Kommt nun Löw als Retter?

Der brutale Absturz von Real Madrid

Er mag nicht mehr: Zinedine Zidane.
Er mag nicht mehr: Zinedine Zidane.
© imago images/Cordon Press/Miguelez Sports, TQUIFES via www.imago-images.de, www.imago-images.de

28. Mai 2021 - 9:39 Uhr

Von Tobias Nordmann

Nein, eine große Überraschung war es nicht mehr. Als Real Madrid mitteilte, dass Zinedine Zidane seinen Rücktritt als Trainer eingereicht hatte, war das nur noch die Bestätigung eines offenes Geheimnisses - und der nächste Schritt in eine ungewisse Zukunft des Clubs.

Zidane schweigt zu seinen Gründen

Bitte nicht wundern, das ist kein Scherz: Womöglich wird Joachim Löw ja neuer Trainer von Real Madrid. Sagen wir mal so: das heißeste Gerücht ist das nicht, aber doch viel mehr als dumme Spinnerei im meistens sinnlosen Name-Dropping bei prominenten Trainerstellen.

Kehren wir kurz zusammen, was für den Bundes-Jogi sprechen würde. Erstens mal ist er schon bald verfügbar. Er spielt noch eben ein letztes Turnier als leitender Angestellter beim DFB, sucht dann aber eine neue Herausforderung. Zart umrissenes Interessengebiet: Spitzenclub. Zudem wird dem Präsidenten des Rekordmeisters, Florentino Perez, seit Jahren ein Faible für Löw nachgesagt. Bereits im WM-Sommer 2018 galt er als Nachfolger von Zinedine Zidane. Mit Blick zurück hätte er heute vielleicht anders entschieden als damals, als er seine deutsche Nationalmannschaft in die Katastrophe coachte. Und mit Toni Kroos, seinem fußballerisch wohl engsten Vertrauten, hat Löw einen mächtigen Lobbyisten in Madrid.

Zidanes Abschied bei Real ist besiegelt Tja, wie sich die Lage doch ähnelt. Wie 2018 hat Zidane bei den Königlichen Schluss gemacht. Weil er es wollte. Ist schon eine komische Situation in diesem Jahr: Früher wurden Trainer gefeuert, heute gehen sie freiwillig oder werden aus ihren Verträgen herausgekauft (siehe der Rotations-Wahnsinn in der Bundesliga).

Bei Zidane war es dieses Mal indes ein Entschluss mit Ansage. Nicht ganz so überraschend wie bei seinem ersten Abgang. Warum er nun geht? Gesagt hat er nichts. Womöglich fühlte er erneut, dass er in Madrid nichts mehr bewegen kann. Womöglich hat ihn auch die dauerhafte Kritik der immer angriffslustigen Medien zermürbt. Mit denen stritt er sich öffentlich, forderte von ihnen sogar, ihm ins Gesicht zu sagen, dass sie ihn als Trainer nicht mehr sehen wollen. Womöglich ist er auch einfach nur enttäuscht, dass er erstmals als Trainer aus einer Saison herausgeht, ohne eine Trophäe gewonnen zu haben. Ja, tatsächlich, erstmals seit elf Jahren beendet Real eine Spielzeit ohne Zugang für die Schatzkammer.

Nun, so richtiger Mist war die vergangene Saison allerdings auch nicht. Klar, die Niederlage in der Liga schmerzt. Dass ausgerechnet der Stadtrivale Atletico die Meisterschaft in einem spektakulären Showdown gewonnen hat, muss man nicht haben. Dass es in der Champions League im Halbfinale gegen den FC Chelsea nicht gereicht hat, mein Gott, andere wären froh, wenn sie überhaupt so weit kommen würden. Aber wir schreiben eben über Real, über diesen großen Club, der sich über Titel definiert. Und noch einmal kurz zurück zur Königsklasse: Im zweiten Duell mit den Londonern wählte Zidane eine Taktik, die seine eigene Mannschaft nicht verstand. Zwar war sein Team wohl nie verwirrter als in diesem Spiel, aber es war eben nicht der erste taktische Kniff, der nicht (mehr) funktionierte. Der Trainer, den schon als Spieler eine mythische Aura umwehte, hatte seinen Zauber verloren.

Zidane schmeißt hin - dieses Mal endgültig?

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Raúl, das wäre doch charmant

Es braucht also einen neuen Mann (oder natürlich eine Frau), einen (eine), der (die) dieses nach wie vor äußerst prächtig besetzte Ensemble erweckt. Gehandelt werden einige Namen. Löw eben. Antonio Conte, der Meister-Trainer von Inter Mailand, der gerade erst zurückgetreten ist, oder auch der legendäre Raúl, der sich derzeit erfolgreich bei der zweiten Mannschaft des Vereins beweist. Diese Lösung wäre tatsächlich sehr charmant. Aber ist sie wahrscheinlich? Warum nicht? Und Conte? Nun, der verlässt Inter wohl auch, weil er keine Lust auf den Sparkurs hat. Aber dann zu Real, wo es mittlerweile auch alles andere als prima um die Finanzen steht? Nun ja.

Davon bräuchte es in der spanischen Hauptstadt derweil so einiges, denn so gut der Kader noch bestückt ist, so dringend nötig ist der Umbau. Für diesen müsste Zidane wohl auch einigen Vertrauten weh tun. Wie lange Luka Modrić trotz Vertragsverlängerung noch unumstritten ist? Wie lange Toni Kroos? Wie lange Karim Benzema? Nun, noch sind die gesetzt. Die Probleme sind andere: Zu viele teure Nebendarsteller werden beschäftigt. Zu wenige Hauptdarsteller mit großer Perspektive.

Da sind die einst sündhaft teuren Eden Hazard und Gareth Bale, für die Real mal jeweils gut 100 Millionen Euro bezahlt hat. Hazard ist eigentlich immer verletzt, und Bale, der den Verein zuletzt immer wieder auf bisweilen erstaunlich arrogante Art provoziert hatte, war in der vergangenen Saison an Tottenham Hotspur ausgeliehen. Beide stehen zum Verkauf - wie auch Isco, Marcelo oder Raphael Varane. Ob die Einnahmen indes reichen würden, um sich mit einem neuen, schicken Luxusartikel einzudecken? Fraglich. Kylian Mbappé von Paris St. Germain wäre so einer. Der Dortmunder Erling Haaland ein anderer. Das klitzekleine Problem: Mutmaßlich sind diese beiden die derzeit teuersten Spieler am Markt.

Ramos und die Super League

 November 17, 2020, Sevilla, Spain: Sergio Ramos of Spain is injured during the UEFA Nations League group stage match between Spain and Germany at La Cartuja in Sevilla, Spain. Sevilla Spain - ZUMAd159 20201117_zia_d159_075 Copyright: xIndirax
Was wird aus ihm? Sergio Ramos möchte gerne noch zwei Jahre für Real Madrid spielen.
© imago images/ZUMA Wire, Indira via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Weitere Probleme? Aber ja! Sergio Ramos etwa. Die Klublegende. Der Abwehrchef. Zuletzt mehr verletzt als einsatzbereit, möchte gerne bleiben. Per se keine schlechte Idee. Als Anleiter für eine neue Ära gibt es sicher schlechtere Fußballer. Aber der 35-Jährige, dessen Vertrag in knapp fünf Wochen ausläuft, möchte gerne für zwei weitere Jahre bleiben. Der Verein möchte vorerst nur um ein Jahr verlängern. Wegen der Verletzungen und so. Und wegen des Preises, den Ramos für seinen Verbleib aufrufen wird.

Und jetzt, alles erzählt? Oh, nein. Da ist ja noch das leidige Thema Super League. Real gehörte zu den Initiatoren. Weil sich die Madrilenen ebenso wie der FC Barcelona und Juventus Turin beharrlich geweigert hatten, der Super League abzuschwören, drohen nun empfindliche Strafen. Die äußerst wütende UEFA hat bereits ein entsprechendes Verfahren eröffnet.

Nun, ohne dass Zidane gesagt hat, warum er den Club in diesem Sommer freiwillig verlässt, man bekommt so eine Ahnung, was ihn bewogen haben könnte. Blöd für ihn: Die mögliche Wiedervereinigung mit Cristiano Ronaldo bei Juventus Turin wird wohl nicht zustande kommen. Denn die "alte Dame" arbeitet offenbar an einem Deal mit Massimiliano Allegri. Und Löw? Der will laut "Bild" nach der EM erst mal ein halbes Jahr Pause machen. Aber ob er das tatsächlich tun würde, wenn Real anruft?