Aussortieren im Kinderzimmer

Schluss mit Überfluss-Frust: Wir machen jetzt Spielzeug-Detox!

© Sebastian Priggemeier/RTL.de

29. April 2019 - 10:18 Uhr

von Sebastian Priggemeier

277. Bisher hatte ich absolut keine Verbindung zu dieser Zahl, aber jetzt geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Denn sie steht für einen dicken Papa-Patzer. Zumindest fühlt es sich so an. 277 Spielzeuge liegen im Kinderzimmer meiner Tochter Lene (4) herum. Ich habe sie von Hand gezählt, nachdem ich von einer englischen Studie gehört hatte, laut der in jedem Kinderzimmer durchschnittlich 238 Spielzeuge liegen. Höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen – Zeit für Spielzeug-Detox! Das empfehlen sowohl Psychologen als auch Pädagogen. Denn der Überfluss im Kinderzimmer kann die geistige Entwicklung der Kleinen stören.

„In einem übervollen Kinderzimmer ruft quasi ständig irgendetwas ‚Mach‘ was mit mir‘“

Professor Dr. André Frank Zimpel von der Universität Hamburg ist beides – studierter Psychologe und Pädagoge. Und Autor. Sein Buch "Spielen macht schlau!" ist 2014 im Gräfe-und-Unzer-Verlag erschienen. Das Qual-der-Wahl-Problem fasst er so zusammen: "In einem übervollen Kinderzimmer ruft quasi ständig irgendetwas 'Mach' was mit mir'", sagt Zimpel. Entspanntes Spielen ohne Unterbrechungen sei so kaum möglich – die Kleinen kämen einfach nicht in "den Flow", wie Zimpel es  ausdrückt. Aber dieser tiefenentspannte Glückszustand sei für die Entwicklung des Gehirns und der Konzentrationsfähigkeit extrem wichtig. "Acht Stunden Flow pro Tag braucht das Kindergehirn."

Na, welches Spielzeug soll es denn heute sein? Die Qual der Wahl überfordert Kinder, sagen Forscher. Wir wollen jetzt regelmäßig Kram aussortieren, damit unsere Tochter wieder öfter in den Spiel-Flow kommt.
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Bei uns zuhause herrscht eher Frust statt Flow. Das Kinderzimmer sieht phasenweise aus, als hätten Einbrecher gewütet. Ein wildes Wimmelbild aus Spielsachen, Kleinkram und Prinzessinnenkostümen. Alles am Boden, genau wie die Stimmung. In vier Jahren Kinderbespaßung sammelt sich einfach auch eine Menge an.

Der Fluss an Killefitt-Konsumgütern endet ja nie: Geburtstage, Weihnachten, Ostern – Geschenke ohne Ende. Und Papa bringt ständig Kleinigkeiten als "Überraschung" mit. Ich bekenne mich schuldig. Habe ich der Kleinen damit geschadet? Ich wollte ihr doch nur eine Freude machen.

„Meistens sind Kinder nur kurz irritiert, wenn das Spielzeug weg ist"

Und wie biege ich das Ganze jetzt wieder gerade? Der Spielforscher Professor Dr. Jens Junge aus Berlin rät im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" zu einem radikalen Schnitt: Einen Großteil des Spielzeugs im Keller deponieren und nur sieben Spielsachen im Kinderzimmer behalten. Alle paar Wochen werden die sieben Spielzeuge dann durch sieben andere aus dem Kellerdepot ersetzt, um dem Kind Abwechslung zu bieten.

Ein Modell für uns? Klingt krass. Auch ein bisschen willkürlich. Warum ausgerechnet sieben Spielzeuge? Und machen wir uns nichts vor: Das Kind wird durchdrehen. Ob das den Flow bringt?

Im Video: Das passiert, wenn Kitas Puppe, Teddybär & Co. wegpacken

Professor Zimpel ist zuversichtlich: "Meistens sind Kinder nur kurz irritiert, wenn das Spielzeug weg ist. Wir haben mit spielzeugfreien Tagen gute Erfahrungen in Kitas gemacht." Wie das abläuft, zeigen wir Ihnen im Video. Zimpel empfiehlt eine abgewandelte Form des Entzugs – schließlich sollten Kinderzimmer nicht trostlos aussehen, sondern die Phantasie anregen. "Phantasie ist das Wichtigste", sagt der Psychologe. Wird sie nicht gekitzelt, droht Entwicklungsrückstand.

So funktioniert Spielzeug-Detox

Professor Dr. André Frank Zimpel von der Universität Hamburg weiß, dass Eltern in Sachen Spielzeug eher auf Klasse statt auf Masse setzen sollten.
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Was tun? Kräftig aussortieren – und den Nachwuchs mit einbeziehen. "Kinder sind große Moralisten, nutzen Sie das. Etwa mit einem Rollenspiel, gerne auch mit Superhelden-Verkleidungen", rät Zimpel. Im Alter von vier bis fünf Jahren sind die Kleinen gerne Helfer. "Also sortieren Sie Spielzeug aus und verschenken Sie es an andere, jüngere Kinder." Dadurch ergibt sich eine Win-Win-Situation: Einige Spielzeuge sind weg und die Kinder fühlen sich großartig dabei, weil sie etwas Gutes getan haben.

Perfektes Spielzeug muss übrigens nicht perfekt oder teuer sein – im Gegenteil. Bausteine oder Bälle regen die Phantasie oft mehr an als eine glitzernde Barbie-Puppe mit drei Outfits.

Kinder machen aus wenig viel. Und ich mache jetzt aus viel wenig. Mal sehen, was am Ende von der Horrorzahl 277 übrig bleibt.