RTL News>Gesundheit>

Spritze zur Vorbeugung: Endlich Hilfe für Migräne-Patienten?

Spritze zur Vorbeugung: Endlich Hilfe für Migräne-Patienten?

Spritze soll Migräneattacken vorbeugen

Es könnte der Durchbruch in der Migräneforschung sein – und eine gute Nachricht für die 8 Millionen Patienten in Deutschland: Erstmals ist es nämlich gelungen, ein Medikament gegen Migräne zu entwickeln, das in die Entstehungsmechanismen der Migräneattacken eingreift und nicht nur die entstehenden Symptome behandelt. Ab 2018 kommt die 'Spritze gegen Migräne' auf den Markt.

Neue Therapie gegen Migräne

Bislang gab es vor allem für Menschen mit chronischer Migräne kaum Hilfe. Eine von ihnen ist Dagmar Gebauer. Die 61-jährige Kinderkrankenschwester leidet an starken Migräneanfällen – bis zu zehn Mal im Monat. Letztes Jahr nahm die Berlinerin an einer Studie teil und bekam monatlich eine Spritze, die gegen die unerträglichen Kopfschmerzen vorbeugen soll. Dagmars Erfahrungen mit dem Medikament, wann es in Deutschland erhältlich sein wird und ob die Krankenkasse die Kosten übernehmen wird, erfahren Sie im Video.

Im 'New England Journal of Medicine' wurden im November 2017 bereits zwei Studien vorgestellt, die Hoffnung machen. Es handelt sich dabei um eine internationale Studie von Kopfschmerzzentren. Zum einen wurde die chronische Migräne betrachtet, zum anderen die nur in Episoden auftretende Migräne. Die neue Antikörpertherapie hat ein bestimmtes Molekül im Blick, das eine Schlüsselrolle für Entzündungen und Schmerz während einer Migräneattacke spielt.

So schlimm ist Migräne wirklich Mehr als fiese Kopfschmerzen
03:01 min
Mehr als fiese Kopfschmerzen
So schlimm ist Migräne wirklich

30 weitere Videos

So entsteht eine Migräne-Attacke

Um die Wirkung dieser neuen Therapie zu verstehen, muss man sich zunächst anschauen, wie eine Migräne-Attacke entsteht:

  • Migräne ist genetisch bedingt, das ist inzwischen wissenschaftlich gesichert
  • Migränepatienten haben spezielle Gene mit Genvarianten, die die Reizübertragung, Reizempfindlichkeit und Reizverarbeitung steuern
  • Diese Genvarianten regulieren die Energieversorgung von Nervenzellen und die Regulation der Arterienwände

Durch diese Besonderheiten nehmen Migränepatienten Reize sehr intensiv wahr. Bei wiederholt auftretenden Reizen gewöhnen sich Migränepatienten nicht daran, sondern nehmen sie sehr differenziert wahr.

"Folge ist, dass Migränepatienten bildlich gesprochen den Wasserhahn schon drei Zimmer weiter tropfen hören. Sie haben schon Antworten auf Fragen, die noch gar keiner gestellt hat. Sie färben Gedanken und Wahrnehmungen viel intensiver mit Emotionen. Sie nehmen Veränderungen in der Umwelt sehr schnell wahr, hängt zum Beispiel ein Bild schief an der Wand, bemerken sie dies sofort und verspüren den Impuls, dieses geradezurichten", sagte Prof. Dr. Hartmut Göbel RTL. Er war mit seinem Kopfschmerzzentrum in Kiel an der Studie beteiligt.

Und hier setzt die neue Therapie an: Mit speziellen Antikörpern gegen Botenstoffe können die Entzündungsstoffe für ein paar Wochen gestoppt werden, dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit für einen Migräneanfall.

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Mit den neuen Wirkstoffen konnte die Anzahl der Migräne-Tage reduziert werden

Migräne
Migräne schränkt das Leben der Betroffenen stark ein
Getty Images/iStockphoto, Wavebreakmedia

Es wurden zwei neue Wirkstoffe getestet und bei beiden konnte die Anzahl der Kopfschmerztage gesenkt werden:

  • Fremazumab wurde Patienten mit chronischer Migräne injiziert
  • Erenumab bekamen Betroffene mit episodischer Migräne (Menschen, die zwar regelmäßig, aber an weniger als 15 Tagen an Attacken leiden)

Bei 41 Prozent der an chronischer Migräne leidenden Patienten wirkte die Spritze – sie konnten die Anzahl der Schmerztage mindestens halbieren, die Teilnehmer der Studie mit episodischer Migräne konnten ebenfalls ihre Schmerztage reduzieren, allerdings nur bei höchster Dosis. Der Vorteil der neuen Medikamente im Vergleich zu bekannten Migränemitteln wie Triptanen und Co.: Bisher sind keine Nebenwirkungen im Zentralnervensystem aufgetreten.

Mediziner wie Hartmut Göbel blicken positiv in die Zukunft, aber nicht euphorisch. Die Spritze sei ein "Meilenstein in der Migräneforschung, ähnlich wie die Entdeckung von Aspirin als erstes Schmerzmittel vor 120 Jahren oder die Entdeckung der Triptane als Akutmedikation", sagte Göbel. "Patienten erwarten gerne, dass sie einen Wirkstoff bekommen und dass sie dann so leben können wie sie wollen.“ Das leiste der neue Wirkstoff nicht, nach wie vor dürften Patienten die wichtigsten vorbeugenden Maßnahmen, um eine Migräne zu verhindern , nicht vernachlässigen: Migräne-Patienten sollten versuchen, alles zu meiden, das zu schnell ist und das reizüberflutend und impulsiv auf sie wirkt.