50-jähriges Malle-Jubiläum

Schon gewusst? Wegen dieser Thekentruppe heißt der Ballermann wohl Ballermann

Auch nach 50 Jahren feiern die Erfinder des "Ballermann" noch wie beim ersten Mal.
Auch nach 50 Jahren feiern die Erfinder des "Ballermann" noch wie beim ersten Mal.
Ingo Wohlfeil

von Ingo Wohlfeil

Vor genau 50 Jahren reiste im September erstmals eine Kölner Thekentruppe nach Arenal. Dort soffen sich die Mitglieder an einer Strandbude namens Balneario 6 fest, aber weil sie meist zu besoffen waren, um den Namen auszusprechen, tauften sie die Bude kurzerhand um in Ballermann 6. Der Rest ist Legende. Dieses Jahr kommen sie zum 50. Mal an den Ort den sie geprägt haben, um Geburtstag zu feiern. Übrigens jedes Jahr im gleichen Hotel.

Partyhochburg Mallorca? Aus der Not geboren

Die Situation ist ihnen im Nachhinein peinlich. So peinlich, dass sie sich auch nach über 50 Jahren weigern, darüber zu reden. Anfang der 1970er zerlegte die Kölner Thekentruppe FC Merowinger ein Ausflugslokal in Aßmannshausen am Rhein. Es muss schlimm gewesen sein. Der Bürgermeister erklärte die Rüpel aus der Kölner Südstadt kurzerhand zu unerwünschten Personen. Eine Alternative der Mannschafts-Freizeitgestaltung musste her und die fand das damals 26 Jährige Vereinsmitglied Werner Dive in einem Neckermann-Katalog: Mallorca!

Viel billiger als das Rheinland. Und wärmer. So bestiegen ein Dutzend Kölner Männer im September 1972 eine Maschine der berüchtigten spanischen Airline Spantax und rumpelten auf die Balearen. „Never Comeback Airline“ nennt Dive die längst vergessene Fluggesellschaft. Im Handgepäck: Kölsch-Fässchen, Tuppertöpfe voller Gulaschsuppe und Karnevalskostüme. „Überall wo der Kölner ist, will er auch feiern“, sagt Dive. Eine der ersten Aktionen auf Mallorca: Aus lauter Übermut versenken sie ein Motorboot. Doch etwas ist anders als zu Hause. Hier kann die Angelegenheit mit Peseten geregelt werden.„Das hat ja alles nichts gekostet.“

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Optisch haben sie sich in den letzten 50 Jahren verändert, doch die Feierlaune ist geblieben.
Optisch haben sie sich in den letzten 50 Jahren verändert, die Feierlaune ist geblieben.
Privat

Balneario? Ballermann!

Ohne die Anekdote der Wirtshausschlägerei in Aßmannshausen wäre die Geschichte Mallorcas vielleicht anders verlaufen. Denn die Merowinger waren prägend, schließlich lässt sich auf sie der Name Ballermann zurückführen. Dive, heute Ehrenpräsident des FC, behauptet sogar höchstpersönlich, sich den Ballermann als Wort ausgedacht zu haben, weil die sprachlichen Hürden zu hoch waren, er konnte sich Balneario im trunkenen Kopf einfach nicht merken. Noch heute spricht er es falsch aus. Balnearios heißen die kleinen Strandbuden an der Playa de Palma.

Der FC Merowinger wurde 1962 in der Kölner Südstadt gegründet. Die damaligen Mitglieder waren einfache Arbeiter, ehemalige Wehrmachtssoldaten, Menschen aus dem Milieu. Männer, bei denen Muskelkraft wichtiger war als feines Benehmen. Berüchtigt waren sie im einstigen Kölner Arbeiterviertel, als Kerle die erst hinlangten und dann Fragen stellten. Auch im Fußball sollen sie gefürchtet gewesen sein, so klingt es zumindest, wenn man ihren Anekdoten lauscht. Ihre weiteren Spezialitäten: Feiern und Trinken. Das konnten sie damals schon ganz gut in Köln/Aßmannshausen/Arenal und das können die Merowinger auch heute noch, wie sie im September 2022 beweisen.

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Da stehen sie nun am Strand, knapp zwei Dutzend Männer im Alter zwischen 45 und 81, an der unaussprechlichen Hütte namens Balneario 3. In den Händen Bierflaschen. „Wir sind Wochenend-Trinker“, sagt Dive.

Auf einigen der Wohlstandsbäuche prangen imposante Tätowierungen. Der Kölner Dom, der Geißbock, das Maskottchen des 1. FC Köln, dessen Wappen dieser Tage nicht nur auf Bierbäuchen zu bewundern ist. Überall am mallorquinischen Strand wehen in diesen Septembertagen Fahnen der verschieden Deutschen Fußballvereine von Rhein und Ruhr. Bochum, Wattenscheid, Mönchengladbach, Schalke, Düsseldorf. Und ganz dominant und allgegenwärtig: rot-weiße Fahnen des FC Kölle. Die Merowinger haben eines der größten Banner mitgebracht. Den alten Herren macht es sichtlich Mühe, den acht Meter hohen Fahnenmast im Sand zu stabilisieren. Doch irgendwann flattert die vier Meter breite Fahne im Wind. „FC Merowinger Colonia“ weht über der Playa. Sie sind wieder da, wie jedes Jahr.

Bis vor ein paar Jahren waren die Fahnentätigkeiten der Merowinger um einiges komplizierter. Sie behängten damit ihr gesamtes Hotel, so dass jeder schon aus der Ferne sah, wer der neue Herr im „Dunas Blancas“ ist. Von Anfang an kehrten die Kölner in dieser Herberge in El Arenal ein. Auch heute noch, obwohl sie ihre Flaggen nicht mehr an die Fassade hängen dürfen, das wollen die neuen Besitzer nicht. Auch die gerahmten Fotos und das Wappen der Merowinger sind aus dem Bar Bereich entfernt worden. Das einstmals familiengeführte Unternehmen gehört mittlerweile einer großen mallorquinischen Hotelkette, die so ihre Probleme hat mit Deutschem Brauchtum und Traditionspflege.

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Mit ein bisschen Mühe wird für alle sichtbar: Hier feiern die Kölner ihren Karneval in der Sonne.
Mit ein bisschen Mühe wird für alle sichtbar: Hier feiern die Kölner ihren Karneval in der Sonne.
Ingo Wohlfeil

Die Merowinger feiern das 50. Ballermann-Jubiläum

Deshalb musste auch erstmalig die Karnevalsfeier der Merowinger verlegt werden. Zu verstörend soll die Veranstaltung auf perplexe Hotelgäste gewirkt haben. Also raus aus dem Saal des Dunas Blancas, rein ins Restaurant „Münchener Kindl“, zwei Kilometer entfernt.

Am „Karnevals-Mittwoch“ ist es um 11.11 Uhr prall gefüllt mit Jecken und Narren. Freunde und Bekannte aus 50 Jahren Ballermann. Dann marschieren die verkleideten Merowinger zur Karnevalsmusik ein. Vorneweg Ehrenpräsident Dive, der bis über die geröteten Wangen strahlt. Er trägt das Jackett eines farbenblinden Zirkusdirektors. Während er auf die Bühne steigt, winkt er seinem Volke zu. Seinen Ballermännern. Werner klatscht, singt und schüttelt Hände. Er ist so etwas wie der Popstar der Merowinger geworden. In diesem Jahr, zum 50. Ballermann-Geburtstag, hat er viele Interviews geben müssen, die man untertiteln musste. Er ist halt kölsch durch und durch. Und auch der Klebstoff, der die Merowinger seit Ewigkeiten zusammenhält. „Wenn es Werner nicht gäbe, dann gäbe es das alles längst nicht mehr“, hört man von vielen, die es wissen müssen. Die Merowinger eint der stolz, etwas gemeinsam geschaffen und geprägt zu haben, auch wenn es eigentlich nur der Name für eine Bretterbude war, an der man günstig saufen konnte; Ballermann 6.

Beim Karneval der Merowinger gibt es Gulaschsupppe, es darf geraucht werden (geschlossene Gesellschaft), das Kölsch fließt wie beim Flatrate-Saufen auf Abifahrt in Lloret de Mar. Es ist alles wie immer am Ballermann. Und vielleicht ist Verlässlichkeit in Zeiten wie diesen einfach mal eine beruhigende Nachricht.

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