Als die Werra noch eine Grenze war

So erlebte das hessische Städtchen Wanfried den Mauerfall

09. November 2021 - 16:59 Uhr

Eine Grenze zwischen Hessen und Thüringen

Wildfremde Menschen feiern, fallen sich in die Arme und sind endlich wiedervereint. Diese Bilder haben viele im Kopf, wenn sie an den Mauerfall am 9. November 1989 zurückdenken, der Ost- und Westdeutschland endlich wiedervereinte. Doch diese Bilder gab es nicht nur in der ehemals geteilten Berlin, sondern auch in Hessen. Denn bis zum Mauerfall trennte der Fluss Werra Hessen und Thüringen voneinander. 32 Jahre ist das nun her – doch was hat sich in den ehemaligen Grenzstädten getan? Unsere Reporterin hat sich im hessischen Wanfried und im thüringischen Treffurt auf Spurensuche begeben – mehr im Video.

Mit Blick auf das eingesperrte Leben

Wilhelm Gebhard ist heute Bürgermeister der hessischen Stadt Wanfried. Mittlerweile ist die Werra für ihn einfach nur ein Fluss, als Kind war sie jedoch eine Grenze. Dass die Menschen auf der anderen Seite der Werra ein eingesperrtes Leben führten, ist für ihn immer noch unwirklich. An dem Tag, an dem die Mauer fiel, erinnert er sich immer noch. Damals war er 13 Jahre alt.

"Dann plötzlich zu erleben, dass die Grenze aufgeht, dass die Tore aufgehen und die Menschen sich in den Armen lagen, wildfremde Menschen sich einfach in die Arme gefallen sind.
Und dass sich dann wiederum Verwandtschaftsverhältnisse erstmals seit vielen Jahrzehnten wieder gesehen haben, hier direkt in diesem innerdeutschen Grenzbereich, das war ein ganz bewegender Moment für mich", so Wanfrieds Bürgermeister. Acht Kilometer entfernt von Wanfried liegt das thüringische Treffurt. Dass dieses Städtchen einmal Teil der ehemaligen DDR war, ist nur noch in vereinzelten Ecken zu erkennen. Das haben sie einer sogenannten Städtebauförderung zu verdanken.

Zwischen Aufbau und Verlusten

Die Wiedervereinigung sorgte für einen Aufschwung in Wanfried. Grund dafür war die sogenannten Zonenrandförderung. "Das war eine spezielle Förderung für ortsansässige Unternehmen oder für die Unternehmen, die sich im Zonenrandgebiet ansiedeln wollten. Die hatten davon natürlich einen Vorteil und eine stärkere Förderung", so Bürgermeister Gebhard. Das Problem: Die Förderung wurde 1993 ersatzlos gestrichen. Für Wanfried bedeutete das einen Bevölkerungsrückgang und der Verlust von Arbeitsplätzen. Da blickte der ein oder andere schon neidisch auf die andere Seite nach Thüringen. Laut einer Phrase werde mit den Fördergelder im Osten "Goldene Straßen" gebaut. In Wirklichkeit wurden marode Straßen und Abwasserkanäle saniert.

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Wanfried floriert wieder

Aber dank Lokal-Patrioten wie Wilhelm Gebhard hat sich Warnfried wieder aufgerappelt und ist mittlerweile ein touristischer Hotspot. "Ich hab immer gesagt: Leute, wir dürfen nicht mehr auf die Hilfe von außen warten, wir können auch nicht den Kopf in den Sand stecken und hoffen, irgendwann wird das Füllhorn wieder über uns ausgeschüttet." Mit dem Bürgermeister von Treffurt, Michael Reinz, verbindet Wilhelm Gebhard nicht nur ein freundschaftliches Verhältnis. Die beiden arbeiten auch in Tourismus-Angelegenheiten eng zusammen – ganz ohne Grenzen. (api/dgö)