Reise ins Risikogebiet

Stornokosten trotz Reisewarnung: Was tun, wenn Veranstalter sich querstellen?

Wie bekommt man sein Storno-Geld für die abgesagte Reise ins Corona-Risikogebiet zurück?
© iStockphoto, baona

05. Februar 2021 - 16:12 Uhr

Immer wieder erreichen die RTL-Urlaubsretter Hilferufe

Von überraschenden Zahlungsaufforderungen bis hin zu Inkassoverfahren – manche Reiseveranstalter setzen ihre Kunden stark unter Druck, wenn diese ihre Reise ins Risikogebiet kostenlos stornieren möchten. Und das scheint nicht selten zu passieren, denn immer wieder erreichen uns Hilferufe von verzweifelten Urlaubern, die um ihr Geld kämpfen müssen. Wir setzen uns für sie ein, stellen die Veranstalter zur Rede und geben wichtige Tipps, wie Sie das Corona-Storno-Wirrwarr bei Ihrer Buchung vermeiden können.

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Trotz Reisewarnung: Veranstalter beharrt auf Zahlung von Stornokosten

Anlässlich ihres 52. Hochzeitstags buchen Klaus und Helgrit Winter aus Bad Schwartau bereits ein Jahr im Voraus einen dreiwöchigen Urlaub auf Fuerteventura. Fast den ganzen Februar 2021 will das Paar auf der Insel verbringen. Doch dann kommt die Reisewarnung der Bundesregierung und des Auswärtigen Amts für die Kanaren: "Die Vernunft, unsere Gesundheit und die Warnungen vor dem Verreisen, haben uns dazu bewogen, die Reise zu stornieren", berichtet Klaus Winter in einer Videobotschaft an die RTL-Urlaubsretter.

X-Reisen angeblich nicht kostenlos stornierbar

Ehepaar auf Couch
Das sind die Eheleute Winter in ihrer Videobotscjaft an die Urlaubsretter
© RTL

Ihren Veranstalter BigXtra bitten die beiden Rentner sechs Wochen vor Reiseantritt um Umbuchung oder die kostenlose Stornierung ihrer Reise. Mit der Begründung, noch bestünden "an einer ordnungsgemäßen Leistungserbringung keinerlei Zweifel für ihren Vorgang", verweigert der Veranstalter dem Paar die kostenfreie Stornierung. Auch weist der Veranstalter darauf hin, dass sie bei solchen X-Reisen bereits Kosten für Flugpartner hätten, welche entrichtet werden müssten, weshalb "eine Umbuchung oder sonstige Kulanzregelung für gewöhnlich ausgeschlossen sind", so der Veranstalter. Unter Vorbehalt überweisen die Winters die Stornokosten von 1237 Euro, 40 % des Reisepreises, da sie vermeiden wollen, dass diese weiter steigen. Auf die Forderung, diese Kosten zu erstatten, wurden sie vom Veranstalter nur vertröstet.

Inkassoverfahren statt Kostenerstattung

Inkasso
Wenn im eigenen Briefkasten das Schreiben eines Inkasobüros landet, ist das erstmal ein Schock.
© deutsche presse agentur

Für eine befreundete Familie buchen Lara und Dancan Münstermann eine Reise für Ende September 2020 nach Mallorca. Doch dann wird Mitte August die Reisewarnung für die Balearen-Insel ausgesprochen. Das Paar aus Hannover verlangt Anfang September eine kostenfreie Stornierung. Dem kommt der Veranstalter LMX aber nicht nach. Stattdessen erleben die Münstermanns eine unschöne Überraschung: "Wir bekommen nicht die Anzahlung zurück, sondern der Reiseveranstalter arbeitet jetzt mit einem Inkassobüro und möchte den kompletten Stornierungsbetrag zurückhaben", erklärt Dancan in seiner Videobotschaft an die Urlaubsretter. "Und das von einer Familie, die zwei Risikopatienten beinhaltet und in der der Familienvater wegen Quarantäne zwei Wochen kein Gehalt bekäme!" Bisher hat die Familie die geforderten 1360 € noch nicht an LMX gezahlt und hofft, mithilfe der Urlaubsretter beim Veranstalter Gehör zu bekommen.

Wegen hoher Stornokosten Reise angetreten – mit schlimmen Folgen

Katrin und Mario Dimer aus der Nähe von Rostock buchen Ende 2019 ihren Türkeiurlaub für den September 2020. Aufgrund der Einstufung der Türkei als Risikogebiet und weil dem Paar eine Ansteckung zu riskant ist, stellt es beim Veranstalter FTI eine Anfrage auf Umbuchung oder kostenlose Stornierung. Auch hier teilt FTI mit, dies sei bei einer X-Reise nicht möglich – es sei denn, das Paar würde für die Stornokosten selbst aufkommen. Mario und Katrin zögern. Sie hoffen, dass es noch zu einer Reisewarnung kommt. Währenddessen steigen die Stornogebühren. Kurz vor Reiseantritt liegen "die aber mittlerweile schon bei 90 Prozent, also über 2500 €. Da war uns die Summe einfach zu hoch", erinnert sich Katrin Dimer in ihrer Videobotschaft an die RTL-Urlaubsretter. "Und somit haben wir uns entschieden - wenn auch mit einem unguten Gefühl - die Reise doch anzutreten."

Paar infiziert sich im Urlaub mit Corona

Frau und Mann auf Couch
Das sind die Dimers in ihrer Videobotschaft an RTL.
© RTL

Zwei Tage vor Abreise aus ihrem Urlaubsort in der Türkei muss das Paar einen verpflichtenden Corona-Test absolvieren. Dann der Schock: Der Test fällt bei beiden positiv aus! Eine Woche müssen sie in Isolation in einem 17 qm großen Zimmer verbringen. "Nach sieben Tagen wurde dann der zweite Test gemacht. Dabei wurde ich negativ getestet, aber mein Mann war immer noch positiv", erinnert sich Katrin Dimer. "Das bedeutete, dass ich sofort nach Deutschland fliegen und meinen Mann dort alleine lassen musste." Mehr und mehr entpuppt sich die Reise für die Dimers als psychische - und durch die entstandenen Mehrkosten von 710 € auch als finanzielle - Belastung. Von der Reiseleitung fühlt sich das Paar dabei allein gelassen. Auch die Kosten für des umgebuchten Fluges für Mario Dimer muss das Paar alleine tragen. Ihre Versuche, wenigstens die Mehrkosten erstattet zu bekommen, bleiben zunächst erfolglos.

Wir haken bei den Reiseveranstaltern nach

Im Fall der Münstermanns kommt es nun zum schnellen Einlenken von LMX. Der Veranstalter erklärt, das Inkassoverfahren sei bereits gestoppt worden. Die Vorauszahlung von rund 750 Euro soll jetzt auf das Konto der Münstermanns zurück überwiesen werden.

Der Fall Dimer wird derzeit von FTI noch geprüft, mit der Begründung, "dass solche Fälle auch für die Versicherung neu und in der Bearbeitung komplex sind", da es sich im Fall der Dimers um Schadensersatz und nicht um Reklamation handele.

Im Falle der Winters erklärt BigXtra, zum Stornozeitpunkt des Ehepaars sei noch nicht absehbar gewesen, wie sich die Situation auf den Kanaren entwickelt: "Da uns unsere Gäste am Herzen jedoch liegen und die Abreise in nur wenigen Tagen erfolgt, Fuerteventura auch weiterhin mit einer Reisewarnung belegt ist, bieten wir nach eingehender Rücksprache mit dem Kundencenter unseren Gästen einmalig aus Kulanz und ohne Anerkennung einer Rechtspflicht an, die eigentlichen Kosten beim Leistungsträger kostenfrei zu stornieren", schreibt der Veranstalter. Das Ehepaar Winter erhält seine Vorauszahlungen jetzt also zurück.

Tipps von Experten: Reise ins Risikogebiet stornieren – das sollten Sie beachten

Was Urlauber uns hier berichten, das sind durchaus keine Einzelfälle. Es empfiehlt sich daher, erst einmal misstrauisch zu sein, wenn der Veranstalter überraschend Stornokosten für Reisen in Risikogebiete, mit Reisewarnung in Rechnung stellt. "Holen Sie sich in solchen Fällen Beratung über die Verbraucherzentrale oder einen Rechtsanwalt und lassen Sie sich nicht unter Druck setzen", rät RTL-Reiseexperte Ralf Benkö. Außerdem empfiehlt es sich, Pauschalreisen mit einer Flex-Option zu buchen, die immer mehr Reiseveranstalter mittlerweile anbieten. "So kann man sich für Reisen in der Krise vertraglich eine Hintertür offenhalten", sagt Benkö.

Aber ob mit oder ohne Flex- oder kostenloser Stornierungsoption – sobald es für den Zielort eine Reisewarnung oder eine Einstufung als Risikogebiet gibt, müsste ein kostenfreier Rücktritt vom Reisevertrag per Gesetz normalerweise möglich sein, nach BGB §651h Absatz 3 und 5.

Hierbei kommt es darauf an, ob es am Urlaubsort zu unvermeidbaren, außergewöhnlichen Umständen kommt, die eine Reise erheblich beeinträchtigen. Dann müsste Urlaubern die kostenfreie Stornierung gestattet werden, bestätigt uns Paul Degott, Fachanwalt für Reiserecht: "Mit Reisewarnung im Rücken ist mit Stornorechnung überhaupt nichts. Also was soll man denn als Reisender sonst noch an wichtigen Informationen zusammentragen?"

Wichtig hierbei sei nur, dass der Urlauber die Forderung auf kostenlose Stornierung gut begründen kann. Was Sie dabei unbedingt beachten und wie vorgehen sollten, erklärt Paul Degott hier.

Weitere und ausführliche Tipps von Ralf Benkö zu Situationen wie diesen, finden Sie hier.