab jetzt wie ein naiver Krisenticker: Berichte über Demonstrationen in Berlin, Leipzig, Dresden. Zahlen zu Verletzten, Gerüchte über Tote:

+++ Das Ausreiseproblem hat sich zugespitzt: Schon 55.000 Menschen haben die DDR verlassen +++ Bei Demonstrationen in Dresden sind Tausende verletzt worden, ein Toter ist zu beklagen +++ In Leipzig "nur" Verletzte +++ Heute gab es in Berlin und Dresden wieder Demonstrationen: 50.000 Menschen zündeten Kerzen an und stellten sie um das Polizeigebäude in Dresden +++ In Berlin bildeten 30.000 Menschen eine Kette vom Alex bis zum Palast der Republik +++ Heute im ZDF eine Sendung über die Grenzbefestigung zwischen BRD und DDR: Sie zeigten wie Minen verlegt wurden, an Stahlzäunen SMV70 (Maschinenpistolen, selbstschießend) demontiert wurden +++

Der Schulbesuch wird zum wochenlangen Spießrutenlauf, meine Mutter wird mehrfach in die Schule zitiert.

Dann wechselte Anna wieder die Seiten:

21.10.1989

Anna hat behauptet, ich wäre ein Staatsfeind. Übermorgen in der Schule werde ich sie fragen, was ich gemacht habe, mich Staatsfeind zu nennen. Auch haben wir einen neuen Generalsekretär des ZK der SED. Egon Krenz heißt er. Honecker ist aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten. Ich finde, Egon Krenz ist so ne Tüte wie die ganze SED. Er redet, redet, redet nur von Reformen, ändern tut sich nichts.

Wellensittich Hansi und der erste Döner

ARCHIV - ILLUSTRATION - Ein Döner Kebap liegt am 29.06.2011 in einer Imbissbude in der Innenstadt in Stuttgart. Vor dem Verwaltungsbericht Augsburg (Bayern) wird am 06.12.2017 das Urteil im Streit um einen nächtlichen Dönerverkauf erwartet. Die Stadt
Der Geruch der Freiheit kann auch der von Knoblauchsauce auf einem leckeren Döner sein.
© dpa, Söhnke Callsen, bl

Plötzlich ging alles ganz schnell: Nachdem wir Geschwister ewig gebettelt hatten, bekamen wir am 08. November endlich einen neuen Wellensittich: Hansi. Auf seinen sehr zahmen Vorgänger Kuki war meine Schwester ein halbes Jahr zuvor versehentlich draufgetreten.

Die Nachricht des Mauerfalls erreichte mich am Morgen des 10. November am Frühstückstisch. Mein Tagebucheintrag ist erstaunlich nüchtern gehalten für ein Kind, dass sich nicht vorstellen konnte, dass Ost-Berliner Tauben am Alexanderplatz auch nach West-Berlin fliegen können - und eigentlich West-Tauben sein könnten, wenn sie dort geschlüpft sind. Ich war manchmal ein komischer Vogel.

Ohne Datum/ etwa November 1989:

Die Grenzen sind offen! Ich war auch schon drüben in West-Berlin, habe aber noch nichts gekauft. Wo ich das erst Mal drüben war, bin ich Invalidenstraße hingegangen und Bornholmer wieder zurück. Wir waren in Kreuzberg und Moabit. Und im Aquarium. In Moabit habe ich das erste Mal einen Döner gegessen. Das hat vielleicht geschmeckt.

Der Geruch der Freiheit kann auch der von Knoblauchsauce sein.